Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 12 / Thema

Dafür ist die Mauer auf

Der 9. November 1989 war ein schöner Tag für alle Deutschen. Doch der 9. November 2019 wird der allerschönste. Da öffnet, wenn alles klappt, Wilhelms Schloss wieder seine Pforten

Von Otto Köhler
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Lehren aus der Geschichte. Die nach Osten gerichtete Seite von Wilhelms wiederaufgebautem Schloss, diesmal gleich mit Schießscharten

Deutsche Welle am Freitag vergangener Woche, ziemlich exklusiv aus Windhuk: »Michelle Müntefering ist sichtlich betroffen. In ihrer Haltung liegt Demut. ›Ich kann das Werk unserer Vorfahren nicht ungeschehen machen‹, sagt die Staatsministerin im Auswärtigen Amt bei den Feierlichkeiten in der Hauptstadt Windhuk, mit der die Gebeine der 27 Herero und Nama in Namibia in Empfang genommen wurden. Deutschland schäme sich der Verbrechen der Vergangenheit, sagt Müntefering, die passend zum Anlass ein schwarzes Kleid und einen weißen Schal trägt. ›Ich bitte aus ganzem Herzen um Vergebung‹, sagt sie zu den anwesenden Vertretern der Regierung und der Opferverbände im Garten des Parlaments in Windhuk. Die Menschen hätten nicht nur ihr Leben verloren, sondern auch ihre Würde, als ihre sterblichen Überreste für wissenschaftliche Zwecke nach Deutschland gebracht wurden.«

Das war nahezu ein Exklusivbericht aus dem ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Die Agentur dpa verbreitete gerade noch eine Meldung an die Redaktionen. Das sei seit 2011 und 2014 die dritte Rückgabe von Schädeln und Knochen an die Nachfahren. Doch: »Mit Müntefering nimmt zum ersten Mal eine deutsche Regierungsvertreterin an den Gedenkzeremonien in Namibia teil.« Die großen deutschen Blätter hatten keinen Platz für solche Beschäftigung einer Nachwuchsministerin. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland etwa fand am nächsten Tag kein einziges Wort über die parlamentarische Staatssekretärin Müntefering und auch kein Wort für den Staatsakt in Namibia. Wohl aber leistete die FAZ im Politikteil ihrer Samstagausgabe einen gelungenen Beitrag über die Wichtigkeit und Bedeutung des Amtes einer anderen Berliner Staatsministerin. Sie befragte Münteferings CSU-Kollegin im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär, auf nahezu einer ganzen Seite zu ihrer Fußbekleidung (»›High Heels passen immer‹ – Staatsministerin Dorothee Bär über Schuhe im Beruf und im Privatleben«).

Stöckelschuhe für alle Gelegenheiten. Aber nichts darüber, was am Vortag in Namibia geschehen war. Es gab Wichtigeres von dort unten in Afrika zu melden. Die »Zeitung für Deutschland« berichtete lieber aus Nigeria, wo die Kanzlerin »Win-win-Situationen schaffen« und eine »Rückführung abgelehnter Asylbewerber« erreichen will. Junge Nigerianer, die nach Deutschland wollen, sollen sich erst einmal einen »Film ansehen, der das Elend der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer« zeigt. Und die Wirtschaftsleute im Tross der Kanzlerin hatten die erfreuliche Aufgabe, Investitionen in den reichsten Ländern Afrikas zu tätigen. Und Rohstoffe, Rohstoffe, Rohstoffe für Deutschlands Industrie zu sichern.

