Aus: Ausgabe vom 15.09.2018, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kommandosache Lenin

Vorabdruck. Jörg Schröder erzählt Barbara Kalender »Das ganze Leben«

Von Jörg Schröder und Barbara Kalender
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Avantgarde der Kommunikationsguerilla: März-Verleger Jörg Schröder am Mikrophon während einer Pressekonferenz in Kranichstein am 8. Dezember 1969

Es war einer der größten Skandale der bundesdeutschen Literaturgeschichte: Als der Verleger Jörg Schröder 1972 unter dem Titel »Siegfried« seine Erinnerungen veröffentlichte, die er dem Schriftsteller Ernst Herhaus erzählt hatte, wurde er mit zahlreichen einstweiligen Verfügungen und Unterlassungsklagen überzogen. »Eine Chronik, die tief ins Innere dieses Nachkriegsdeutschlands blicken ließ und vor allem ins dunkle Herz des sogenannten Kulturbetriebs«, urteilte die FAZ 2004. Dieser Tage erscheint im Verlag Schöffling & Co. eine Neuauflage von »Siegfried«. Sie enthält auch die von Barbara Kalender aufgezeichnete Vita Jörg Schröders, »Das ganze Leben«. Aus dieser veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlages einen Auszug. (jW)

Ende April 1969: In der Anthologie »März-Texte 1« wurde das »Statement« vom 11. April 1969 abgedruckt, darin hieß es unter anderem: »Das Programm des März-Verlages wird bestimmt durch Publikationen, deren Tendenzen die Erweiterung bestehender literarischer und politischer Bewusstseinsformen meint. Literatur und Politik sind darin nicht voneinander abzugrenzen, sondern bedingen und ergänzen sich. Das eine ist die Erweiterung des anderen.«

Beide Anthologien waren Pilottitel, mit »März-Texte 1« und »Acid« wollte Jörg zeigen, wie das Programm des neu gegründeten Verlags aussehen sollte. Später blickte er auf 1969 zurück und erklärte: »Ich wollte ein geiles Programm machen, nicht spezifisch sexuell, aber auch. Retrospektiv ist es leicht, diese Mixtur aus Literatur, Comics, Pädagogik, Sex, Politik, Drogen als Experiment der Postmoderne zu definieren oder in diesem März-Verlag ›den kulturrevolutionären Verlag‹ zu sehen, wie Karl Heinz Bohrer es bereits 1972 tat.«

Sommer 1969: Beim Jaguar-Händler Lindner in Frankfurt stand das einzige Exemplar Hessens auf dem Hof. Zitat: »Sandfarben, sehr dezent, dreißigtausend auf dem Tacho, fast neu von einem Konkursnik zurückgekommen. Der 420 G kostete 1969 nur dreißigtausend Mark, nach jetziger Kaufkraft etwa sechzigtausend, soviel, wie man heute für einen gebrauchten großen BMW oder einen neuen Volvo hinlegen muss. Das ist vom Preis her eigentlich gar nicht der Rede wert, dennoch war der Wagen die beste Werbeinvestition für die grünen Bücher der Olympia Press und die gelben des März-Verlags. Jede zweite Pressemeldung in jener Zeit beschäftigte sich mit meinem Jaguar. Dieses erzkonservative, seltene Gefährt in Verbindung mit Avantgarde-Literatur, linken Büchern und Pornographie war eine gute Story. An diesem Gegenstand entlang könnte man die Chronik des ersten März-Verlags erzählen, sozusagen als Autobiographie.« (…)

Oktober 1969: »Titel, Thesen, Temperamente« ist bis heute ein Kulturmagazin im ARD-Fernsehen. Ein Interview mit Jörg führte Hansjürgen Rosenbauer, der spätere Intendant des ORB.

26. August 1969: Geburt der zweiten Tochter Susanne.

Herbst 1969: Nach anderthalb Jahren war die Ehe von Erika und Jörg in einer Krise. Zunächst planten sie die Trennung. Schließlich einigten sich die beiden auf eine offene Beziehung und einen Umzug von Darmstadt nach Frankfurt a. M. Erika suchte die Wohnung in der Günthersburgallee. Beide Töchter besuchten den Kinderladen Röderbergweg-Günthersburgpark.

November 1969: Der März-Verlag zieht von Darmstadt nach Frankfurt a. M. in die vierte und fünfte Etage eines Hochhauses in der Schwindstraße.

