Aus: Ausgabe vom 11.09.2018, Seite 4 / Inland

Allendes Internationale

45 Jahre nach Putsch in Chile: Zeitzeugen sprachen in Berlin über demokratischen Prozess, der am 11. September 1973 gewaltsam beendet wurde

Von Carmela Negrete
1_HALL_Große_Demo_im_Stadion.jpg
»Vorwärts, Genossen, das Volk antwortet!« Großdemonstration für Demokratie in Chile (Archivbild, Anfang der 1970er Jahre)

Es gäbe viele Gründe, das französisch-belgische Wissenschaftlerpaar Michèle (77) und Armand Mattelart (82) nach Berlin einzuladen. Der Soziologe ist eine internationale Koryphäe der Kommunikationswissenschaften. Seine Frau, Literaturwissenschaftlerin, hat zahlreiche Recherchen über Frauen, Politik und Kommunikation durchgeführt und Bücher zu diesen Themen veröffentlicht. Aber beide waren am Donnerstag zum allerersten Mal im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin zu Gast, um über eine Periode ihres Lebens zu sprechen, die beider Karrieren radikal verändert hat: die demokratische Erfahrung von Salvador Allendes Regierung in den Jahren 1970 bis 1973.

Beide Mattelarts unterrichteten dort an der Universität von Santiago de Chile, arbeiteten im neu geschaffenen Studienzentrum für die Nationale Realität (Centro de Estudios de la Realidad Nacional, CEREN auf spanisch). »Wie man aus dessen Namen erahnen kann, war bis zu diesem Zeitpunkt die Realität des Landes für die Wissenschaft irrelevant«, versichert Michèle, die ihren Lebenspartner bereits als Studentin kennengelernt hatte. »Unsere Vision änderte sich damals.« Für das CEREN mussten sie zahlreiche Menschen befragen. »Es waren oft sehr intime Interviews, und die Menschen hatten die Hoffnung, dass dadurch, dass sie uns ihr Elend erzählten, wir das ändern können«, so Michèle. Das hat ihr zu schaffen gemacht.

Als Salvador Allende die Wahlen gewann, fingen beide Wissenschaftler an, für seine Regierung als Berater für die Entwicklung der Kommunikationspolitik zu arbeiten. Darüber hinaus engagierten sie sich und und halfen dabei, alternative Jugendzeitschriften zu gründen, setzten sich mit der Rolle der Massenmedien auseinander und gaben eine Reihe von Weltliteraturtiteln zu günstigen Preisen für die einfache Bevölkerung heraus.

Für Armand Mattelart war damals Chile »der einzigen Versuch, einen sozialistischen demokratischen Staat zu etablieren, in dem es keine Abschaffung der Freiheiten gab und daher keine Zensur«. In diesen Jahren hätten die Volksmassen die Kommunikationsmittel für sich beansprucht. Mattelart erinnert sich, dass vor allem das Kino eine sehr wichtige Rolle bei der Demokratisierung der Medien spielte. Deutsche aus der DDR und Kubaner hätten in diesem Sinne »eine sehr gute Arbeit« gemacht. Anderen Fachkräften aus der Deutschen Demokratische Republik begegnete der Soziologe nicht.

Auf die Frage nach ihrem Verhältnis zur Sowjetunion erzählte Frau Mattelart, sie habe beim sowjetischen Einmarsch in Ungarn 1956 Angst empfunden. Allende seien solche Vorgehensweisen sehr fremd gewesen. Die demokratische Periode in Chile und der intellektuelle Austausch seien entscheidend dafür gewesen, dass die Theorien des italienischen Philosophen und Marxisten Antonio Gramsci sich verbreiten konnten. Die Kommunistische Partei Chiles PCCh habe großes Ansehen und Respekt in der chilenischen Gesellschaft genossen, vor allem, weil sie Menschen wie den Dichter Pablo Neruda in ihren Reihen hatte.

An der Universität der Mattelarts hatten auch die »Chicago boys« studiert – eine Gruppe chilenischer Wirtschaftswissenschaftler, die von der Überlegenheit »freier Märkte« überzeugt waren und sich für Privatisierungs- und Deregulierungsmaßnahmen stark machten. Unter der Diktatur Augusto Pinochets gewannen sie in Chile wirtschafts- und sozialpolitisch großen Einfluss.

Die Richtung, so die Mattelarts, sei damals schon zu erahnen gewesen. Sie erinnern sich aber auch daran, dass ab den 1970er Jahren zahlreiche linke amerikanische Wissenschaftler sich für Chile interessierten.

Kein Wunder, dass nach der Machtergreifung von Pinochet am 11. September 1973 das Ehepaar mit seinen Kinder das Land verlassen musste, denn der Diktator erklärte sie zu unerwünschten Personen. Erfahrungen wie die der Mattelarts in Allendes Zeit wollte der Journalist Nils Brock vom Nachrichtenpool Lateinamerika e. V. sammeln und wendete sich an das Historische Zentrum der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Der Historiker Uwe Sonnenberg erklärte am Donnerstag bei der Vorstellung dieses Projektes, zu Allendes Zeit sei versucht worden, »die Strukturen des bürgerlichen Staats umzubauen, hin zu einer Demokratie mit mehr Bürgerbeteiligung«.

Das Projekt ging am Donnerstag zweisprachig auf deutsch und spanisch online. Auf der Internetseite www.internationalallende.org sind die Biographien und Beweggründe von rund 30 Internationalisten zu finden, die sich damals am Aufbau des neuen chilenischen demokratischen Staates beteiligten. In den nächsten zwei Jahren soll es um weitere Lebensläufe ergänzt werden. Ein vergleichbares Vorhaben gab es bisher nicht. Bekannte Unterstützer Allendes waren damals der »rote Bischof« Helmut Frenz oder der brasilianische Pädagoge Paolo Freire. Viele andere Menschen, die sich damals für eine andere Gesellschaft in Chile einsetzten und hier vorgestellt werden, sind bis heute weniger bekannt.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Compañero Presidente Salvador Allende Gossens (1908-1973)

Ähnliche:

Mehr aus: Inland