Die Übergabe von ein paar alten Knochen durch eine mindere Staatssekretärin war da völlig unwichtig, Merkel hatte weder Zeit noch Lust, für solche Belanglosigkeiten einen Abstecher nach Namibia zu machen. Claus Staecker von der Deutschen Welle tadelte: »Eine Bundeskanzlerin, die anstelle einer Juniorministerin sich selbst vor Ort der Entschädigungsfrage stellt – das wäre ein vielbeachtetes Signal gewesen.« Eine namibische Politikerin wusste es: »Ihr mögt unsere Leute nicht, aber unsere Bodenschätze mögt ihr.«

Blut tropft vom Schloss

Dieser getrennte Besuch von Kanzlerin und Juniorministerin in Afrika – ein billiges Remake einer Situation vom April. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron war zum Staatsbesuch in Berlin. Bevor noch die Verhandlungen im Kanzleramt begannen, nötigte Merkel den Besucher zu einem Lehr-Gang durch das sogenannte Humboldtforum, das schon fast völlig restaurierte Schloss Kaiser Wilhelms. Macron hatte zuvor in Afrika das »Ende der kolonialen Amnesie« verkündet und versprochen, »das künstlerische Erbe Afrikas zu restituieren«. Dabei soll ihn Bénédicte Savoy unterstützen. Die französische Kunsthistorikerin war im Sommer 2017 aus dem internationalen Beratergremium des »Humboldtforums« ausgetreten. »Ich will wissen, wieviel Blut von einem Kunstwerk tropft«, sagte sie damals. Unmöglich erschien ihr, rechtzeitig vor der feierlichen Eröffnung 2019 die Provenienz all der ins Schloss geschafften Ausstellungstücke zu überprüfen.

Und nun zwang die Kanzlerin Macron – gerade noch bevor es zu tropfen beginnt – mit ihr die Baustelle des Schlosses zu würdigen, von dem Kaiser Wilhelms Befehl zum Völkermord an den Herero und Nama ausgegangen ist. Drastischer konnte Merkel dem Franzosen nicht zeigen, wer Herrin in Europa ist. Und ebenso professionell hatte sie in der vergangenen Woche den Afrikanern signalisiert, wo die Chefin hinreist und welchen Kram sie der Azubi überlässt.

Das kaiserliche Schloss jedenfalls wurde und wird in – nahezu – seiner ganzen Pracht schleunigst – in nur sechs Jahren, zwischen 2013 und 2019 – wiederaufgebaut. Die Rückgabe der Schädel und Knochen ihrer ermordeten Vorfahren an die Herero und Nama zieht Deutschland schon seit sieben Jahren hin, bisher gab es drei Lieferungen, ein Ende ist nicht abzusehen – und eine Wiedergutmachung sowieso nicht.

Der Deutsche Bundestag hat im Juni 2016 in aller Feierlichkeit die Massenvernichtung der Armenier durch die Türkei zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Genozid anerkannt. Im März 2012 hatte Frank-Walter Steinmeier, damals Fraktionsvorsitzender der SPD, im Namen seiner Partei und der Grünen einen Entschließungsantrag eingebracht: »Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.« Das glaubte die Mehrheit des Deutschen Bundestages nicht. Da gibt es nichts zu klagen.

Das kaiserliche Schloss also wird im November nächsten Jahres – mit dem Raub- und Beutegut aus Deutschlands Kriegen – in aller Herrlichkeit wiedereröffnet. Pünktlich zum 30. Jahrestag – denn genau dafür haben die Bürger der DDR ihre Friedliche Revolution veranstaltet. Wiedereröffnet in aller Herrlichkeit? Das ist eine etwas dreiseitige Sicht. Man muss differenzieren und auch Herrlichkeit nach allen Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes interpretieren.

Schon am 2. Juli 2002 war dem Friedlichsten aller Revolutionäre, dem damaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, etwas aufgefallen. Selbstverständlich bekannte er sich zum Wiederaufbau des Schlosses, aus dem der Deutsche Kaiser 1918 höchst unfriedlich vertrieben worden war. Parlamentspräsident Thierse würdigte die zu restaurierende Herrlichkeit in der, ja, »geschichtsträchtigen« Lage in der Mitte Berlins: »Nach Westen hin, zu den Linden« werde gerade die Kommandantur wiederaufgebaut, »im Süden« der Komplex durch den Historischen Marstall fortgesetzt, und »im Norden« schließe sich der (von Wilhelm I. errichtete) Berliner Dom an. Aber, und da verspürte Thierse ein Geschmäckle, das ihm nicht behagte: »Nur nach Osten hin ist durch die, aufgrund der Asbestverseuchung notwendig gewordene Sanierung des Palastes der Republik bis auf sein Gerippe, seine Hülle, eine leere, eine offene Situation entstanden, für die wir eine überzeugende Antwort finden müssen«.