Dezember 1969: Jörg erfand die Bürgerinitiative »Rettet den Langen Ludwig«. Die roten Plakate klebten überall in Darmstadt, Zitat: »Aus eingeweihten, dem Denkmalsamt nahestehenden Kreisen wurde bekannt, dass der Darmstädter Staatsanwaltschaft ein von sogenannten ›wissenschaftlichen Gutachtern‹ gestützter Antrag vorliegt, das Ludwigsdenkmal als ›sittengefährdendes Monument‹ zu inkriminieren. Ein Karnevalsscherz? Der Antrag ist wie folgt begründet: 1. Der ›Lange Ludwig‹ symbolisiert unzweideutig den intakten männlichen Geschlechtsapparat …« Ein klarer Fall von Ironie, um die Verfolgung erotischer Literatur zu karikieren. Jörg wurde wegen der Aktion aber tatsächlich wegen »ungenauer Adressenangabe« nach dem Hessischen Presserecht zu einer Geldstrafe von siebzig Mark verurteilt.

Von 1969 bis 1970: Diese Jahre waren geprägt von vielen Prozessen über die Freigabe von Pornographie. Erst 1970, als der März-Verlag schon im Frankfurter Westend-Hochhaus residierte, erfolgte der Freispruch in Sachen Frank Newmans »Barbara«, dem ersten Titel der Olympia Press. Dennoch besuchte monatlich der Leiter der Frankfurter Sittenpolizei den Verlag, er hatte dann eine Akte mit den neuesten Anzeigen dabei, denen er entnehmen konnte, welche Bücher in der Olympia Press erschienen waren, und bat höflich um Freiexemplare derselben. Zitat: »Dieser Sittenbulle, Schneider hieß er, saß mit seinem Assistenten auf meinem grünen Sofa, bekam einen Kaffee mit Cognac, fragte dann aufgeräumt: ›Herr Schröder, wie steht es denn gegenwärtig in Bonn? Wie sieht es derzeit dort mit der Gesetzeslage aus?‹ Ich erzählte ihm, Justizminister Jahn plane ein Porno-Hearing, oder welche Gesetzesnovellen gerade wieder grassierten. Anschließend wurde der Sittenpolizist quasi privat und babbelte hessisch: ›Ei, was Se do mache, des is ja ibähaubt kaa Problem meä fir uns. Des indressiät doch uns net meä. Wisse Se ibähaubt, was unsä Haubtsorsche sin? Des sin die Schlitzä, die verdammde Schlitzä!‹ – ›Was ist das denn?‹ – ›Ei, des sin doch die, die mit dene Rasiäklinge in de Strasseboo dene Fraue die Klaadä von hinne uffschlitze, un dann fällt dene vonne die ganz Kleddasch runnä!‹ Eine Stunde informierte er mich über diese Aufschlitzer, wie schwer sie zu fassen seien, und dass die schlimmer seien als der ganze Kiez und die ganze Pornographie zusammen.«

Frühjahr 1970: Ernst Herhaus gab persönlich ein Manuskript im März-Verlag ab, so lernte Jörg ihn kennen. Seine »Notizen während der Abschaffung des Denkens« erschienen bei März und wurden viel beachtet. Der Band enthält im fragmentalen Stil der Kritischen Theorie Gedanken zum Kapitalismus, aber auch Anekdoten, wie sie Brecht in den »Kalendergeschichten« oder Hebel im »Rheinischen Hausfreund« schrieb. Da Ernst Herhaus mit Max Horkheimer befreundet war, wird in seinen Notizen auch die Erzählung von Friedrich Pollock über die Gründung und die Geschichte des Instituts für Sozialforschung, insbesondere über den Mitgründer und Mäzen Felix Weil, abgedruckt.

Frühjahr 1970: Die Bismarc Media bezog die fünfte Etage im Frankfurter Westend über dem März-Verlag. Ein fashionables Büro mit Warhols und Lichtensteins Silkscreens an den Wänden. Im Chefzimmer saß Ernst Herhaus, er hatte vorher eine Zeitlang als Editor bei Harbridge House Inc. gearbeitet, einer Beratungsfirma, die sich mit dem »Managen des Managements« beschäftigte. Zitat: »Im Umfeld dieser Tätigkeit hatte Ernst Managementberater kennengelernt, pflegte Kontakte zu solchen Wirtschaftsinnovateuren und besülzte sie in der Sprache der Kritischen Theorie. Er war ja eng mit Max Horkheimer befreundet und beherrschte die Terminologie perfekt.« (…)

