Aus: Ausgabe vom 13.10.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Arktische Schatzkammer

Spitzbergen hat eine bewegte Geschichte. In Barentsburg finden sich viele Hinterlassenschaften der Sowjetunion

Von Gerd Bedszent
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Am Eingang zur Bergarbeitersiedlung ­Barentsburg trotzt ein Lenin-Denkmal der arktischen Kälte und den neuen Zeiten

Was ist eigentlich die nördlichste Region Europas? Skandinavien? Nein, zwischen der skandinavischen Halbinsel und dem Pol liegen noch verschiedene Inseln und Inselgruppen im Nordpolarmeer. Eine davon heißt Spitzbergen oder auch Svalbard. Die etwa 400 Inseln, Inselchen und Klippen umfassen ca. 61.000 Quadratkilometer, sind in ihrer Gesamtfläche also etwa doppelt so groß wie Belgien. Mit derzeit ungefähr 2.600 ständigen Einwohnerinnen und Einwohnern ist die Inselgruppe allerdings ausgesprochen dünn besiedelt.

Sie gehört seit dem internationalen Spitzbergenvertrag von 1920 zum Königreich Norwegen, allerdings ist sie demilitarisiert. Norwegen musste sich außerdem verpflichten, eine wirtschaftliche Nutzung durch andere Unterzeichnerstaaten zuzulassen und die auf der Inselgruppe eingenommenen Steuern und Abgaben nicht an das Festland abzuführen. Der Steuersatz ist auf Spitzbergen demzufolge sehr niedrig, was die Inselgruppe trotz Abgelegenheit und rauhen Klimas für verschiedene Unternehmen attraktiv macht. In den letzten Jahren hat der Tourismus als Wirtschaftszweig einen nicht geringen Aufschwung genommen.

Man kann Spitzbergen per Flugzeug erreichen – die meisten Touristen ziehen allerdings eine Schiffsfahrt vor. Erste Kreuzfahrten dorthin hat es bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert gegeben; damals das Privileg einiger weniger, die sich dies auch leisten konnten. Mittlerweile sind Kreuzfahrten in Richtung Nordpolarmeer ein Massenphänomen geworden. In den Sommermonaten jedes Jahres stechen zum Beispiel von Bremerhaven aus zahlreiche mit Passagieren vollgestopfte Ozeanriesen mit Kurs Spitzbergen in See.

Ein Hohelied auf diese Art von Massentourismus ist nun keineswegs angebracht. Neben der Umweltvergiftung durch die Schiffsmotoren sind es auch die happigen Preise sowie die an Bord organisierten Events für gelangweilte Dummköpfe, die viele Leute zu Recht abschrecken. Für eine solche Passage spricht allerdings die atemberaubende Schönheit der arktischen Landschaft, die man schon nach vergleichsweise kurzer Fahrzeit erleben kann. Nachfolgend einige Informationen zur Historie und Gegenwart der Inselgruppe, die man in den meisten Reiseführern nicht oder nur unvollständig wiederfindet.

Eldorado für Walfänger

Wann der Archipel erstmals von Menschen betreten wurde, ist strittig. In Aufzeichnungen norwegischer und isländischer Wikinger gibt es Hinweise auf eine im Norden gelegene »kalte Küste«. Es ist allerdings unklar, ob damit Spitzbergen, der nördliche Teil Grönlands oder die zwischen Spitzbergen und Grönland gelegene Insel Jan Mayen gemeint war. Andere Historiker verweisen auf frühe Fahrten von an der Küste des Weißen Meeres ansässigen Fischern vom Volk der Pomoren nach Spitzbergen. Die Quellenlage ist jedoch auch hier sehr dürftig; die archäologischen Befunde sind widersprüchlich. Dokumentiert ist lediglich der Aufenthalt einer Gruppe schiffbrüchiger Pomoren auf Spitzbergen für die Jahre 1743-1749.

Als Entdecker der Inselgruppe gilt der holländische Seefahrer Willem Barents, der im Jahre 1596 bei seiner (vergeblichen) Suche nach der Nordostpassage, dem damals noch hypothetischen Seeweg entlang der sibirischen Küste bis zum Pazifik, eher zufällig auf Spitzbergen stieß und der Inselgruppe auch ihren Namen gab. Barents starb kurz darauf bei der Überwinterung auf der benachbarten Doppelinsel Nowaja Semlja. Die Überlebenden seiner Expedition berichteten über riesige Vorkommen an Seegetier in den Gewässern um Spitzbergen.