Mauer mit Schießscharten

Heute ist die offene Situation geschlossen, und die gefundene Antwort ist so überzeugend wie die Architektur des Bundesnachrichtendienstes. Schlossarchitekt Franco Stella hat die Lehre aus der Geschichte gezogen: Als Kurfürst »Eisenzahn« Friedrich II. 1447 erstmals das Schloss als Zwingburg zwischen Cölln im Osten und Berlin im Westen errichtete, begehrten die Bürger auf. Im »Berliner Unwillen« öffneten sie die Schleusen und setzten den Bauplatz unter Wasser. Auf Dauer leider ohne Folgen. Die Anführer wurden verbannt und ihr Vermögen von einer damaligen Treuhand eingezogen.

Stella hat neuerlichem Aufruhr vorgebaut. Gewiss, die drei nach Westberlin zeigenden Schlossseiten sind im wunderbar-wilhelminischen Gipsbarock gehalten, von da droht ja auch keine Gefahr. Aber die Ostseite. Eine Betonwand mit zweckgerichteten Öffnungen. Ganz oben schmale Schießscharten, durch die Scharfschützen die Rädelsführer schon aus der Ferne abschießen. Darunter in drei Reihen etwas breitere Luken, durch die können Geschütze den etwaigen Rest erledigen.

Der erste deutsche Kaiser, Wilhelm No. 1, hatte als preußischer Kartätschenprinz noch einige Mühe, vor dem Schloss demonstrierende Bürger abzuknallen. Wenn er diese wehrhafte Ostseite, diese Trutzburg gegen die verehemaligten DDR-Bürger heute sehen könnte, er würde dem Brutaloarchitekten Stella das allerhöchste Verdienstkreuz verleihen.

Auch das große goldene Kreuz auf des Schlosses Kuppel ist inzwischen fest beschlossene Sache, wenn auch ohne Haken. Die Hohenzollern hatten es nachträglich als Zeichen des Sieges über Untertanenaufsässigkeit angebracht. Kultursenator Klaus Lederer von Die Linke hatte da zwar zunächst noch Bedenken, weil auf einen »Profanbau« kein Kreuz gehöre. Aber erstens ist Wilhelms Schloss kein Profanbau, sondern allen richtigen Deutschen ein geheiligter Ort. Und zweitens hat sich der Linke Lederer schon damit getröstet, dass anderswo »barbusige Frauen die Fassaden« zieren.

Da aber verkennt der Kultursenator die neuesten geistlichen Konnationen eines solchen Kreuzes. Das goldene Kreuz ist – wie die Welt vorletzte Woche (22.8.) berichtete – ein untrügliches Erkennungsmerkmal, das 300 katholischen Priestern in Pennsylvania dazu dient, es den rund tausend Kindern umzuhängen, die sie ihren Glaubensbrüdern weiterempfehlen können. Jeder gläubige Gottesmann wird wissen, was ihn erwartet, wenn erst einmal dieses güldene Kruzifix von der Kuppel des Humboldtforums erstrahlen wird. Er weiß dann, dass auch katholische Priestergemeinschaften im restaurierten Schloss der protestantischen Hohenzollern stets ein offenes Portal finden werden.

Allerdings, sie müssen die Rechnung mit dem Wirt machen. Schlossherr Hermann Parzinger hat schon vor der »unglückseligen Mischung aus Erwartungsüberfrachtung und ›Weltbeglückungsphantasie‹« gewarnt, mit der das ganze Projekt von Anfang an belastet war. Ein Bordell für alle Bürger wird dieser Ort nicht werden.