Diedrich Diederichsen schrieb 1984 in einem Aufsatz für den Spiegel: »So wie Schröder in seinen Erzählungen immer wieder das Geschäftliche an der Kultur hervorkehrt, so betreibt er selber bizarre literarische Geschäfte, in verschiedenen literarischen Genres. Einmal hatte er eine Agentur gegründet, die ›Bismarc Media‹, deren Aufgabe es war, nichts zu produzieren. Der Geschäftsführer sollte bloß hochtrabend daherschwafeln, aber nie konkret werden. Leider hielt der angestellte Geschäftsführer dies nicht lange durch. Früher oder später fing er an, sich Projekte auszudenken. Auf jeden Fall ein klarer Fall von Konzeptkunst, von konkreter Poesie in Finanzen. Und das Jahre bevor Baudrillard überall seinen philosophischen Horror vor dem Produzieren verbreitet.«

Uwe Schweikert schrieb dazu in der Neuen Rundschau, die im S. Fischer Verlag erscheint: »In ›Siegfried‹ findet sich eine Stelle, fast ein Märchen, die wohl am präzisesten umschreibt, was Schröder – der ja so etwas wie der Verleger der Kulturrevolution in der BRD war – vorschwebte. Es ist die Geschichte von der Gründung der Bismarc Media.«

22. April 1970: Anlässlich Lenins hundertsten Geburtstages wurde eine Briefmarke gefälscht und mit einem Protestschreiben an sämtliche Bundestagsabgeordnete geschickt. Zitat: »Bei einem seiner Besuche meinte Otto Jägersberg, damals noch auf DKP-Linie: ›Der Weltpostverein hat seinen Mitgliedern die Herausgabe einer Lenin-Gedenkmarke empfohlen. Frankreich, Holland, Italien und die sozialistischen Staaten machen das. Die Bundesrepublik weigert sich natürlich. Wollen wir nicht eine drucken lassen? Wäre doch eine wunderbare politische Aktion, und bedenke mal den astronomischen Sammlerwert!‹ Die Idee fand ich gut, also geheime Kommandosache: Uve Schmidt weihte den ehemaligen Banknotenfälscher Horst Baerenz ein, der inzwischen bei Pardon arbeitete. Baerenz stellte die Reinzeichnung her: eine rote Zwanziger mit Lenin-Kopf in Kupferstichmanier, links daneben: Deutsche Bundespost. Das sah sehr offiziell aus. Jedoch, wer sollte uns das drucken? Zunächst war kein Drucker bereit, die paar Blatt durchzunudeln, aber schließlich ließ sich die DKP-Druckerei in Frankfurt breitschlagen. Unter verschwörerischer Vergatterung druckte und perforierte sie die Bogen. Als die Auflage fertig war, stellte sich heraus, dass der Fälscher das falsche Geburtsdatum in die Reinzeichnung gesetzt hatte, statt 22. stand da 11. April 1870. Also musste die Marke noch mal durch die Presse.

Und als sie endlich fertig war, entwarfen Uve Schmidt und ich einen Brief an die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, der mit dem Satz endete: ›Kein unschuldiges Kuvert muss rot werden, wenn es die historische Wahrheit im rechten oberen Eck befördert.‹ Diese Briefe an die Volksvertreter frankierte ich mit einer echten Zehner- und unserer Lenin-Marke. Wir schickten natürlich auch einige Briefe an Freunde.

Ein paar Tage später lud mich die Staatsanwaltschaft wegen Wertzeichenfälschung vor, und es kam zu einem Prozess. Zwar hatte Rechtsanwalt Johannes Riemann mir vor der geplanten Aktion in einem Gutachten versichert, dass die Sache strafrechtlich unbedenklich sei, es könne höchstens eine Ordnungsstrafe dabei herausspringen. Ja, denkste! Im Prozess ließ die Bundespost einen Ministerialdirigenten auftreten, der als Gutachter gegen mich herumposaunte. Der gravierende, strafbewehrte Fehler bei meiner Sendung war nämlich, dass ich nicht dreißig Pfennig in gültigen Postwertzeichen neben die Fälschung geklebt hatte. Dann hätte die Bundespost den Lenin als Verschluss- oder Schmuckmarke werten müssen, und es wäre nur eine Ordnungsstrafe für mich herausgekommen, hundertfünfzig Mark ans Rote Kreuz oder so. Statt dessen wurde ich wegen Wertzeichenfälschung und Portodefraudation verurteilt, ein Vergehen, auf das Knast steht, an dem ich gerade noch mal vorbeischrammte. Die Strafkammer nahm es mir besonders übel, dass ich mich weigerte, Drucker und andere Mittäter zu nennen. Zwölftausend Mark brummten sie mir auf, die ich, nachdem die Berufung verworfen worden war, in Raten abstottern durfte.«

