Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 15 / Feminismus

Steinzeit nach der »Diktatur«

Ost- und Westgeschichte vereint: Annett Gröschner zieht Bilanz von 50 Jahren Frauenbewegung in Berlin und legt eine detaillierte Chronik vor

Von Jana Frielinghaus
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Die Ostberliner Künstlerin Anke Feuchtenberger gestaltete in den 90er Jahren zahlreiche grandiose Plakate für feministische Veranstaltungen, darunter dieses für einen Kongress im Juni 1993

Fast 30 Jahre nach dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik ist die Zeit offenbar reif für einen Rückblick auf die Geschichte des Feminismus in Berlin aus ostdeutscher Perspektive. Einen solchen hat jetzt die Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner vorgelegt, geboren 1964 in Magdeburg.

Im Auftrag des Feministischen Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrums (FFBIZ) hat sie aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der Jugend- und Studentenrevolte von 1968 eine umfassende Chronik der Frauenbewegungen in der ehemaligen »Frontstadt« erarbeitet. Bei allem Bemühen um Vollständigkeit ist der Autorin zugleich eine spannende und lebendige Erzählung über disziplinierte und chaotische, fundamentalistische, liberale und alle anderen Feministinnen in und um Berlin gelungen. Und die umfasst nicht nur die letzten 50 Jahre: Das Anfangskapitel ist den Märzrevolutionärinnen von 1848 und der ersten Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts gewidmet. Und natürlich ist das Panorama nicht auf »Berolinas zornige Töchter« beschränkt. Vielmehr reflektiert Gröschner sämtliche maßgeblichen Entwicklungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene in beiden deutschen Staaten.

Bei der Buchpremiere am Dienstag abend im Literaturhaus Berlin schilderte Gröschner im Gespräch mit Stefanie Lohaus, Mitbegründerin des popfeministischen Missy Magazine, ihre ersten Begegnungen mit Westfeministinnen, die gegenseitigen Missverständnisse und den auch in diesem Bereich teilweise bizarren Drang der Westlerinnen, den Schwestern erst einmal das »richtige« Verständnis von Feminismus und Emanzipation etc. beizubringen. Dabei gehörte die Autorin 1990 zu den Gründerinnen des Unabhängigen Frauenverbandes in der DDR und zur kleinen Schar der dort aufgewachsenen Frauen, die sich schon seit Beginn der 80er Jahre gegen das Patriarchat im Sozialismus aufgelehnt hatten – brachte also umfangreiche Kenntnisse über die feministischen Debatten im Westen mit.

In bezug auf die DDR ist Gröschner durchaus um eine differenzierte Darstellung von Errungenschaften einerseits und von paternalistischem Umgang mit den Frauen wie auch ihrer Unterrepräsentanz in Spitzenpositionen andererseits bemüht. Zugleich greift sie bei der Charakterisierung der »Diktatur« zu den vom siegreichen System etablierten Stereotypen. Eine Behauptung lautet, die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Kindererziehung sei nur gefördert worden, weil man die Frauen als Arbeitskräfte brauchte. »Natürlich war die DDR eine patriarchale Gesellschaft«, stellte die Autorin bei der Präsentation des Werks klar. Für den untergegangenen Staat scheint nicht gelten zu dürfen, was eigentlich auf der Hand liegt: dass viele Probleme aus Beharrungskräften und überkommenen Verhaltensweisen von Männern wie Frauen resultieren, die nur langsam überwunden werden können.

Dennoch hat Gröschner recht, wenn sie u. a. die Tabuisierung von Gewalt gegen Frauen und Kinder, die Lebensverhältnisse ausländischer Vertragsarbeiterinnen in der DDR anprangert und Repressalien gegen Initiativen von unten kritisiert, die zunächst gesellschaftliche Fortschritte erreichen wollten und vielfach erst durch staatlichen Kontrollwahn und Verbote in die Opposition getrieben wurden. Die systematische Instrumentalisierung nahezu jeden Protests durch westliche Medien und Dienste dagegen scheint sie bis heute kaum wahrzunehmen. Gleichwohl stellt sie mit Blick auf den Umbruch 1989/1990 unumwunden fest, frauen- und familienpolitisch habe sich die alte Bundesrepublik »noch in der Steinzeit« befunden. Alle Kräfte der Ostfeministinnen seien in den Folgejahren im Kampf zur Verteidigung von Frauenarbeitsplätzen, Kindergärten und des Rechts auf Schwangerschaftsabbruch gebunden gewesen. In vielem sei man nach harten Rückschlägen heute gerade mal wieder auf dem Stand von damals.

Annett Gröschner: Berolinas zornige Töchter. 50 Jahre Berliner Frauenbewegung. Herausgegeben vom FFBIZ-Archiv, Berlin 2018, 344 Seiten

Bestellung beim FFBIZ gegen zehn Euro Vorkasse: ffbiz.de

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