Aus: Ausgabe vom 08.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Wahrheit ist nur im Übergang

Von einer Dialektik, in der jede Einzelheit eine eigene Ordnung generiert: Mathias Spahlingers »Passage/paysage« beim Musikfest Berlin

Von Berthold Seliger
S 10.jpg
»Man gerät in Wolken«: Ensemble Modern Orchestra mit Enno Poppe (r.) bei dem Konzert am Montag

Die Streicher zupfen zehn, zwölf Minuten lang gemeinsam und mit äußerster Grobheit und voller Lautstärke ein H. Gefordert ist das sogenannte Bartók-Pizzicato, das so stark ausgeführt wird, dass die Saiten beim Zurückschnellen auf das Griffbrett eine Art Schnarren erzeugen. Ob das Pizzicato wirklich gemeinsam ausgeführt wird? Unseren Ohren ist nicht zu trauen, Wahrnehmung ist relativ – aber unser Gehirn weiß, dass der Tutti-Akzent ein typischer Klang der Kunstmusik ist und fügt in sozusagen vorauseilendem Gehorsam zusammen, was möglicherweise gar nicht zusammengehört. Zwischen diesen Pizzicato-Hs unterschiedlich lange, geradezu quälende Pausen. Und bei den »gemeinsam« ausgeführten Hs gibt es von Mal zu Mal zunächst geringe, später deutlichere Abweichungen, und wir werden unsicher, ob der Tutti-Akzent überhaupt jemals ein gemeinsamer Ton war – auf jeden Fall passiert eine allmähliche Veränderung, der Unisono-Ton der Streicher wird in ein ausnotiertes Ritardando aufgesplittert, der eine Ton verwackelt und fällt auseinander, aus dem Pizzicato wird ein rhythmischer Vorgang, der ab einem bestimmten Punkt (für jeden Zuhörer an einer unterschiedlichen Stelle) hörbar ist. Die Saiten verstimmen sich im Lauf des endlosen Geschehens aufgrund der groben Behandlung, wir erleben andere Töne, neue Klangfarben, zusätzliche Instrumente, es werden weitere Schläge hinzugefügt, wir erleben einen Neuanfang, nein, geradezu viele Neuanfänge, und zwar so viele davon, dass alles in der Schwebe bleibt. »Man gerät in Wolken«, formuliert der Komponist Enno Poppe, der die Aufführung beim Musikfest Berlin am vergangenen Montag dirigiert. Wir erleben keinen eigentlichen Schluss, das Stück könnte in Schleifen immer weitergehen, neu ansetzen, an einer anderen Stelle weitergeführt werden, die erzeugte Energie scheint sowieso unendlich.

Mathias Spahlingers etwa 45minütige Orchesterkomposition »Passage/paysage«, 1991 in Donaueschingen uraufgeführt, behandelt die »Aufhebung und Zersetzung von Ordnung durch ihre eigene Gesetzmäßigkeit« und gilt unter Komponisten als Jahrhundertwerk, als »Sacre du printemps« unserer Zeit. Das Werk widmet sich der Frage des Übergangs, der »Freiheit«, diskutiert das Ideal der ständigen Revolution. Spahlinger ist sich bewusst, dass Revolutionen Gefahr laufen, neue Konventionen zu etablieren, also lediglich alte Ordnungssysteme durch neue zu ersetzen. Er aber möchte nicht neue Ordnungssysteme, sondern keine. Und zitiert in seinem Text zur Uraufführung Hegel: Angestrebt werde eine Dialektik, in der jedes »Akzidentelle (...) eigenes Dasein und abgesonderte Freiheit gewinnt«, mithin, jetzt Spahlinger, »jede Einzelheit virtuell ein Erstes ist, eine eigene Ordnung generiert«. Es geht um den Übergang selbst: »Wahrheit ist nur im und als Übergang«, und: »Das Thema des Stückes ist Entwicklung. In kleinsten Schritten verändert sich etwas, das dann plötzlich zu einem qualitativen Sprung führt, der eine Änderung in der Wahrnehmung hervorruft.«

