Aus: Ausgabe vom 13.09.2018, Seite 1 / Titel

Erdogan nimmt Geisel

Türkische Polizei verhaftet junge Welt-Autor Max Zirngast. Vorwürfe unter Verschluss gehalten. Kollegen fordern sofortige Freilassung

Von Alp Kayserilioglu und Joan Adalar
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Ein über Twitter verbreitetes Foto zeigt, wie Max Zirngast (Foto rechts) von türkischen Polizisten abgeführt wird

In der Türkei ist ein weiterer kritischer Journalist verhaftet worden. Der österreichische Autor Max Zirngast, der unter anderem für junge Welt schreibt, wurde am Dienstag um fünf Uhr morgens in seiner Wohnung in Ankara von Einheiten der Antiterrorpolizei festgenommen. Zur selben Zeit wurden zwei türkische Staatsbürger in Ankara festgenommen. Bis zum Redaktionsschluss lagen keine genaueren Informationen vor, was den dreien vorgeworfen wird. Zirngasts Rechtsanwalt wurde mitgeteilt, dass die Akten unter Verschluss seien. Augenzeugen berichteten, dass der Durchsuchungsbefehl mit der »Unterstützung für eine terroristische Organisation« begründet worden sei. Zirngast werde vorgeworfen, dass seine ehrenamtlichen Tätigkeiten für eine alternative Sommerschule für Kinder aus armen Familien der Unterstützung einer illegalen »Terrororganisation in Nordsyrien« dienten. Andere Quellen vor Ort sagten aus, dass ihm seine »politischen Publikationen« vorgeworfen würden. Anwälte gehen davon aus, dass Zirngast und die zwei türkischen Staatsbürger spätestens Samstag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Max Zirngast lebt seit 2015 in Ankara, wo er sein Studium der Politikwissenschaften fortsetzte. Zugleich ist er als linker Journalist und Autor tätig und publiziert regelmäßig in englisch- und deutschsprachigen Medien, neben junge Welt unter anderem im Internetportal Re:volt und im US-Magazin Jacobin. In türkischer Sprache schreibt er für die sozialistische Monatszeitschrift Toplumsal Özgürlük. Beteiligt war er in den letzten Jahren auch an Wahlkampagnen der Linkspartei HDP, und er organisierte Seminare über den Marxismus. Eine Meldung der österreichischen Agentur APA, wonach »gut informierte Kreise« geäußert hätten, dass Zirngast für einen »radikalen Ableger der Kommunistischen Partei« tätig gewesen sei, wurde inzwischen dementiert. Zirngast sei in keine illegalen Aktivitäten verwickelt, betonten sein Anwalt sowie seine Kollegen von Re:volt.

Die Festnahme von Max Zirngast ist Teil einer ganzen Reihe von Verhaftungen journalistisch tätiger Personen. Im vergangenen Jahr erhielten im deutschsprachigen Raum insbesondere die Inhaftierung des Welt-Journalisten Deniz Yücel sowie der für die Nachrichtenagentur Etha tätigen Mesale Tolu Aufmerksamkeit. Beide sind zwischenzeitlich freigekommen und konnten nach Deutschland ausreisen. Tolu verurteilte am Mittwoch die Festnahme Zirngasts gegenüber junge Welt. Sie zeige, »dass die türkische Regierung weiterhin gegen jegliche Opposition vorgehen wird. Max Zirngast ist ein Journalist, der wie Hunderte Kolleginnen und Kollegen recherchiert und berichtet hat. Journalismus ist kein Verbrechen!« Das Problem dieser unrechtmäßigen Inhaftierungen müsse grundlegend gelöst werden. Der österreichische Regierungssprecher Peter Launsky-Tieffen­thal forderte Ankara über Twitter auf, die Gründe für die Festnahme vorzulegen und Zirngast sofort freizulassen. Auch Kanzler Sebastian Kurz forderte am Mittwoch unverzügliche Aufklärung oder die sofortige Freilassung des Journalisten.

Laut Zahlen des Stockholm Center for Freedom (SCF) befinden sich derzeit 237 Journalisten und bei Medien Tätige in der Türkei in Haft. So wartet zum Beispiel der freie Journalist und Sozialarbeiter Adil Demirci seit Frühjahr dieses Jahres auf seine Freilassung. Zudem werden weiterhin kritische Medien gleichgeschaltet. So sind in dieser Woche nach einem erzwungenen Führungswechsel bei der Tageszeitung Cumhuriyet zahlreiche Mitarbeiter zurückgetreten oder entlassen worden.

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