Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Burleske im Stechschritt

»Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!« Das achte Album der New Yorker Metal-Band Hanzel und Gretyl

Von Hagen Bonn

Es war einmal ein Mädchen, das nannten alle, ob der roten Kappe, die es auf dem Kopfe trug … Ach, lassen wir das! Hört besser mal in dieses Frischwerk rein: »Unter die Sternen / Unter der Mond / Ich bin für immer / vom Teufel verdammt …« So klingt es (original!) im rockfröhlichen New York des Jahres 2018, wo die Band Hanzel und Gretyl einen Industrial-Metal zelebriert, der einfach nur nach mehr schreit. Mehr falsches Deutsch, mehr Riffmonster und mehr Unfug im Quadrat!

»Satanik Germanik« heißt das neue Machwerk des Herrn Hanzel und der Dame Gretyl für die Jünger des Deutsch-Dümmelnden. Das achte Album des Duos diabolus bleibt in Sachen Textkonzept und Musik den Vorgängern verbunden. Naziästhetik wird klamaukhaft überhöht und durch den Wolf gedreht. Das bunte Gemisch aus burlesken Reimen und Stechschrittgitarren entwickelt enorme Durchschlagskraft (Achtung: Bitte nicht unter 90 Dezibel!).

Zur kulturpolitischen Einordnung: Wenn die US-amerikanische »Volksseele« krakeelt, Demokratie und Freiheit (und vergessen wir bitte Gott nicht) stünden über allem – sogar wenn die Mehrheit beschlösse, Demokratie und Freiheit abzuschaffen –, halten aufgeklärte Landsleute das für völlig absurd. Aber eben nur die. Kaum zu überschätzen ist die ideologische »Unbedarftheit« breiter Volksgruppen in den USA, wo Ku-Klux-Klan, Präsidentenmilliardäre und Indianerreservationen so normal sind wie »Mein Kampf« im Schaufenster eines Buchladens im Mittleren Westen. Dass daneben Bücher von Papst Franziskus und »Pippi Langstrumpf« ausliegen, irritiert nur Ausländer und macht die Sache nicht um einen Cent besser.

Es war Karl Marx, der glühende Hoffnungen in dieses Land setzte und Ende November 1864 an Abraham Lincoln schrieb: »Vom Anfang des amerikanischen Titanenkampfs an (Marx meint den Krieg der Nordstaaten gegen die Plantagensklaverei der Südstaaten, auch Amerikanischer Bürgerkrieg genannt; d. A.) fühlten die Arbeiter Europas instinktmäßig, dass an dem Sternenbanner das Geschick ihrer Klasse hing.«

Nun, wir werden noch sehen, wohin das führt. Schon länger sagt man in den USA gern und oft »to buy something«. Die wörtliche Bedeutung ist »etwas kaufen«, die eigentliche Bedeutung »etwas glauben«. Tiefer kann die Kapitallogik nicht einsickern! Wo ideologisch alles gleich ist, weil das die mentale Grundsubstanz des »freien« Marktes und seiner »freien« Konkurrenz ist, wo aber der Gleiche nur als der Andere begriffen wird, der im Tagesgeschäft als Konkurrent und also Bedrohung unsere Wege kreuzt, als jemand, den man wegdrängen, niederhalten oder ausschalten kann – nein muss, da muss Kunst ausbrechen, schockieren oder den gesprungenen Spiegel vorhalten. Und so muss man Hanzel und Gretyl verstehen: Die kokettieren nicht mit dem Bösen, die liebäugeln nimmer mit dem Stechschritt, nein, sie nutzen ihn, um Arsch zu treten!

»Ich bin der Kraut mit der großen Schnitzel!« Was bei Demos die »Clown Army«, ist Hanzel und Gretyl im Musikgeschäft der berüchtigten Stadt am Hudson: »All Hail der Dunkelheit ins Himmel / Schwarze Monde steigend in der Nacht / All Hail die Böse das wir kennen / Die Leben ist ein Traum / So lass deine Teufel raus!« Nun ja, Genossen, was soll ich da noch hinzufügen?

Hanzel und Gretyl: Satanik Germanik (Metropolis Records)


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