Aus: Ausgabe vom 07.09.2018, Seite 2 / Ausland

»Marokko hat eine ›Mauer der Schande‹ erbaut«

Keine Bewegung im Konflikt um Westsahara. EU kooperiert mit Marokko, sahrauische Bevölkerung leidet. Ein Gespräch mit Nadjat Hamdi

Interview: Carmela Negrete
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Sahrauische Proteste in Algerien (Juni 2016)

Bis 1975 war die Westsahara eine Kolonie Spaniens, das Territorium wurde dann von Marokko besetzt. Seit Jahren schwelt der Konflikt. Wie ist dort die aktuelle Lage?

Die Situation in der Westsahara wird von der internationalen Gemeinschaft kaum wahrgenommen. Man kann schon sagen, dass die Region in Vergessenheit geraten ist. Obwohl die UN-Charta das Recht auf Selbstbestimmung der Völker untermauert, bleibt das sahrauische Volk seit 43 Jahren davon ausgeschlossen. Wir sind von vielen Ländern weltweit als eigenständiger Staat anerkannt worden, besonders in Afrika und Lateinamerika. Andere erkennen die Befreiungsbewegung »Frente Polisario« als die legitime Vertretung des sahrauischen Volkes an, dazu zählen auch europäische Staaten und die UNO.

Die Okkupation unseres Landes hält bis heute an. Unsere Kultur, unsere Sprache und unsere Identität sind bedroht. Die UNO hat uns total enttäuscht, weil wir an sie geglaubt haben. Wir hatten einen Friedensplan unterzeichnet, wonach 1992 ein Referendum über die Unabhängigkeit stattfinden sollte. Seit Jahrzehnten warten wir geduldig darauf, was uns das Völkerrecht garantiert und die internationale Gemeinschaft versprochen hatte.

Welche Interessen hat Marokko in der Region?

Es geht immer um eines: die wirtschaftlichen Interessen. Da ist die Westsahara keine Ausnahme. Unsere Region hat viele Ressourcen. Wir haben das größte Vorkommen weltweit von Phosphat, eine 1.500 Kilometer lange Küste, vor der viele Fischbänke liegen. Es gibt Eisen, Kupfer und Erdöl in unserem Boden, auch Uran. Unzählige Konzerne beuten illegal die Bodenschätze in der Westsahara aus, zudem unterzeichnet die EU immer wieder illegale Assoziationsabkommen mit dem marokkanischen Regime. Solche Vereinbarungen zementieren die Besatzung unseres Territoriums. Laut Europäischem Gerichtshof in Luxemburg gelten Abkommen zwischen der EU und dem Königreich Marokko nicht für das Gebiet Westsahara und auch nicht für die sahrauischen Gewässer.

Wie ist die Situation der Menschen?

Man darf in den besetzten Gebieten keinen Verein gründen oder sich an politische Aktivitäten beteiligen. Zudem ist es sehr gefährlich für unsere Leute, an Protesten teilzunehmen. Folter und Verhaftungen sind auf der Tagesordnung. Das Regime lässt Menschen einfach verschwinden. Die marokkanische Polizei ist für ihre Brutalität weltweit bekannt. Wir haben einen Waffenstillstand akzeptiert, weil wir eine friedliche Lösung wollen und weil wir ernsthaft der UNO geglaubt hatten. Aber wenn sich weiterhin nichts bewegt, werden die jungen Menschen nicht mehr lange zuschauen. Daran wird die UNO dann auch nichts mehr ändern können.

Haben die jüngsten Proteste in Marokko dazu beigetragen, das Sahara-Problem mehr in den Vordergrund zu rücken?

Diejenigen, die sich an den letzten Protesten beteiligt haben, haben sich auf die interne Situation und Missstände in Marokko konzen­triert. Die Rechte des sahrauischen Volkes wurden nicht unterstützt. Das hat uns sehr enttäuscht. Wir hatten gedacht, dass Menschenrechte und politische Rechte für alle gelten sollen. Wir hatten gehofft, dass, wer für mehr Demokratie und Gerechtigkeit eintritt, auch das Selbstbestimmungsrecht aller fordern wird.

Wie ist die heutige Situation der Sahrauis?

Marokko hat eine »Mauer der Schande« erbaut, wie wir sie nennen. Sie ist 2.700 Kilometer lang und trennt die Westsahara und somit die dortige Bevölkerung in zwei Teile. Ein Teil der Sahrauis lebt in den von Marokko besetzten Gebieten, wo sie wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Ihre fundamentale Rechte werden mit Füßen getreten, sie sind arm und unterdrückt. Der zweite Teil lebt seit 43 Jahren überwiegend im algerischen Tindouf in Flüchtlingslagern, in denen die Lebensbedingungen unhaltbar sind. Sie sind abhängig von internationaler Hilfe und haben keinen Zugang zu Rohstoffen.

Die Mehrheit der Sahrauis kämpft heute friedlich für ihre Unabhängigkeit. Die Frage ist: Wie lange noch werden die Menschen die Unterdrückung, die Verletzung ihrer Rechte und die Ausbeutung ihrer Bodenschätze dulden? Wie lange noch werden die Menschen auf die UNO warten wollen?

Nadjat Hamdi ist Vertreterin der »Frente Polisario« (Volksfront zur Befreiung von Saguía el Hamra und Río de Oro) in Deutschland


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