In den folgenden Jahrzehnten setzte ein beispielloser Run auf das Polarmeer ein. Flotten europäischer Walfänger dezimierten rücksichtslos die arktischen Tierbestände. Um das Jahr 1630 herum waren es über 250 Schiffe, die den Meeressäugern nachstellten; pro Jahr wurden bis zu 1.000 Grönlandwale getötet. Zwischen konkurrierenden Walfangflotten wurden um Spitzbergen herum regelrechte Seeschlachten ausgefochten.

An den Küsten Spitzbergens – wie auf anderen Inseln auch – errichtete man zahlreiche Stationen, wo in den Sommermonaten das Fett der erlegten Tiere verkocht wurde. Die aufstrebende kapitalistische Wirtschaft benötigte das so gewonnene Öl für Beleuchtungszwecke sowie als Grundstoff für Treib- und Schmierstoffe. 1633/34 überwinterte erstmals eine Gruppe holländischer Walfänger auf der Inselgruppe.

Erst um das Jahr 1710 herum kam der Walfang im Nordpolarmeer weitgehend zum Erliegen. Die Flotten der Walfänger verzogen sich, nachdem es für sie im Norden kaum noch etwas zu holen gab, in die antarktischen Gewässer. Den Walfängern folgten allerdings Jäger. Die Zähne der Walrösser sowie die Pelze der Robben, Eisbären und Polarfüchse waren als Luxusartikel begehrt. Von der einst riesigen arktischen Tierwelt blieben nur vergleichsweise winzige Restbestände. Erst sehr spät, im Verlaufe des 20. Jahrhunderts, wurden vom Aussterben bedrohte polare Tierarten unter Schutz gestellt.

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Klares Wasser und wilde Küste: Der Archipel Spitzbergen ist eine der abgelegensten Regionen Europas. Barentsburg beherbergt auch eine russische Polarstation

Die Inselgruppe Spitzbergen war lange Zeit herrenlos; keine der kapitalistischen Mächte hatte ein Interesse an der öden und schwer zugänglichen Felslandschaft. Allerdings diente die Inselgruppe – beginnend im 18. und 19. Jahrhundert – mehrfach als Ausgangspunkt für Polarexpeditionen. Hier einige Beispiele: Im Jahre 1897 versuchte eine dreiköpfige schwedische Forschergruppe von der Hauptinsel Spitzbergens aus, mit einem Ballon den Nordpol zu erreichen. Der Versuch scheiterte – die Leichen der drei Forscher wurden erst 33 Jahre später auf der abgelegenen Insel Kvitøya im Nordosten des Archipels gefunden. Auch eine »Deutsche Arktische Expedition« endete 1912 mit den tragischen Tod von acht Teilnehmern auf dem Weg von Tromsø nach Spitzbergen vorzeitig.

Der Norweger Roald Amundsen und zwei Begleiter erreichten im Jahre 1928 von Spitzbergen aus mit dem Luftschiff »Norge« den Pol. Die ebenfalls 1928 von hier aus für das faschistische Italien unternommene Polarexpedition endete mit einer Katastrophe; die meisten Überlebenden des Luftschiffes »Italia« wurden von dem sowjetischen Eisbrecher »Krassin« gerettet. Amundsen, der sich an der Suche nach den Überlebenden der »Italia« beteiligt hatte, starb bei einem Flugzeugabsturz.

Kampf um Ressourcen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die polare Inselgruppe doch noch zum Zankapfel. Zwar hatten schon im 17. Jahrhundert britische Walfänger auf Spitzbergen zufällig Steinkohle gefunden. Von einem industriell betriebenen Abbau des »schwarzen Goldes« konnte damals allerdings noch keine Rede sein. Ein solcher setzte erst mit zunehmendem Brennstoffhunger der Industrienationen ein. Der wirtschaftlich rentable Abbau von Steinkohle schien plötzlich auch in dieser abgelegenen Polarregion möglich zu sein.