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Selbstgedruckte Lenin-Gedenkmarke (mit astronomischem Sammlerwert)

Juni 1970: Jörg fuhr mit Barbara Menzigal, der Assistentin der Bismarc Media, die fließend Italienisch sprach, in die Toskana, um ein Landhaus zu erwerben. Dort angekommen, kaufte sich Barbara einen purpurrosa Miniwickelrock aus Wildleder. Zitat: »Jetzt machte sie den Grafen mit ihren nackten Oberschenkeln verrückt. In einem orangefarbenen Fiat-­Jeep rumpelten wir wieder auf Landhaussuche los, der Jaguar war noch in der Werkstatt. Diese Karre hatte den Komfort eines Traktors, fuhr nicht mehr als sechzig, Gerardo kutschierte uns darin auf der Landstraße Richtung Siena. Kurz vor Greve in Chianti, nur zwanzig Kilometer von Florenz entfernt, bog er in einen Feldweg ein, und fünfhundert Meter weiter auf einem Hügel lag ein Anwesen – allein, doch nahe an der Zivilisation, das gefiel mir. Es gehörte dem Conte Castelbarco-­Albani, wir besichtigten es mit dem Chef seines Weingutes, Signore Mazzuoli, der ebenfalls vom neuen Wickelrock sehr angetan war. Mazzuoli erklärte uns, das Anwesen trage den Namen Bonille, sein Weinberg habe eine besonders gute Lage, die Lese sei jedoch für die Fattoria des Castello unökonomisch, weil er zu weit von den Uzzano-Weinbergen entfernt liege. Aus diesem Grund wolle Castelbarco die Bonille verkaufen. Das stimmte alles, der wirkliche Grund aber war: Der Graf brauchte Geld. Er verlangte für das Anwesen hunderttausend Mark, einen schönen Haufen Lire. […] Also bedenke: ein Weinberg von drei Hektar, ein gut erhaltenes Haus, unverputzte Bruchsteine, wie in der Region üblich, mit klassischem toskanischen Wohnturm, steiler Außentreppe, die zu den Räumen im ersten Stock führte, daran ein Anbau quer am Hang. Das ist der Reiz dieser Architektur: Ständig wurde etwas ergänzt, trotzdem hat sie nie eine Anmutung von Stückwerk. Die Kunst der mediterranen Baumeister ist es, Anbauten so hinzusetzen, dass sie das Auge erfreuen. Die Bonille gefiel mir so gut, ich musste sie einfach kaufen, es wurde gleich ein Vorvertrag unterschrieben.«

Allerdings hat Jörg dort nie übernachtet oder gar Urlaub gemacht. Er war in Frankfurt mit dem März-Verlag beschäftigt und musste später die Bonille und das Grundstück in der Toskana dem Atlantik-Filmkopierwerk in Hamburg zur Schuldentilgung übertragen, da Atlantik alle Olympia-Press-Filme hergestellt oder kopiert hatte.

Herbst 1970: Nach ihrer Verrentung zog Edith Neusch van Deelen nach Frankfurt und arbeitete im März-Verlag in der Buchhaltung. Abends und am Wochenende betreute Jörgs Mutter die beiden Enkeltöchter.

Januar 1971: Jörg plante eine Medien­fabrik im Stile Andy Warhols Factory und kaufte das Schloss in Niederflorstadt mit seinen Nebengebäuden. Zitat: »Meine Überlegung war: Ich mache vor, wie man mit Literatur reüssiert, später werden andere professionelle Leute dazustoßen. Wir brauchen ein großes Gebäude für eine Verlagsauslieferung, diversifizierte Kulturproduktionen: für die Bismarc Media, Filmer, Künstler, Architekten, Modemacher, Musiker. Und die Wertsteigerung der Gebäude sollte natürlich auch die Verlagsproduktion absichern. So war die Fabrik im Schloss gedacht, aber das wollten die Medien von mir nicht hören, für den Stern war ich der Pornokönig mit Schloss.«

Nach dem Kauf des Grundstücks entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Baron Erwin von Löw und Jörg. Es folgt eine jahrelange Korrespondenz bis zu Erwins Tod.

Juni 1971: In der Illustrierten Stern erschien ein mehrseitiger Artikel »Der Pornokönig«, in dem Jörg dem Interviewer mitteilt, dass er sich von Maurice Girodias trennen wolle wegen dessen überzogener Honorarforderungen. Daraufhin verklagte Girodias Jörg und erwirkte einen Pfändungsbeschluss. Anschließend fand eine Gläubigerversammlung der Verlage März und Olympia Press statt.

Sommer 1971: Der Joseph-Melzer-Verlag meldete Konkurs an.

September 1971: Weil der Lektor KD Wolff eine subversive »Rotz-März«-Zelle im März-Verlag gegründet hatte, um Jörg zu »entmachten«, kündigte Jörg ihm. Mit seiner Abfindung als Kommanditist von März und Olympia Press gründete KD Wolff einen eigenen Verlag und nannte ihn Roter Stern.

Oktober 1971: Auf das Anwesen in Niederflorstadt wurde eine Grundschuld für die Gläubiger des März-Verlags eingetragen.

Februar 1972: Der März-Verlag veröffentlichte im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel zusammen mit Otto Jägersberg eine Titelschutzanzeige für »Das grüne Jahr«. Sie wollten damit eine ökologische Bewegung ins Leben rufen.

April bis Mai 1972: Im März-Verlag ging es turbulent zu, Jörg wollte das Grundstück in Niederflorstadt verkaufen, um mit dem Erlös den März-Verlag zu sanieren. Deshalb wurde die Fassade des Schlosses in Niederflorstadt geputzt und angestrichen.

Zitat: »Dass ich Ernst Herhaus den ›Siegfried‹ auf Tonband erzählte, verdankt sich einem Sportunfall und Herhaus’ Beharrlichkeit. Als ich eines Mittags nach dem Fortschritt der Arbeiten in Niederflorstadt sehen wollte, kickten die beiden Anstreicher in der Mittagspause auf der Wiese unter den Kastanien. Und ich machte mit, es wurde ›Zwei auf ein Tor‹ gespielt. Die Kondition der beiden war besser als meine. Als mir die Puste ausging, hielt ich mein Bein hin und foulte. Bis es dem Maler Fleck (er hieß tatsächlich so) zuviel wurde, er machte die Blutgrätsche und traf mein ohnehin durch den Autounfall ramponiertes Bein. Kairos! Wegen einer Knochenhautentzündung musste ich liegen, und Ernst setzte sich an mein Bett. Er lag mir in den Ohren: ›Du bist doch ein großer Erzähler …‹ Und er brachte ein klappriges Philips-Tonbandgerät mit, ein Blechding, so scheppernd hat der auch abgespielt. Ernst sagte in seiner apodiktischen Art: ›Jetzt musst du mal erzählen.‹ Und wie das immer ist, wenn ich eine neue Geschichte beginne, die Zuhörer sitzen da mit erwartungsvollen Gesichtern, aber mein Kopf ist wie leer geblasen. Trotzdem fing ich an zu reden, Ernst hörte gespannt zu und lachte viel, das motivierte mich. Bis ich sagte: ›So, nun wollen wir mal richtig anfangen. Geh doch mal hinten in die Bibliothek, da stehen ein paar Aktenordner.‹ Meine Mutter hatte ein Fotoalbum angelegt auf Kartonblättern, wie sie ihr gerade in die Finger gekommen waren, die ersten drei blau, dann ein gelbes, dann ein grünes, ein rotes, alle nicht auf Register gelocht, kreuz und quer die Fotos. Aber die Legenden standen säuberlich darunter: ›Rewahl bei Kolberg 1940‹, ›Misdroy 1941‹, ›Garmisch 1942‹ … Und so fing ich an: ›Mit Säbel und Uniform, das war in Garmisch …‹ An den Fotos entlang begann ich meine Geschichte zu erzählen, aber bald legte ich den Ordner weg. Die ›Siegfried‹-Erzählung entstand in diesen vierzehn Tagen.