Hört sich alles sehr theoretisch an, gewiss. Aber man wird beim Hören von »Passage/paysage« gefangengenommen und verwirrt von all den Klängen, Entwicklungen und, ja, der Schönheit, der Sinnlichkeit dieses Werks – und gleichzeitig rattert es im Kopf, man versucht, der Eindrücke und Anregungen, die diese Musik sekündlich bietet, irgendwie Herr zu werden. Zu Beginn dekonstruiert Spahlinger die Anfangsakkorde von Beethovens »Eroica«, zerpflückt das bekannte Motiv. Durch eine große Anzahl von Wiederholungen erfährt der Akkord minimale, kaum merkliche Änderungen, hauptsächlich in der Dauer. Zwischendrin swingen die Bläser, boy, das fährt auch in die Beine, und man spürt, dass Spahlinger sich auch mal am Jazz versucht hat zu einer Zeit, als der noch nicht übel roch und zur Hochkultur verkam. Das Ensemble Modern Orchestra spielt hervorragend und befreit, dass es eine Freude ist. Alles an dieser großartigen Aufführung atmet Freiheit. »Freiheit bedeutet, dass man durchschaut hat, in welcher Enge man sich bewegt«, erklärt Spahlinger und fügt im sehr instruktiven Interview fürs Programmheft hinzu: »Die Neue Musik hat eine Revolution vollzogen, die nicht wieder in Konventionen gemündet ist. Und die Revolution besteht darin, dass sich das Verhältnis der Teile zum Ganzen, die Ordnungsprinzipien prinzipiell verändern.« Man kann das Musikfest Berlin nicht genug bejubeln, dass »Passage/paysage« endlich in der Philharmonie zu hören war – ein Highlight des Festivals. Wozu maßgeblich auch der erste Programmblock beitrug, eine spannende und vielseitige Zusammenstellung von Werken Anton Weberns, darunter die »Variationen für Klavier« op. 27 (hervorragend: Ueli Wiget), die »Fünf Stücke für Orchester« op. 10, die »Sechs Bagatellen für Streichquartett« op. 9 sowie Orchesterlieder, die von der phantastischen Caroline Melzer eindrucksvoll gestaltet wurden. Erst in dieser über eine Dreiviertelstunde währenden Zusammenstellung konnte sich gerade die radikale Verknappung der Webernschen Stücke entfalten, man hörte sich in das blühende Espressivo dieser Musik, in die Welt der »Mahler-Gerippe« (Poppe) ein und erlebte die Wellen von Gefühlsausbrüchen mit. »Diese Stücke wird nur verstehen, wer dem Glauben angehört, dass sich durch Töne etwas nur durch Töne Sagbares ausdrücken lässt.« (Arnold Schönberg)

Niemand wird nach derartig sinnlichen Hörerlebnissen noch behaupten können, die Musik der Neuen Wiener Schule oder die zeitgenössische Musik eines Mathias Spahlinger sei im Vergleich zum klassisch-romantischen Repertoire »konstruiert«, ihr fehle es an Emotionen oder an Schönheit. Insofern würde man sich wünschen, dass sich die großen Sinfonieorchester derartiger Werke regelmäßig annehmen; vielmehr: Wir müssen es von den aus öffentlichen Mitteln finanzierten Ensembles verlangen, dass sie uns derartige Hörerlebnisse nicht vorenthalten. Warum werden Werke wie »Passage/paysage« so selten aufgeführt (seit der Uraufführung wohl nicht mehr als dreimal)? Ein Meilenstein der Orchestermusik, aber es wird nicht gespielt. Enno Poppe hat eine Erklärung: »Im alltäglichen Orchesterbetrieb, in der üblichen Probensituation lässt es sich nicht realisieren. Der Betrieb ist auf 15minütige Stücke und leicht spielbare Sinfonien ausgelegt. Oder auf Repertoire, das die Musiker gut kennen. In solchen Fällen kann man ein Konzert in zwei Proben vorbereiten.« Also benötigen wir wohl auch eine Revolution des Orchesterbetriebs, um derartige Werke häufiger erleben zu können. Und vielleicht auch eine andere Programmzusammenstellung und Aufführungen jenseits des Neue-Musik-Ghettos (die Philharmonie war beim Konzert am Montag nicht einmal zur Hälfte besetzt). Warum nicht »Passage/paysage« im Abonnementprogramm mit Beethovens »Eroica« vor der Pause? Eine naheliegende Kombination, nicht nur wegen der Verwendung des »Eroica«-Akkords bei Spahlinger, sondern auch, weil beide Komponisten uns auf ihre jeweils eigene Art eine Ahnung davon geben, dass die Form, die Ordnungssysteme von Musik veränderbar sind, und mithin auch alles andere: das eigene Leben, die Gesellschaft, die herrschende Ordnung.

Der Autor ist Konzertagent, zuletzt erschien von ihm das Buch »Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle« (Matthes & Seitz, 2017)

Das Programm wird am 28. September noch einmal im Münchner Prinzregententheater aufgeführt, der Mitschnitt des Berliner Konzerts am 16. September, 20 Uhr, auf Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton