Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Riskante Mission

Haddad ersetzt Lula

Von Peter Steiniger
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»Haddad ist Lula«: Die Arbeiterpartei möchte des Anhänger des populären Politikers davon überzeugen, für ihren neuen Kandidaten, Fernando Haddad (2. v. r.), zu stimmen

Viele Brasilianer wissen bislang nicht einmal, wie sie seinen Namen aussprechen sollen. Nun wird es der 55jährige libanesischer Herkunft sein, der »Brasilien wieder glücklich« macht. So verspricht es die Kampagne der linken Koalition, als deren Präsidentschaftskandidat Fernando Haddad an Lulas Stelle im Oktober ins Rennen geht. Mit der Kommunistin Manuela d’Ávila als Vize bildet er ein hübsches Paar. Kein Nachteil in einer Auseinandersetzung, die von Bildern und Emotionen mehr geprägt wird als von Programmen. Die Entscheidung dürfte erst in Runde zwei, in einer Stichwahl fallen. Dorthin zu gelangen, wird für den Politiker der Arbeiterpartei, der nicht zu deren »alter Garde« zählt, kein Spaziergang. Lulas Leuten den Weg zurück in den Palácio do Planalto – aus dem 2016 Dilma Rousseff auf die neue, »sanfte« Art geputscht wurde – zu versperren, ist die logische Fortsetzung. Hoch privilegierte Richter dienen dabei als Machtmittel. Das Militär sichert mit ab.

Statt ins Exil, begab sich Lula als Märtyrer in die Hand des Feindes. Ihn erst recht aufzustellen und so lange wie möglich im Spiel zu halten, war eine Taktik, die für die PT bisher aufging. Die einen nennen es Wählertäuschung, die anderen Politik. In der Liebe und im Krieg der Klassen ist einiges erlaubt. Lula wurde erst recht zum Symbol. Erst spät wurde Haddad eingewechselt, im selben Trikot. Bis zum Wahltag fließt noch etwas Wasser den Amazonas hinab, nun sollen die Lula-Stimmen wandern. Mit Zensur bei den Wahlspots der Partei wird das zwar behindert. Doch die PT besitzt eine kräftige Propagandamaschine und eine große, aktive Anhängerschaft. Etwas Vertrauen in die elektronischen Wahlurnen vorausgesetzt, stehen die Chancen für den etwas anderen Lula gut. Eine Reinkarnation der volkstümlichen PT-Legende ist São Paulos hochgebildeter Exbürgermeister nicht. Trotz erfolgreicher Stadtpolitik verlor er 2016 das Amt gegen den millionenschweren Showmaster João Doria. Die Stimmung war gegen die PT, die heutige Politik im Land ist der Preis dafür.

Ohne Lula im Rennen treibt der Schmutz nach oben. Jair Bolsonaro, ein Rassist und Frauenfeind mit einer Vorliebe für faschistische Methoden, liegt vorn. Er hat den Segen der Eliten und rechter Evangelikaler mit Masseneinfluss. Ihn gilt es zu schlagen im Stechen. Als Opfer einer Messerattacke im Wahlkampf erhielt er viel Publicity. Ein anderer Kandidat, der nach links neigende Oligarchenspross Ciro Gomes, glaubt, dass die Brasilianer »keinen kollektiven Selbstmord begehen werden«. Wie war das bei Trump, der heute das mächtigste Land der Welt regiert?

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Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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