Den Auftakt machten 1899 norwegische Bergbauunternehmen. Ihnen folgte 1906 der US-amerikanische Unternehmer John Munroe Longyear – die Hauptstadt Spitzbergens heißt bis heute Longyearbyen. Zeitweilig versuchten auch britische, niederländische und schwedische Bergbauunternehmen auf Spitzbergen Fuß zu fassen. Aus dieser Zeit wilder Landnahme sind Berichte von heftigen Arbeitskämpfen überliefert – Bergleute wehrten sich mittels Streik gegen menschenunwürdige und gefährliche Arbeitsbedingungen bei gleichzeitig miserabler Entlohnung. Eine staatliche Autorität, die die Profitgier der Unternehmen bremsen und sie zur Einhaltung von Mindeststandards hätte verpflichten können, gab es in dieser Zeit auf Spitzbergen nicht.

In dem Bestreben, die Inselgruppe ihrem Hoheitsgebiet zuzuschlagen, versuchte schließlich die Regierung Norwegens, den Großteil des Bergbaus in ihre Hand zu bekommen. Longyear verkaufte seine Grube im Jahre 1916 gewinnträchtig an ein norwegisches Unternehmen.

Nachdem mit Abschluss des Spitzbergenvertrags 1920 eine gleichberechtigte und friedliche Nutzung des Archipels unter norwegischer Aufsicht vereinbart war, meldete auch die junge Sowjetunion ihr Interesse an einer wirtschaftlichen Nutzung des Archipels an.

Erste Aktivitäten russischer Unternehmen hatte es allerdings bereits im Jahr 1913 gegeben. Mit dem Ersten Weltkrieg kamen sie zum Erliegen. Im Jahre 1919 organisierte ein anglo-russisches Unternehmen die Kohleförderung in der (heute nicht mehr existierenden) Siedlung Grumant. Der sowjetische staatseigene Trust Arktikugol übernahm 1932 die Kohleförderung in Grumant, kaufte außerdem die Mine in der benachbarten Siedlung Barentsburg von einer niederländischen Firma und übernahm die Abbaurechte in der Umgebung der (heute verlassenen) Siedlung Pyramiden von einem schwedischen Unternehmen.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte eine Inbetriebnahme der Grube in Pyramiden zunächst, diese erfolgte erst in der Nachkriegszeit. Doch schon mit der Übernahme des Kohlebergbaus in Grumant und Barentsburg hatte sich die in einer wirtschaftlichen Aufbauphase steckende Sowjetunion auf Spitzbergen etabliert und förderte dort einen nicht geringen Teil ihres Bedarfs an Kohle. Der Trust Arktikugol existiert noch und ist heute das einzige auf Spitzbergen aktive nicht-norwegische Unternehmen.

Die Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 unterbrach die wirtschaftliche Erschließung der Inselgruppe. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Jahr darauf wurde die Kohleförderung ganz eingestellt. Am 18. August 1941 zerstörte die britische Armee während der »Operation Gauntlet« Teile der Grubeninfrastruktur und setzte Hunderttausende Tonnen bereits geförderter Kohlevorräte in Brand. Britische Kriegsschiffe evakuierten das norwegische Grubenpersonal nach London und die sowjetischen Bergleute nach Archangelsk.

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In dem kleinen Ort Ny-Ålesund erinnert eine Büste an den norwegischen Polarforscher Roald Amundsen

Die faschistische Marine und Luftwaffe unternahm große Anstrengungen, den alliierten Schiffsverkehr nach Murmansk zu stören und die sowjetischen Truppen so von Nachschublieferungen abzuschneiden. Für Einrichtung und Betrieb meteorologischer Stationen im arktischen Meer war Spitzbergen für die Kriegführung von strategischer Bedeutung. Die Wehrmacht entsandte Trupps von Wetterspezialisten auf die Inselgruppe.

1942 befreiten Truppen der königlichen Exilregierung Spitzbergen. Die Norweger begannen unverzüglich, die deutschen Wetterstationen auszuheben. Bei den Kämpfen wurden sie von der britischen Marine unterstützt. Faschistische Luftwaffe und deutsche Schiffsartillerie beschossen die neuen Stützpunkte der norwegischen Soldaten. Die sowjetische Siedlung Barentsburg wurde dabei vollständig, die Hauptstadt Longyearbyen teilweise zerstört. Es sei noch angemerkt, dass eine letzte deutsche Wetterstation im Norden der Inselgruppe das Kriegsende überdauerte. Erst im September 1945 ergaben sich die elf Soldaten – froh über ihre Rettung – kampflos einem norwegischen Kommando.

