Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 12 / Thema

Aufklärung in finsteren Zeiten

In »Leben des Galilei« fragt Bertolt Brecht nach der Rolle von Naturwissenschaft und Vernunft im Kampf gegen Rückschritt und Barbarei. Vor 75 Jahren wurde das Stück in Zürich uraufgeführt

Von Jürgen Pelzer
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»Durch zweitausend Jahre glaubte die Menschheit, dass die Sonne und alle Gestirne des Himmels sich um sie drehten. Der Papst, die Kardinäle, die Fürsten, Gelehrten, Kapitäne, Kaufleute, Fischweiber und Schulkinder glaubten, unbeweglich in dieser kristallenen Kugel zu sitzen. Aber jetzt fahren wir heraus, Andrea, in großer Fahrt.« Galileo Galilei unterrichtet den Sohn seiner Haushälterin (Theater Neustrelitz, 24.11.1988)

Das Geschichtsdrama »Leben des Galilei« nimmt aus verschiedenen Gründen eine zentrale Stellung in Brechts Werk ein. Die erste Version entstand im Herbst 1938, also noch im dänischen Exil, in dem sich Brecht mit seiner Familie seit 1933 aufhielt. Ende 1944 – mittlerweile im kalifornischen Santa Monica lebend – spricht Brecht davon, dass das Stück »in jenen finsteren Monaten des Jahres 1938« niedergeschrieben wurde, »als viele den Vormarsch des Faschismus für unaufhaltsam und den endgültigen Zusammenbruch der westlichen Zivilisation für gekommen hielten«.¹

Für jeden aufmerksamen Beobachter war in jenem Jahr klar, dass das faschistische Regime, das sich innenpolitisch dank Terror und Propaganda stabilisiert und gesellschaftlich Fuß gefasst hatte, seine ökonomischen Probleme – Devisen- und Rohstoffmangel, steigende Rüstungskosten – nicht lösen konnte und deshalb zu immer aggressiveren Mitteln greifen würde, um sich jenen »Lebensraum« zu verschaffen, von dem Hitler am 5. November 1937 vor den Spitzen der politischen und militärischen Führung gesprochen hatte. Das Ziel bestand darin, Schritt für Schritt einen Kolonialraum im Osten und Südosten Europas zu erobern, der territoriale Verbindungen schaffen, die drohende Nahrungsmittelkrise abwenden und die Finanzierung der Aufrüstung der Wehrmacht garantieren sollte. Dieser expansionistische, gegen den Status quo gerichtete Kurs wurde – und dies musste für Antifaschisten jeglicher Couleur besonders entmutigend wirken – von Großbritannien als der westlichen Führungsmacht im wesentlichen akzeptiert, solange er möglichst ohne kriegerische Gewaltanwendung verlief und sich nach Osten richtete.

Expansionskurs der Nazis

Das Sprungbrett wurde dann erwartungsgemäß die Republik Österreich, die man, nachdem »friedliche Evolution« und Erpressungsmanöver allzu schleppend verliefen und sogar eine Niederlage bei einer für März 1938 angesetzten Volksabstimmung drohte, in einer »Blitzaktion« militärisch besetzte. Die Übernahme der Regierung und der sofort einsetzende Terror sorgten schließlich im April für ein Ergebnis im Sinne der Nazis, und es kam zu jenen berüchtigten 99 Prozent der Abtimmenden, die angeblich mit der deutschen Einverleibung Österreichs einverstanden waren, was von der Nazipropaganda sodann als »Wiedervereinigung« und Restaurierung einer großen Kulturnation hingestellt wurde. Gleichzeitig hatte man sich miltärstrategische Vorteile verschafft – auf dem Weg nach Südosten (zu den rumänischen Ölfeldern) und nach Osten (auf dem Weg nach Polen und in die Sowjetunion).

Noch im gleichen Jahr – und nach einem ähnlichen Muster – erfolgte der Angriff auf das Territorium der Tschechoslowakei. In der ersten Etappe sorgte man für die Abtrennung der Slowakei und der sudetendeutschen Randgebiete – letzteres auf der berüchtigten Münchner Konferenz vom September 1938, an der neben Italien und Deutschland England und Frankreich, nicht aber die CSR teilnahmen. Die Regierung der CSR war in der Folge politisch isoliert und verzichtete auf militärischen Widerstand, als die nazifaschistische Regierung im März 1939 die »Resttschechei« ebenfalls kurzerhand besetzte.

Brecht hatte wie viele auf ein Zeichen des Widerstands gegen diese nackte Aggression gehofft und sogar ein Telegramm an den tschechischen Staatspräsidenten Edvard Benes geschickt: »Kämpfen Sie, und die Schwankenden werden mitkämpfen«.² Ein halbes Jahr später, am 15. März 1939, schrieb Brecht dann voller Verbitterung in seinem »Arbeitsjournal«: »Das Reich vergrößert sich. Der Anstreicher sitzt im Hradschin.«³ Großbritannien modifizierte nach dieser katastrophalen Entwicklung seinen Appeasementkurs nur geringfügig, indem es die eigene Rüstung verstärkte, Garantien aussprach (z. B. an Polen) und zögerliche Kontakte mit der Sowjetunion anbahnte, aber ansonsten immer noch auf eine Verständigung mit der nazifaschistischen Regierung setzte. Hitler seinerseits konnte eine Art deutscher Monroe-Doktrin verkünden, derzufolge der Osten und Südosten Europas deutsches Einflussgebiet sei, in dem man sich jede weitere Einmischung verbitte. Die Zeichen standen auf Krieg. Zur Gewinnung eines deutschen Lebensraums sollten in den nächsten Jahren Dutzende Millionen Menschen getötet werden.

Es mag überraschen, dass Brecht ausgerechnet in diesen »finsteren« Monaten, »umgeben von blutigen Taten und nicht weniger blutigen Gedanken«, an die Ausarbeitung eines Dramas über den italienischen Physiker Galileo Galilei (1564–1642) geht, den Begründer der modernen Physik und der naturwissenschaftlichen Methodik. Galilei stand bekanntlich an der Schwelle eines neuen Zeitalters, das durch Vernunft, Aufklärung und gesellschaftliche Veränderung gekennzeichnet war, also einen Neuanfang symbolisierte, ähnlich wie im 20. Jahrhundert die Oktoberrevolution und die weltweiten Bewegungen des Sozialismus. Wie ließ sich an dieses Neue anknüpfen, das nun als veraltet diskreditiert wurde? Welche Haltung konnte man in einer Welt einnehmen, in der der Begriff des Neuen verfälscht war, in der sich das Alte oder sogar Uralte »auf neue Art« durchgesetzt hatte, bzw. die alte Gesellschaftsordnung neu befestigt wurde, in der Art, dass Kriege geführt wurden?

Brecht ging in seinem »Galilei« nicht den Weg einer ausführlichen Ideologiekritik der faschistischen Propaganda, wie dies etwa Siegfried Kracauer in seinen großen Untersuchungen unternommen hatte, sondern rief die Ansätze zu einer wahren Revolution in Erinnerung, ohne freilich die gesellschaftlichen Bedingungen der Renaissance zu idealisieren. Auch eine Heroisierung Galileis war nicht beabsichtigt. Was Brecht an der Figur des Wissenschaftlers besonders interessierte, ist neben dessen experimentellem methodischen Denken der spektakuläre Prozess aus dem Jahre 1633, der zu Galileis Widerruf führte.

