Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Ramsis Kilani und der alltägliche Rassismus

Von Dror Dayan
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Ramsis Kilani während der Konferenz des ECCHR am Dienstag

Ramsis Kilani ist Ibrahim Kilanis ältester Sohn. In Deutschland geboren und aufgewachsen, steht er kurz vor dem Abschluss seines Masterstudiums an der Universität Siegen, wo auch sein Vater studierte. In die Strafanzeige, die er einige Monate nach dem Tod seiner Familie stellte, setzt er keine große Hoffnung. »Die Beziehung zwischen Israel und Deutschland überschattet eigentlich alles«, sagt er dazu. »Selbst bei legalen Prozessen wird da ein Auge zugedrückt, weil Deutschland seine Beziehung zu Israel so aufrechterhalten will«. Hauptsächlich wünscht er sich, dass der Fall größeres Aufsehen erregt und Menschen auf die Realität in Palästina aufmerksam macht.

Die Reaktion staatlicher Stellen der BRD auf den Tod seiner Familie war ein ernüchterndes Erlebnis für Kilani. »Ich weiß, dass ich und andere Palästinenser mit deutscher Staatsbürgerschaft uns im Ernstfall nicht auf den deutschen Staat verlassen können«, beklagt er. Er weiß, dass Palästina in Deutschland ein heikles Thema ist. Der öffentliche Umgang damit oder auch mit dem Fall Kilani selbst mache es deutlich. »Wir haben alles versucht, um Interviews mit den Medien zu bekommen und auf unseren Fall aufmerksam zu machen«, sagt er. Er findet, der mediale Diskurs im Lande behindere oft eine sachliche Diskussion: »Während Demonstranten in Gaza von einer hochgerüsteten Armee niedergeschossen werden, wird hierzulande eher vom arabischen Antisemitismus geredet.« Viele Menschen in Deutschland hätten schon ein vorgefertigtes Bild, das viel mit Rassismus zu tun habe und nach dem alle Palästinenser »antisemitisch oder streitsüchtig sind und nie eine Lösung akzeptieren würden«. Und weiter: »Das hat schon mit klassischen kolonialen Ideen zu tun, dass die kolonisierte Bevölkerung einfach zu rückständig ist und mit harter Hand erzogen werden muss.« Der alltägliche Rassismus treffe Palästinenser besonders, da viele von ihnen sowohl muslimisch und arabisch als auch Flüchtlinge seien.

Kilanis Eindruck einer Doppelmoral scheint nicht unbegründet zu sein. So zeigte sich einige Tage vor dem Tod seiner Familie Bundeskanzlerin Merkel bestürzt und besorgt über den Absturz der malaysischen Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine, in der sich auch vier deutsche Staatsbürger befanden. Eine ähnliche Beileidsbekundung für die fünf deutschen Staatsbürger seiner Familie kann sich Ramsis Kilani nur wünschen. Daraus könne man viel über die Position Deutschlands lernen, findet er. Ihm sei durchaus bewusst, dass die weitgehende Ausgrenzung der Solidarität mit Palästina auf der juristischen und politischen Ebene auch für ihn und seine Familie weitere Schwierigkeiten bei ihrer Suche nach Gerechtigkeit bedeute. Ramsis Kilani sieht eine Lösung in politischer Arbeit: »Ich bleibe auf jeden Fall aktiv, und ich werde alle möglichen Wege nutzen, um auf unseren Fall und die Situation in Palästina aufmerksam zu machen.«


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