Sowjetisches Erbe

Dem Ende des Krieges folgte der Wiederaufbau. Auch die Förderung in den sowjetischen Kohlegruben kam recht schnell wieder in Gang. Der bereits in der Vorkriegszeit begonnene Bau der neuen Siedlung Pyramiden wurde beschleunigt weitergeführt. Die zugehörige Grube ging 1956 vollständig in Betrieb und wurde die bedeutendste Förderanlage auf Spitzbergen – zeitweise lebten und arbeiteten hier über 1.000 Menschen. Die vergleichsweise kleine Förderanlage in Grumant hatte man hingegen bereits 1952 als unrentabel eingestellt; von der Siedlung existieren heute nur noch Ruinen.

Die sowjetischen Siedlungen erhielten in der Nachkriegszeit eine vorbildliche Infrastruktur mit modernen Wohnhäusern für die Bergarbeiterfamilien, mit Schulen, Kindergärten, Turnhallen, Schwimmbädern und Kulturpalästen, wurden staatlich subventioniert. In Stallanlagen wurden Kühe, Schweine und Hühner gehalten, zusammen mit dem in Gewächshäusern gezogenen »Polargemüse« war für einen abwechslungsreichen Speisezettel gesorgt. Der Mangelkrankheit Skorbut, die früher viele Überwinterer im Polargebiet das Leben gekostet hatte, wurde so vorgebeugt.

Die neoliberalen Sparorgien im postsowjetischen Russland wirkten sich auf diese Orte vernichtend aus. Die gerade erst modernisierten Förderanlagen in Pyramiden wurden 1998 als unrentabel stillgelegt, die Siedlung Hals über Kopf aufgegeben. Heute ist Pyramiden eine Geisterstadt, nur gelegentlich besucht von Forschern und abenteuerlustigen Touristen.

Die Kohleförderung in der russischen Siedlung Barentsburg blieb in Betrieb – zusammen mit den im norwegischen Besitz befindlichen Gruben in Longyearbyen ist sie letztes Relikt des einstigen Kohlebooms auf Spitzbergen. Die Inselgruppe wird nun zunehmend das Refugium von Klimaforschern und – leider – auch immer häufiger Ziel von Kreuzfahrschiffen. Wie sich der Massentourismus der Neuzeit langfristig auf die polare Pflanzen und Tierwelt auswirkt, ist noch wenig erforscht. Aber er bringt ihr sicher nichts Gutes.

Die Kohle von Barentsburg ist mittlerweile fast vollständig abgebaut – die Kumpel kratzen nur noch Reste aus dem Berg. Mehrere Grubenunglücke haben den Niedergang der russischen Kohleförderung beschleunigt. Die Bevölkerung hat stark abgenommen, von einstmals 1.400 Einwohnern sind nur noch etwa 500 übrig. Ein Teil der Gebäude in der Siedlung steht leer. In Betrieb sind noch die Poststelle, das Hotel, ein Hostel und eine Kneipe. Ein findiger russischer Geschäftsmann wirbt damit, das beste und billigste Bier Skandinaviens auszuschenken.

Ansonsten wirkt Barentsburg auf den Besucher wie ein Museum der Sowjetära. Wandmalereien an Schule und Kulturpalast propagieren die Völkerfreundschaft. Миру Мир – »Der Welt den Frieden« ist an einer Felswand oberhalb der Siedlung weithin sichtbar zu lesen. Unterhalb dieser begrüßt ein Lenin-Denkmal die Besucher. Auf einer Tafel aus den 1970er erfahren sie, wohin die Reise geht: natürlich vorwärts, hin zur Errichtung des Kommunismus.

Literaturempfehlungen:

– Jewgeni Singer: »Zwischen Nordpol und Europa. Forschungen und Erlebnisse auf Spitzbergen«, VEB Brockhaus Verlag Leipzig & Verlag Progress Moskau, 1987

– Rolf Stange: » Reiseführer Spitzbergen – Svalbard«, Eigenverlag, bestellung@spitzbergen.de


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