Ernst begann anschließend sofort mit der Transkription der Bänder. In drei Wochen war das Manuskript fertig. Seine große Leistung war, dass er den Text – mal abgesehen von den üblichen Redundanzen – so aufs Papier brachte, wie er erzählt worden war. Ich kann mir keinen zweiten Autor vorstellen, der so selbstlos hinter der Erzählung eines anderen zurückgetreten wäre. Für diese Haltung habe ich Ernst Herhaus bewundert und werde ihm immer dankbar bleiben.«

Mai bis Juni 1972: Im Herrenhaus von Niederflorstadt wurde der Film »Immobilien« gedreht. Otto Jägersberg und Jörg Schröder hatten das Drehbuch geschrieben, Dramaturg war der junge Helmut Dietl, der spätere Regisseur von »Kir Royal«. Im Film ging es einerseits um den Verkauf eines Herrenhauses, ein zweiter Erzählstrang handelte von »Lebe grün«, einem korrupten Bioversender avant la lettre. Gedreht wurde mit Starbesetzung: Maria Schell, Karlheinz Böhm, Christine Kaufmann, Hans von Borsody, Eva Mattes, Wolfgang Kieling, Siegfried Wischnewski, Veit Relin, Alwy Becker, Dieter Borsche, Lisel Christ u. v. a.

»Fassbinder für feine Leute«, titelte die Süddeutsche Zeitung nach der Sendung 1973 im ZDF. Dorothea Roth schrieb: »Jörg Schröder ist für den zusammen mit Otto Jägersberg verfassten Fernsehfilm ›Immobilien‹ ein Geschäftspraktiken bravourös aufdeckender, private Zwänge verständnisvoll behandelnder Autor. […] Aber wenn man nicht wüsste, wie richtig Schröder die Schlossbewohner bereits im ›Siegfried‹ gesehen und skizziert hat […]. Der Film, ein Fassbinder der feinen Leute sozusagen, zugleich mit Fellinischer Bravour aufgespürt und gefilmt, bildete mit dem kaleidoskopartig wechselnden Auftreten der Figuren, die deren Isolation nur noch stärker deutlich machte, eine fesselnde Studie; er malte zugleich ein kühles Porträt von Verhaltensweisen und von der Anfälligkeit selbstaufgebauter Rollen.«

26. September 1972: Jörg musste wegen einer Hepatitis ins Krankenhaus und lag sechs Wochen in der Klinik.

Anfang Oktober 1972: »Siegfried« wurde auf der Buchmesse ohne Jörgs Anwesenheit präsentiert. Die Gesamtauflage beträgt bis heute 105.000. Ernst Herhaus besuchte Jörg im Krankenhaus und berichtete, dass sein Freund Max Horkheimer gesagt habe: »Ich begrüße dieses Buch ausdrücklich.«

Barbara Kalender, 1958 im hessischen Stockhausen geboren, arbeitete von 1981 bis zur Schließung des Unternehmens im Jahr 1987 im März-Verlag, seitdem arbeitet sie als Autorin. Sie betreute mit Jörg Schröder die Anthologie »Mammut« und entwickelte mit ihm und Horst Tomayer das Konzept zur TV-Spieldokumentation »Die März-Akte« (Regie: Peter Gehrig, Grimme-Preis 1986). Von 2008 bis 2010 erschienen in der jungen Welt 100 Folgen der Kolumne »Schröder & Kalender«. Seit 2006 führen Schröder und Kalender einen Autorenblog für die Taz.

Jörg Schröder, 1938 in Berlin geboren, gilt als Enfant terrible der bundesdeutschen Verlagsszene der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig als großer Entdecker von Literatur. Er kam 1965 zum Melzer-Verlag, den er mit der »Geschichte der O« rettete. 1969 verließ Schröder den Verlag im Streit, alle Mitarbeiter sowie die meisten Autoren folgten ihm in seinen neu gegründeten März-Verlag. Dort bot er wichtigen Protagonisten der Neuen Linken und jungen Dichtern eine Plattform, veröffentlichte im charakteristischen gelben Umschlag Bücher von Rolf Dieter Brinkmann, Bernward Vesper, Ralf-Rainer Rygulla, Günter Amendt, Ken Kesey und Leonard Cohen. Es erschienen »Propaganda als Waffe« von Willi Münzenberg, »Roter Stern über China« von Edgar Snow und »Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse« von Siegfried Bernfeld. Nachdem Schröder den März-Verlag 1987 gesundheitsbedingt aufgeben musste, wurden das Verlags- sowie das Autorenarchiv dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach übergeben. 1990 entwickelte er zusammen mit seiner Frau Barbara Kalender die Reihe »Schröder erzählt«, ein literaturhistorisch einmaliges, autobiographisches Langzeitprojekt. Daraus veröffentlichte junge Welt 1994 zwei Monate lang an jedem zweiten Tag einen Abdruck aus der Folge »Brot und Spiele«.

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