Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Lore 2 aka X-Berg Loggia

Von Eike Stedefeldt

Nach drei Monaten Hitze beschert am 30. August ein Schauer dem Kiez um den am 14. Juni 1888 eingeweihten Wasserturm an der Kopischstraße eine lähmende Schwüle. Stickig ist es im früheren Maschinenraum – und doch um 19 Uhr kein Stuhl mehr frei unter der schönen Gewölbedecke. Der Ausschank des 1984 hier eingezogenen Jugendzentrums hat gut zu tun: Bier, das passt.

Denn es luden die Initiativen »Denkmalschutz für die Bockbrauerei!« und »Kiez aktiv: Bockbrauerei« zum Infoabend. »Die historischen Brauereikeller«, um die es geht, liegen vom Turm aus 50 Meter Luftlinie nach Süden, dann zehn Meter in Richtung Erdmittelpunkt. Sie sind das Herz des Brauerei-Areals Fidicinstraße 3. »Nach 1945 ein facettenreicher Gewerbehof mit Kulturprojekten«, ist es laut Einladung »seit 2015 Spekulationsobjekt der Bauwert Aktiengesellschaft«. Als Skandalon aber erfasst deren Neu­reichenprojekt »X-Berg Loggia« nur, wer die Geschichte des Ortes kennt – und anerkennt.

Karin Dittmar von der Denkmalinitiative müht sich redlich mit ihrem Vortrag. Die erfahrene Kiezaktivistin weiß: Wer Nachbarn zu politischem Handeln gegen Verdrängung motivieren will, die bereits am Zuhören scheitern, muss leichte Häppchen als Horsd’œuvre servieren. Also beginnt sie bei dem am 22.12.1799 geborenen George Leonhardt Hopf, der 1827 noch im Etablissement Friedrichstraße 126 wohl das erste Berliner Bier auf bayerische Art braute und 1838 wegen hoher Nachfrage 16.000 Quadratmeter Grund auf dem Tempelhofer Berg für seine »Hopf’sche Berliner Bock-Brauerei« erwarb. Hopf, der zu Ostern 1839 im hauseigenen Schankgarten die erste »Tempelhofer Urbock«-Saison eröffnete, erlebte noch den Neubeginn nach dem Brand von 1842. Aber im Mai 1844 trug man ihn vors Hallesche Tor, wo auf dem Kirchhof Dreifaltigkeit I ein Wandgrabmal an ihn erinnert.

Doch nicht auf Kreuzberger Lokalhistörchen will die Referentin hinaus. Rasch reihen sich die Dekaden, wechselt der Besitz von Hopfs Stiefsöhnen bis zur Schultheiss-Patzenhofer AG, die den Rivalen 1920 kaufte und 1922 stillegte. Wichtiger als die prägende Fassade der 1905 erbauten Schwankhalle (dort wurden Fässer maschinell in Wasser geschwenkt, also gereinigt) scheinen ihr Fotos der Ausbauphasen zwischen 1855 und 1888 zu sein, welche die Lage der Eis- und Gärkeller und ihren Bau im offenen Verfahren zeigen sowie Lehmschüttungen, die für konstant niedrige Temperaturen sorgten. Karin Dittmar geht es nämlich nicht, was legitim wäre, zuvörderst um irgendeinen physischen Denkmalwert.

»Spätestens ab 1933 nutzten die Nationalsozialisten sowohl das Produktions- als auch das Vergnügungsgelände häufig für politische und militärische Zwecke. Später wurde der Saal als Sammelstelle für den Arbeitsdienst genutzt und ab 1939 für Musterungen.« Würde nicht bei diesen Sätzen der Projektwebsite die Sozialwissenschaftlerin zornig, dann gewiss bei diesem: »Offenbar wurde auf dem Fabrikgelände auch für militärische Zwecke produziert.«

Offenbar? Also vielleicht auch nicht? Such dir was aus, Kunde der Bauwert AG! Frau Dittmar weiß von seit 1934 dort tätigen »Wehrwirtschaftsbetrieben«, von Zwangsarbeiterbaracken ab 1940. »Zur Sicherung der Produktion von Spezialröhren für das A4-Programm sind Sie aufgefordert worden, eine Verlagerung in unterirdische Räume durchzuführen«, mahnte im April 1944 Rüstungsminister Albert Speer streng geheim die Firma Telefunken. »A4« hieß im Klartext: V2-Raketen. Diesen und den Flügelbomben V1 fielen in London 15.000 Menschen und 29.000 Häuser zum Opfer.

»Die Brauereikeller« für die unterirdische Fabrik – Tarnname »Lore 2« – »sind bereits am 23.3. für die Fa. Telefunken sichergestellt worden«, vermerkt ein weiteres Geheimschreiben Speers, und zwar durch die »Organisation Todt« und mit KZ-Häftlingen aus Sachsenhausen. Die 19 requirierten Keller maßen 5.370 Quadratmeter, der größte war der Gärkeller von 1869 mit 560 Quadratmetern. Ihr Ausbau geschah vor allem durch deportierte »Ostarbeiter«; bekannt sind 135. Telefunken selbst ließ darin, Stand November 1944, 361 Menschen Elektronenröhren für Funk-, Peil- und Störsender, Navigations-, Ziel- und Ortungsgeräte fertigen, meist in Zwangsarbeit. Mangelnde Belüftung, Hitze, chemische Dämpfe, Unfallgefahr: 60 Stunden die Woche für Männer, 56 für Frauen. Dazu, Hunger, schlechte Unterkunft, Hygiene, Kleidung.

Um die Bauwert AG zu hindern, für ihr Luxusquartier diesen Symbolort des »Totalen Krieges« samt seiner Opfer unkenntlich zu machen, stellte die Initiative »Denkmalschutz für die Bockbrauerei!« 2016 einen entsprechenden Antrag. Seit 2017 sind die »Lore 2«-Keller nun geschützt, einstweilig verfügt wurde eine »Veränderungssperre«. Die Bauwert AG meint, man könnte NS-Opfer auch in Form einer Tiefgarage ehren. Ersatzweise ließen sich ihre Leidensorte an den Stirnseiten ausbuddeln und schick verglasen. Profitnot macht erfinderisch, wie einst, sagen wir: den werten Herrn Reichsminister und die Firma Telefunken.


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