Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 8 / Ansichten

RWE kompromisslos

Widerstand im Hambacher Forst

Von Wolfgang Pomrehn
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Umweltschützer und Naturführer gingen am Wochenende mit Besuchern im Hambacher Forst durch die Aktivistencamps

Die alte, längst überkommene Kohleindustrie hat zum letzten Gefecht geblasen. Eigentlich bedarf es nur eines Blicks auf die Schlagzeilen dieses Hitzesommers, um auch den letzten zu überzeugen. Der Klimawandel ist schon lange keine Hypothese und auch keine bloße Prognose mehr: Rekorddürre, großflächige Waldbrände, neue Zecken schleppen Krankheiten ein, katastrophale Taifune in Asien, schwindendes Eis und tickende Zeitbomben im bisher noch dauerhaft gefrorenen, aber jetzt auftauenden Boden des hohen Nordens. Wir befinden uns mittendrin. Jede Tonne Treibhausgas, die durch die Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen weiterhin freigesetzt wird, macht die Sache schlimmer.

Dennoch will RWE um jeden Preis im Rheinland seinen Tagebau Hambach erweitern und dafür einen wertvollen alten Wald abholzen. Und das auch noch ein, zwei oder gar drei Jahre vor der ursprünglich avisierten Zeit, wenn der BUND recht hat. Der Wald müsste noch gar nicht fallen, sagen die Umweltschützer. Die Bosse bei RWE könnten sich also gemütlich zurücklehnen, unternehmen aber dennoch alles, um die Auseinandersetzung mit den Gegnern und Besetzern zu eskalieren – assistiert wird ihnen von der konservativ-liberalen Landesregierung in Düsseldorf und der sozialdemokratischen Opposition.

Und wieder einmal werden dabei alle Register im Infokrieg gezogen: Erst erzählt die Polizei der Presse, im Wald werde Sprengstoff vermutet. Nachdem ein Großeinsatz der Polizei die Infrastruktur der Besetzer gründlich zerstört hat, erweist sich diese Behauptung allerdings als Luftnummer. Einen Tag später wird eine Geschichte von einem Tunnelsystem, das »an die unterirdischen Anlagen während des Vietnamkrieges« erinnere, kolportiert. Auch das ein Gruselmärchen aus der Propagandaküche, aber irgendwas wird schon hängenbleiben und der Öffentlichkeit den diffusen Eindruck irgendwie gewalttätiger Umweltschützer vermitteln.

Da muss man in der Tat fragen, wie es der Linke-Bundestagsabgeordnete Lorenz Gösta Beutin dieser Tage tat, was das eigentlich für ein Land ist. Ein Land, in dem »Ordnungshüter« einen Neonazimob in Chemnitz gewähren lassen, aber im Hambacher Forst zur willigen Hilfstruppe eines Kohlekonzerns werden. Widerstand gegen diese bedrückende Entwicklung ist mehr denn je notwendig, und die Proteste vom Wochenende werden sicherlich erst der Anfang gewesen sein. Die Umweltschützer in der Kohlekommission könnten derweil den Aufbegehrenden am besten dienen, wenn sie das Gremium verlassen, sollte RWE tatsächlich den Wald räumen lassen. Mit diesem Konzern ist kein für das Klima tragbarer Kompromiss möglich. RWE will bis 2040 oder gar 2050 weiter Kohle verbrennen, für einen wirksamen Klimaschutz müsste Deutschland allerdings mindestens dem britischen Beispiel folgen und bis 2025 aus der Kohle aussteigen.

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