Judomeister Parzinger

Es ist keinem deutschen Intellektuellen, der auf Schreib- und Vortragsaufträge angewiesen ist, zu raten, mit dem Humboldtforum auf Kriegsfuß zu stehen. Wenn es einmal richtig funktioniert, wird es der wichtigste und größte Auftraggeber für Kulturschaffende in diesem Land und in weiten Teilen der Welt sein. Die Vernetzung dieser Einrichtung und ihres Gründungsintendanten Parzinger ist nicht zu überschätzen. Denn der ist auch Präsident der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz«. Preußischer Kulturbesitz – diese Bezeichnung ist kein dummer Witz, sondern blutiger Ernst, Parzinger ist schließlich auch noch – heißt es so? – proaktiver Judomeister. Jedenfalls ist diese von Bund und Ländern getragene Stiftung eine der größten Kultureinrichtungen weltweit. Ihr unterstehen Museen, Bibliotheken, Wissenschaftsinstitute in ganz Deutschland. Und ein alter Schuppen in Berlin, in dem noch Hunderte von Schädeln aus Afrika liegen – Herero-Frauen mussten mit Glasscherben das Fleisch von den Köpfen ihrer Männer schaben, damit die Schädel wohlpoliert zur Rassenforschung nach Berlin geschickt werden konnten.

Ich hatte davon keine Ahnung, doch die meisten PEN-Mitglieder wissen das sehr wohl. Als ich im April auf der deutschen Mitgliederversammlung dieser weltweiten Schriftstellervereinigung in Göttingen unter Berufung auf Bénédicte Savoy einen Entschließungsantrag zum Berliner Schloss einbrachte, war das offensichtlich. Ich beantragte, das wiedererrichtete wilhelminische Schloss in der Mitte Berlins dürfe im kommenden Jahr als »Humboldtforum« nur dann wieder eröffnet werden, wenn »die Provenienz eines jeden Ausstellungsstückes einwandfrei geklärt ist. Raub- und Beutestücke aus der Kolonialzeit sind zurückzugeben« (jW 27.4.2018).

Da war was los. Ich blieb – das kenne ich beim PEN – mutterseelenallein. In der Kürze der Zeit lasse sich das doch gar nicht schaffen. Man müsse Parzinger, dem Chef des Ganzen vertrauen. Und außerdem sei nicht alles nur geraubt und geklaut, was im Humboldtforum stehen werde. Nahezu einstimmig wurde mein Antrag abgelehnt. Und am nächsten Tag brachte der ehemalige PEN-Generalsekretär Herbert Wiesner einen schöneren Antrag ein, der zu nichts verpflichtet: »Provenienzforschung und Restitutionsplanung« sollen zum »öffentlich sichtbaren« Konzept des auf jeden Fall »zu eröffnenden Humboldtforums« gehören. Nahezu einstimmig – ich konnte gerade noch nein sagen – wurde die Entschließung angenommen. Antragsteller Wiesner versteht sein Handwerk: Er ist gut vernetzt als Leiter der »Stiftung Zukunft Berlin«. Die setzt sich entschieden für das Humboldtforum ein.

Steinmeier fehlte

Es gibt einen in diesem Land, der könnte, der müsste diesem Unternehmen Einhalt gebieten: der deutsche Bundespräsident. Wollen wir Frank-Walter Steinmaier trauen? Seine Vorgänger waren – leider nur metaphorisch – Feuer und Flamme für dieses Projekt. Tatsächlich wäre dies die Lösung, aber da haben wir ja nur den Reichstag, den die Nazis auch nicht angezündet haben wollten.

Horst Köhler, der wegen seiner unerlaubten und auch mehr zufälligen Einsicht in den Zweck der Bundeswehr gehen musste, war begeistert, weil das Wiederhochziehen von Wilhelms Schloss ihm die schönste Rache am Erzfeind ist. Für ihn wird so die ganze deutsche Geschichte rehabilitiert. »Mit dem Wiederaufbau des Schlosses«, so formulierte er im Juli 2009 in einem Grußwort, werde »ein barbarischer Akt sozusagen rückgängig gemacht: die Sprengung des Stadtschlosses auf Beschluss der DDR-Führung«. Warum ist dieser Akt barbarisch? »Damals sollte ein Teil der Berliner und der deutschen Geschichte unsichtbar gemacht werden. Wenn das Stadtschloss wiederaufgebaut wird, dann heißt das auch, dass wir uns zu unserer ganzen Geschichte bekennen …« Zu unserer ganzen Geschichte, zu der der Genozid an den Herero und Nama ebenso gehört wie der Höhepunkt in Auschwitz und anderswo. Bundespräsident Köhler war so begeistert, dass er den alten Bürgermeister Ernst Reuter aus der Hosentasche holte und in den Refrain ausbrach: »Wir können heute sagen – und erst recht, wenn das Humboldtforum einmal richtig eröffnet wird – ›Ihr Völker der Welt, ihr seid mit eurer Kultur zu Hause in dieser Stadt!‹«