Anfang der 1930er Jahre hatte der Dramatiker erwogen, in Berlin ein Panoptikumtheater zu gründen. Hier sollten interessante Gerichtsverfahren von der Antike bis zur Gegenwart auf die Bühne gebracht werden. Eine Rolle spielte auch der Reichstagsbrandprozess vom Herbst 1933, in dem sich der kommunistische Politiker Georgi Dimitroff vehement und erfolgreich gegen die Machinationen der Nazis zur Wehr setzte und dabei auch auf Galileis Leistung bei der Verbreitung der Wahrheit Bezug nahm, die sich trotz aller Vertuschungs- und Ablenkungsmanöver durchsetze. Es war übrigens auch Dimitroff, der die Anregung gab, im antifaschistischen Kampf historische Stoffe aufzugreifen, da es sich dabei um weniger exponierte »Kampfplätze« handle.

Taktisches Verhalten

Die ersten Entwürfe und Fassungen – das Stück heißt zunächst: »Galileo / Die Erde bewegt sich« – zeigen den Pionier, der durch seine astronomischen Entdeckungen das kopernikanische Weltmodell beweisen kann, und den Widerstandskämpfer, der gegen die Kirche, die vor allem eine weltliche Autorität ist, opponiert und der an der Wahrheit auch dann festhält, als er bedroht, schikaniert und physisch bedroht wird. Brecht knüpfte hier durchaus auch an den historischen Galileo an, der, als er zum Widerruf gezwungen wird, trotzig sein »Eppur si mouve« (»Und sie bewegt sich doch«) gemurmelt haben soll. Doch die Fassung, die dann Anfang 1939 vorliegt und als Manuskript an Freunde und Kollegen in Frankreich, den USA, der Schweiz usw. verschickt wird, geht weit darüber hinaus. Sie hat geradezu epische Dimensionen und umfasst die drei letzten Lebensjahrzehnte Galileos, konzentriert sich auf entscheidende Ereignisse und Phasen seines Lebens und zeigt eine widersprüchliche Figur, eine Person, die nicht nur atemberaubende Entdeckungen macht und diese zu einem wissenschaftlichen System ausbaut, sondern die auch – im Umgang mit Freunden, Schülern, Kontrahenten und Feinden – zu taktischen Verhaltensweisen gezwungen ist, die sich nicht immer auf einen Nenner bringen lassen, die risikoreich oder nur vermittelt erfolgreich sind. Es sind dies Haltungen, auf die Brecht die Zuschauer subtil hinweist. Und so ist das Stück, dessen einzelne Szenen in der sprachlichen Ausgestaltung fast traditionell wirken, durchaus ein Lehrstück in der großen Tradition der Brechtschen Theaterpraxis der 1920er und frühen 1930er Jahre.

Die Eingangsszene zeigt den frühen, noch in Padua angestellten Galileo – wie er meist nur bei seinem Vornamen genannt wird – als forschenden, ja besessenen Wissenschaftler und als Lehrer, der seine Theorien in eine einfache klare Sprache übersetzt und für Zweifel und Fragen offen ist. Es ist der begeisternde Morgen des Beginnens, den Brecht so geschätzt hat. Galileo lehrt – unentgeltlich – den Sohn seiner Haushälterin, die Grundprinzipien des kopernikanischen Systems, und mehr als das: die wissenschaftliche Methodik und ihre Kritik gegenüber den Autoritäten wie dem einfachen Augenschein. Das Sehen muss gelernt werden, ohne analytisches Verstehen ist es bloßes »Glotzen«, das die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der Natur nicht aufklären kann. Doch Galileo befindet sich in einem doppelten Zwiespalt: Man lässt ihn an der Universität, die der Republik Venedig untersteht, zwar »frei« forschen, doch zahlt man ihm ein unzureichendes Gehalt, das zu unproduktiven Nebenarbeiten zwingt, und macht zudem deutlich, dass man an der Wissenschaft vor allem das Verwertbare schätzt. Galileo reagiert auf diesen Zwiespalt schlitzohrig, indem er den Granden ein kurz zuvor in Holland entwickeltes Teleskop als seine eigene Erfindung verkauft, um so eine Gehaltserhöhung zu erwirken und damit endlich Zeit für innovative Forschung zu haben. Das verbesserte Teleskop hat dann weitreichende Folgen: Galilei richtet es auf den Mond und kann ihn als erdähnlichen Trabanten bestimmen.

Und damit setzen – wir befinden uns im Jahre 1610 – bahnbrechende astronomische Entwicklungen wie die Entdeckungen der Jupitermonde oder der Phasen der Venus ein, allesamt handfeste Beweise für die Richtigkeit des kopernikanischen Weltmodells. Galilei, der sich sehr bald über die Reichweite seiner Entdeckungen im klaren ist und sich am Anfang eines wissenschaftlichen Zeitalters wähnt, geht nun – gegen den Rat seines Freundes Sagredo – nach Florenz, wo er sich bessere Forschungs- und Duchsetzungsmöglichkeiten verspricht, gleichwohl aber den »Mönchen«, d. h. der Kirche und der Inquisition ausgesetzt ist. Der wissenschaftlich nüchtern denkende Galilei zögert also nicht, sich auf ein politisches Hazardspiel einzulassen. Die Hoffnungen auf die Zukunft – auf wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Fortschritt – sorgen dafür, dass er die konkreten politischen Bedingungen falsch einschätzt. Selbst der akademische Widerstand erweist sich in Florenz als stärker denn erwartet: Die Autorität des Aristoteles, d. h. das auf logischer Ableitung, auf begrifflichen Gründen beruhende Wissenschaftsmodell, ist in diesen Kreisen unerschüttert. Galilei kommt deshalb mit seiner empirischen Methode nicht zum Zuge, was ihn zu weiterer Arbeit anspornt. Doch bald ist auch die auf Herrschaftserhalt fixierte Kirche wegen der möglichen gesellschaftlichen Folgen des neuen wissenschaftlichen Denkens alarmiert und verbietet im Jahre 1616 die weitere Forschung, die das kopernikanische System öffentlichkeitswirksam unterstützen würde. Galilei muss auf andere, harmlosere Forschungsgebiete ausweichen.

Der Inquisition ausgeliefert

Es vergehen nahezu acht Jahre, in denen Galilei, der Hofastronom der Medici, zum Schweigen in der Öffentlichkeit verurteilt ist. In einer »Verwandlung« betitelten Zwischenszene zeigt Brecht, wie ansteckend das Forschen, die Suche nach Wahrheit ist. Für den »kleinen Mönch«, der trotz Verbots durch das Teleskop gesehen hat, gibt es kein Zurück mehr. Dabei weiß Galilei, dass die Wahrheit sich nicht von allein, selbsttätig, durchsetzt, sondern Einsatz, möglicherweise des eigenen Lebens, verlangt. Dem Mönch erklärt er: »Es setzt sich nur soviel Wahrheit durch, als wir durchsetzen. Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.«⁴ Offen bleibt, und dies wird sich als höchst problematisch erweisen, auf wen, auf welche gesellschaftliche Gruppe sich diese Vernunft stützen kann. Ein Rückzug ist freilich ausgeschlossen, wie in einem Gespräch mit einem Renegaten klargemacht wird, der dem Druck nicht standhalten konnte: »Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.«⁵

Galilei selbst legt eine abwartende Haltung an den Tag, denn tatsächlich hat er in den Jahren des Schweigens weitergeforscht (zu den Sonnenflecken), in der Hoffnung, dass sich die Machtverhältnisse ändern. Und diese Rechnung scheint tatsächlich aufzugehen, insofern 1623 der ihm bekannte Theologe und Mathematiker Maffeo Barberini Papst wird. Schon bei der bloßen Nachricht schlägt Galileis vorsichtige Taktik in eine geradezu aggressive Begeisterung um, und er malt die wissenschaftlichen und politischen Chancen, die ein solcher Machtwechsel seiner Ansicht nach bietet, zum Erstaunen seiner Tochter, ihres Verlobten und seiner Haushälterin in den buntesten Farben aus.

