Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 4 / Inland

Keine Tötungsabsicht erkennbar

Zwei Jahre nach Sexualmord an chinesischer Studentin ist das Urteil rechtskräftig

Von Susan Bonath
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Gedenken an die ermordete Yangjie Li in Dessau-Roßlau, Mai 2017

Yangjie Li wurde nur 25 Jahre alt. Im Mai 2016 wurde die chinesische Studentin in Dessau brutal vergewaltigt und ermordet. Zwei Jahre nach dem erstinstanzlichen Urteil gegen einen Polizistensohn und seine damalige Freundin hat der Bundesgerichtshof (BGH) am Donnerstag die Entscheidung des Dessauer Landgerichts im Fall der Mittäterin bestätigt. Sie ist damit rechtskräftig und kann nicht mehr angefochten werden.

Die Angehörigen des Opfers, die in Dessau als Nebenkläger aufgetreten waren, hatten Berufung dagegen eingelegt, dass die Beschuldigte Xenia I. nur wegen sexueller Nötigung, nicht aber wegen Mordes verurteilt worden war. Die Karlsruher Richter befanden nun, eine Beteiligung der jungen Frau an dem Mord habe das Landgericht rechtsfehlerfrei ausgeschlossen bzw. nicht beweisen können. Die zum Tatzeitpunkt 20jährige war im August 2017 nach Jugendstrafrecht zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden (jW berichtete). Sie selbst hatte vor dem BGH ebenfalls Revision eingelegt, weil sie eine mildere Strafe erreichen wollte. Der Senat lehnte dies ab.

Die Revision des zu lebenslanger Haft verurteilten Haupttäters hatte der BGH bereits am 30. August verworfen. Sowohl die Anwendung von Erwachsenenstrafrecht als auch die Bejahung der besonderen Schwere der Schuld hielten rechtlicher Nachprüfung stand, erklärte der Senat.

Im Dessauer Prozess hatte ein Gutachter I. persönliche Unreife attestiert. Die Staatsanwaltschaft und die Eltern des Opfers forderten hingegen eine Verurteilung wegen Mordes. Sie glaubten I.s Einlassungen vor Gericht nicht. Danach war sie selbst weder an besonders schweren Misshandlungen noch an der Tötung des Opfers beteiligt.

Der Haupttäter Sebastian F. sitzt deshalb seit der Verhaftung der beiden am 23. Mai 2016 im Gefängnis. Wegen der festgestellten besonderen Schwere der Schuld kann er nicht nach 15 Jahren auf Bewährung auf freien Fuß kommen. F. ist der Sohn zweier hochrangiger Polizeibeamter. Sein Stiefvater Jörg S. leitete von 2012 bis Juni 2016 das Dessauer Polizeirevier. Dieses ist durch weitere Vorfälle bereits seit langem Gegenstand zahlreicher Medienberichte. In den Jahren 1997 und 2002 starben zwei Deutsche nach schweren Misshandlungen. 2005 verbrannte dort der Asylbewerber Oury Jalloh. Alle Fälle sind ungeklärt.

Laut Urteil hatte Xenia I. Yangjie Li am späten Abend des 11. Mai 2016 beim Joggen abgepasst. Mit einem Trick lockte sie die Studentin in das von ihr und Sebastian F. bewohnte Hinterhaus in der Dessauer Innenstadt. Dort fiel F. brutal über sein Opfer her. Gemeinsam schleppte das Paar die sich Wehrende in die leerstehende Wohnung unterhalb ihrer eigenen, wo sie anschließend vergewaltigt und zu Tode misshandelt wurde.

Vor Gericht beteuerte Xenia I., sie habe sich dann die meiste Zeit oben in der eigenen Mietwohnung aufgehalten. Sie habe F. aber später geholfen, das Opfer zu einem Fenster zu transportieren. Von dort soll F. die Schwerverletzte über ein Baugerüst auf den Hinterhof befördert und in einem Gebüsch abgelegt haben. Dort oder vorher erlag die junge Frau ihren schweren Verletzungen. Erst mehr als einen Tag nach der Tat fand die Polizei ihren Leichnam.

Bei den Ermittlungen gab es zahlreiche Ungereimtheiten. Eine besondere Rolle spielten die Eltern des Haupttäters F. Seine Mutter Ramona S. arbeitete damals noch in der Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Ost in Dessau. Sie hatte sich freiwillig der Tatortgruppe angeschlossen und Zeugen befragt. Erst nachdem diese Zusammenhänge bekanntgeworden waren, hatte die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau die Polizeidirektion im nahen Halle mit den weiteren Ermittlungen beauftragt. Außerdem hat Ramona S. in den zwölf Tagen bis zur Festnahme mehr als 40 Telefonate mit ihrem Sohn geführt. Stiefvater Jörg S. indes sorgte kurz nach der Tat als Revierleiter dafür, dass F. aus dem zum gesicherten Tatortbereich gehörenden Haus schnell ausziehen konnte, und half selbst beim Umzug. Einen Verdacht geschöpft haben will der Stiefvater aber nicht. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg sah ebenfalls keinen Anfangsverdacht der Strafvereitelung bei Mutter und Stiefvater.


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