Da tropfte schon und noch das Blut der deutschen Kolonialmassaker aus den noch anderswo gelagerten und nun zum Schauen bestellten Ausstellungsstücken. Der – gewesene – Bundespräsident: »Es ist erstaunlich, wieviel doch schon geschafft worden ist, wieviel aus einer zunächst vielleicht verrückt klingenden Idee schon geworden ist. Das ist großartig, das ist ein Grund zur Freude.« Er dankte und wünschte viel Glück und Erfolg: »Sie wissen alle, dass sie an etwas mitwirken, das in unserem Land, ja auf der Welt, nicht seinesgleichen hat.« Richtig, das dürfte den Schlossbauern inzwischen klargeworden sein. Auch Köhlers würdiger Nachfahr Joachim Gauck besuchte noch gegen Ende seiner Amtszeit am 22. November 2016 die Baustelle des wilhelminischen Schlosses und ließ sich von Kulturgutsbesitzer und Gründungsintendant Parzinger freundlich und geduldig alles erklären.

Aber was ist mit dem gegenwärtigen Bundespräsidenten, der als SPD-Fraktionschef, im Bundestag auf mehrheitliche Ablehnung stieß, als er seine Resolution zum deutschen Völkermord an den Herero einbrachte? Er wird vermisst. Frank-Walter Steinmeier war nicht einmal am vorletzten Samstag gekommen, als die Berliner Philharmoniker am bisher letzten offenen Baustellentag im Schlüterhof aufspielten. Seine – demonstrative? – Abwesenheit verstößt gegen die Tradition unserer Staatsspitzen. Für den langjährigen Reichspräsidenten Adolf Hitler war es eine Ehrenpflicht, zusammen mit Hermann Göring, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler in der ersten Reihe zu sitzen, wenn die Berliner Philharmoniker schon damals im Schlüterhof für ihn aufspielten.

Und dann der Affront an diesem Montag abend. Der Bundespräsident trat im Berliner FAZ-Gebäude als Laudator auf für Daniel Kehlmann, der den Frank-Schirrmacher-Preis auch für sein Buch über Alexander von Humboldt erhielt. Und da konnte er es schwer vermeiden – zum ersten Mal in einer öffentlichen Rede – das sogenannte Humboldtforum zu erwähnen, wo doch dort gerade die offene Baustelle gefeiert worden war. Er zog sich aus der Affäre und bezeichnete es mit erhobenem Zeigefinger als das, was es ist: »dieses ambitionierteste kulturelle Projekt unseres Landes«. Da hatte er sich gerade noch diplomatisch ausgedrückt und nicht die beiden üblichen Synonyme für seinen Superlativ von ambitioniert in Stellung gebracht: das geltungsbedürftigste oder geltungsüchtigste Projekt dieses Landes. Aber deutlich war das.

Und nun geben Sie sich einen Ruck, Frank-Walter Steinmeier. Der preußische Kulturgutsbesitzer Parzinger und seine Schlossmitherren erwarten vom Bundespräsidenten, dass er 2019 bei einer etwaigen Eröffnung des Humboldtforum im kaiserlichen Schloss dasteht und die Weiherede hält. Sie sagen nein, Frank-Walter Steinmeier. Darauf baue ich. Dann hat ein besseres Deutschland gesiegt.


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  • Uwe Pieper: Weiterträumen Steinmeier? Der Steinmeier, der es angemessen fand, einen (seit seiner Kindheit in Deutschland lebenden) Menschen fünf Jahre lang unschuldig und unnötig im Folterknast Guantanamo schmoren zu lassen? (...

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