Doch auch diesmal soll Galilei sich täuschen. Der Kontakt zu Rom entwickelt sich nicht in der gewünschten Weise, und der Papst vollzieht aufgrund verschiedener Faktoren eine Wende. Er hat sich vermutlich als der »Simplicio«, als der Einfaltspinsel oder Ignorant erkannt, den Galilei in seinem berühmten »Dialogo« (1632) als einen der drei Gesprächspartner zu Wort kommen lässt. Doch wichtiger sind wohl die Warnungen der Inquisition vor den gesellschaftlichen Folgen des wissenschaftlichen Denkens und die Implikationen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland. Das Resultat: Florenz liefert Galilei wunschgemäß an die Inquisition aus, die ihn der aggressiven Verteidigung der kopernikanischen Lehre bezichtigt. 1633 kommt es zum Prozess. Brecht stellt ihn nicht direkt, sondern nur aus der Perspektive der Schüler Galileis und seiner religiösen Tochter Virginia dar. Die Hoffnung der Schüler, Galilei werde im Namen der Wahrheit standhalten, trügt: Galilei, offensichtlich zutiefst verängstigt und in Todesfurcht, widerruft. Ein Held ist er nicht. Als sein Schüler enttäuscht feststellt: »Unglücklich das Land, das keine Helden hat!«, antwortet Galilei: »Nein, unglücklich das Land, das Helden nötig hat.«⁶

Kein Held

Das Stück hat ein Nachspiel, eine »lange Szene«, die die letzten Jahre Galileis, den Zeitraum von 1633 bis 1642, überbrückt. Galilei verbringt diese Jahre unter Hausarrest, seine Tochter und diverse Spitzel überwachen ihn, um einen »Rückfall« zu verhindern. Doch Galilei forscht dennoch weiter. Hat er vielleicht sogar deshalb widerrufen, um weiterarbeiten zu können? War der Widerruf also letztlich eine List, um die Wahrheit trotz des Verbots weiter verbreiten zu können? Brecht bietet zwei Lösungen und treibt damit das Widersprüchliche der Figur des Galilei bewusst auf die Spitze.

Als sein ehemaliger Schüler Andrea zu Besuch kommt, gelingt es Galilei, ihm ein Buchmanuskript, das er in einem Globus versteckt hat, zu übergeben. Andrea wird es ins Ausland schmuggeln. Doch zuvor hat der Naturwissenschaftler mit sich selbst abgerechnet: Sein Verrat ist unverzeihlich, er hat die Autorität der Wissenschaft untergraben und nachhaltig beschädigt. Ein Mann wie er, könne in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden. Diese Selbstkritik lässt in ihrer Schärfe an die Figur des jungen Genossen in Brechts »Maßnahme« denken oder auch an Nicholai Bucharins schonungslose Selbstverurteilung im Moskauer »Prozess gegen die Rechten und Trotzkisten« vom März 1938, dessen Protokoll Brecht genau kannte. Tatsächlich weist die Selbstbezichtigung Galileis auf einen nachhaltigen Schaden hin, den sein Verrat angerichtet hat. Die Unterwerfung unter die Macht hat das emanzipatorische Potential der Wissenschaft, wie Galilei es antizipiert hatte, untergraben. Die Astronomie wurde eine Geheimwissenschaft fernab der Interessen der Bevölkerung, die Naturwissenschaften überhaupt ein Zweig, der der besonderen Kontrolle der Macht unterlag.

