Aus: Ausgabe vom 12.09.2018, Seite 5 / Inland

»Historischer Moment«

Zum ersten Mal streikt das Kabinenpersonal bei Ryanair

Von Susanne Knütter
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Zum ersten Mal will das Ryanair-Kabinenpersonal in Deutschland streiken (hier eine Demonstration für bessere Arbeitsbedingungen am 11.9.2018 in Frankfurt am Main)

Die deutschen Ryanair-Flugbegleiter werden am heutigen Mittwoch zum ersten Mal streiken. Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle nannte das einen historischen Moment – was den Anschein erweckte, als habe es nichts mit der Gewerkschaft zu tun, dass Streiks bislang ausgeblieben sind. Neu ist auch, dass Verdi und die Vereinigung Cockpit gemeinsam versuchen, Verbesserungen für die Beschäftigten der größten Fluggesellschaft in Europa zu erzielen.

Hintergrund sind die ergebnislos gebliebenen Tarifrunden mit Ryanair am 15. August und 5. September. Aufgerufen haben Verdi und die Vereinigung Cockpit nun ungefähr 1.000 Flugbegleiter und 400 Piloten an zwölf Ryanair-­Basen in Deutschland.

Zwar wurde in Deutschland vor drei Monaten aufgrund des Drucks der Beschäftigten das Entgelt erhöht, nachdem es zuvor den Verdacht auf regelmäßige Verstöße gegen das Mindestlohngesetz gegeben hatte. Doch verdienen die Beschäftigten bei Ryanair gegenüber dem Billigflugkonkurrenten Easyjet in vergleichbaren Positionen rund 1.000 Euro (brutto) weniger im Monat. Das Basisgehalt für direkt bei Ryanair Angestellte beträgt zwischen 800 und 1.200 Euro bei Vollzeit-Tätigkeit. Bei maximal realistischer Flugstundenanzahl – also 900 Stunden – und Zuschlägen kommen die Beschäftigten auf ein Gehalt zwischen 1.800 (Flugbegleiter) und 2.700 Euro (Leitung der Kabinencrew) brutto pro Monat.

Etwa 700 der 1.000 Flugbegleiter in Deutschland sind Leiharbeiter, deren Verträge auf maximal zwei Jahre befristet sind. Zum Teil befinden sich die Beschäftigten bis zu acht Jahre bei einer der beiden Leiharbeitsfirmen, Crewlink und Workforce, die nur an Ryanair entsendet. Die Mehrheit der Leiharbeiter erhält kein Basisgehalt. Vergütet werden nur die Flugstunden, die Bodenzeit nicht. Gleichzeitig gibt es keine Flugstundengarantie. Im Endeffekt bedeutet das, dass das Einkommen stark schwankt. Mit den maximal möglichen Flugstunden und Zuschlägen kommen die Angestellten auf ungefähr 1.500 Euro brutto im Monat. Bei weniger Flugstunden kann das Einkommen auf unter 1.000 Euro auch in Vollzeit sinken, heißt es in der gewerkschaftlichen Handreichung.

In dieser Situation bietet die Fluggesellschaft bisher gerade einmal eine Anhebung des monatlichen Basisgehalts um 41 Euro innerhalb von drei Jahren an. »Völlig unzureichend«, meint Verdi-Verhandlungsführerin Mira Neumaier. Die Gewerkschaft fordert eine substantielle Entgeltsteigerung, doch Neumaier machte deutlich, dass nicht der Ausgleich der 1.000-Euro-Differenz zu Easyjet das Ziel dieser Verhandlungen ist. Ein Großteil der Forderungen betrifft respektvollere Arbeitsbedingungen. So seien Entfristungen von Verträgen, die Beförderung oder die Versetzung abhängig von individuellen Verkaufszahlen während des Flugs – den sogenannten On-Board-Verkäufen –, Einschüchterungen und Disziplinaranhörungen bei zu geringem Umsatz die Regel. Verdi habe zahlreiche Berichte über Arbeitssituationen, in denen sicherheitsrelevante Aspekte hinter Verkaufszahlen zurückstünden. Auch Krankheitsgründe müssten dem Vorgesetzten gemeldet werden. Bei zu vielen Krankheitstagen – das seien nach Verdi-Angaben fünf Tage im Jahr – drohten Abmahnung und Disziplinaranhörungen.

Aus diesen Gründen sei Verdi vor allen Dingen ein Tarifvertrag wichtig, der dem deutschen Arbeitsrecht entspricht. Wie Christine Behle erklärte, haben alle Kabinenbeschäftigten individuelle Arbeitsverträge, für die in der Regel irisches Arbeitsrecht gilt. Dieses sei jedoch noch schlechter als das deutsche. Verträge nach deutschem Arbeitsrecht hätten laut Behle Verbesserungen bei der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, dem Kündigungsschutz und der Arbeitnehmerüberlassung zur Folge.

Laut Behle erwartet Verdi eine sehr große Beteiligung am Streik. Dass die Fluggesellschaft nicht mehr gänzlich unbeeindruckt ist, zeigt ihre Ankündigung von Dienstag nachmittag, 150 von 400 Flügen am heutigen Mittwoch zu streichen. Gut anderthalb Stunden zuvor hatte das Management laut dpa noch verlauten lassen, man werde versuchen, den kompletten Flugplan zu erfüllen, und rief die Angestellten zur Arbeit auf. Neumaier geht davon aus, dass das Management Druck ausüben wird. Ryanair hat bisher jeden Streik zu sabotieren versucht. Während der Arbeitsniederlegung der Flugbegleiter in Portugal seien Hunderte Streikbrecher eingesetzt worden.

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