Brecht verhindert durch diese Selbstkritik auch eine allzu vordergründige Heroisierung seiner Hauptfigur. In seinem »Arbeitsjournal« schreibt er von einem »Kunstgriff, um auf jeden Fall dem Zuschauer den nötigen Abstand zu sichern«. Denn: »Selbst der unbedenklich sich Einfühlende muss zumindest jetzt, auf dem Weg der Einfühlung selber in den Galilei, den V-Effekt verspüren.«⁷ Nach Brechts Auffassung sollte Galilei nicht als tragische Figur gesehen werden, wie dies oft in westlichen Interpretationen geschehen ist. Galilei gerät zwar in ein Dilemma zwischen dem Glauben (an dem er festhält) und der Wissenschaft (die er für kompatibel mit dem Glauben hält), und er verschätzt sich auch in seinem Vertrauen auf seine Unterstützer, ob es sich um das »Volk«, den Hof der Medici oder seine Freunde im Papstpalast handelt. Doch für Brecht kam es gerade auf die Ausstellung der taktischen Haltungen und ihre Folgen in verschiedenen historischen Konstellationen an. Ein tragisches Konzept passte nicht in seine Theaterpraxis.

Die Uraufführung erlebte Brechts »Leben des Galileo« am 9. September 1943 nicht in Los Angeles, wie oft angenommen, sondern am Zürcher Schauspielhaus, wo 1941 bereits »Mutter Courage« und Anfang 1943 »Der gute Mensch von Sezuan« gespielt worden waren. Die Schweiz war – als einziges Nachbarland des Deutschen Reiches – von den Blitzkriegen, Besatzungen und Raubzügen der Wehrmacht verschont geblieben, und im September 1943 war das Ende der »finsteren Zeiten« bereits absehbar.

Leonard Steckel, der das Stück ohne intensivere Kenntnis der Brechtschen Ästhetik inszenierte und auch die Hauptrolle spielte, zeigte zwar beide Aspekte des Widerrufs, betonte aber den letztlich erfolgreichen Widerstandskämpfer Galilei, der den Glauben an die Vernunft nicht aufgibt. Steckel wollte ein zutiefst optimistisches Stück geben, das auf das nachfaschistische Europa ausstrahlen sollte.

Brecht selbst hat sich in den folgenden Jahren immer wieder mit der Figur des Wissenschaftlers befasst. Noch im dänischen Exil, im Februar 1939, erfuhr er in einem Radiointerview mit Niels Bohr von der erfolgreichen Kernspaltung durch Otto Hahn und Lise Meitner, eine militärische Nutzung schien absehbar. 1945 sorgte der erste Einsatz von Atombomben in Japan dafür, dass Brecht begann, das eigene Stück mit anderen Augen zu lesen. Die fatale Rolle des Widerrufs, die moralisch-politische Verantwortungslosigkeit der Wissenschaftler und deren Konsequenzen, die Abkoppelung der Naturwissenschaften vom gesellschaftlichen Fortschritt, traten nun stärker hervor, ein zentraler Aspekt, der sich in den Fassungen von 1947 (mit Charles Laughton) und 1955/56 (mit Ernst Busch) niederschlug. Doch auch die frühe dänische Fassung, richtig gelesen oder gespielt, hat ihre Vorzüge. Sie erinnert an den Enthusiasmus von Renaissance, Aufklärung und Vernunft, ohne zu verschweigen, dass zur Durchsetzung der Vernunft auch der »Sieg der Vernünftigen« gehört.

Anmerkungen:

1 Bertolt Brecht: Werke. Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hg. v. Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei u. Klaus-Detlef Müller, Bd. 24, Berlin/Frankfurt 1991, S. 239 (im folgenden: BFA)

2 Zit. n. Werner Mittenzwei: Bertolt Brecht oder der Umgang mit den Welträtseln, Band 1, Berlin 1986, S. 643

3 Bertolt Brecht: Arbeitsjournal, Eintrag v. 15.3.1939, BFA 26, S. 332

4 BFA 5, S. 67

5 Ebd., S. 70

6 Ebd., S. 93

7 BFA 26, 326

Jürgen Pelzer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Juli über das politische Kabarett der 68er.

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