Aus: Ausgabe vom 06.09.2018, Seite 11 / Feuilleton

Alle Kriege verloren, alle Märkte gewonnen

Dominique Manotti beschreibt in ihrem Krimi »Kesseltreiben« die kriminellen Verflechtungen in den heutigen Wirtschaftskriegen

Von Gerd Bedszent
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Sei immer einen Schritt voraus: In modernen Wirtschaftskriegen wird mit harten Bandagen gekämpft

Die französische Autorin Dominique Manotti zählt zweifelsfrei zu den ganz Großen der zeitgenössischen sozialkritischen Kriminalliteratur. Zu ihrem Roman »Kesseltreiben«, der kürzlich in deutscher Übersetzung beim Argument-Verlag erschien, inspirierte sie die sogenannte »Alstom-Affäre«, die 2015 erfolgte Übernahme des gleichnamigen französischen Großunternehmens durch den US-Konzern General Electric.

Bezüge zum realen Kriminalfall finden aufmerksame Leser im Buch allerdings nur wenige. Der Autorin geht es offensichtlich nicht um eine Dokumentation der unter skandalösen Umständen vollzogenen Übernahme, die in Frankreich jeder gelegentliche Zeitungsleser kennt. Sie nutzt vielmehr eine fiktive feindliche Übernahme eines Unternehmens durch US-amerikanische Konkurrenz, um die völlige Hilflosigkeit von Politik und Justiz ihres Landes gegenüber wirtschaftskriminellen Machenschaften international agierender Konzerne zu verdeutlichen.

Manottis Protagonistin ist Noria Ghozali, eine höhere Polizeibeamtin mit Migrationshintergrund. Ihre Karriere in der Abteilung für Terrorismusbekämpfung fand kurz vor den geschilderten Ereignissen ein abruptes Ende, nachdem sie ihre Vorgesetzten vorschriftsgemäß darüber informierte, dass sich ein entfernter Verwandter im Nahen Osten den Milizen des »Islamischen Staates« angeschlossen hatte. Ihre neue Arbeitsstelle, die Sektion »Wirtschaftliche Sicherheit« ist personell ausgedünnt und gilt bei karrierebewussten Beamten als Sackgasse.

Dass es sich gleich bei ihrem ersten Fall um einen Wirtschaftskrimi gigantischen Ausmaßes handelt, ist der Polizistin anfangs nicht bewusst. Ein Gespräch mit einem pensionierten Kollegen – den aus anderen Krimis der Autorin bekannten schwulen Polizeikommissar Daquin – hilft ihr auf die Sprünge. Während französische Regierungsstellen stur darauf beharren, die verbündete US-Regierung nicht unnötig zu verärgern, unterstützen Polizei, Justiz und Geheimdienste eben dieser US-Regierung ihre Großunternehmen ganz offen in ihrem Bestreben, sich diverser wichtiger Unternehmen der französischen Volkswirtschaft zu bemächtigen. Daquin bringt die Situation treffend auf den Punkt: »Nur ein paar französische Ideologen glauben, dass die amerikanischen Unternehmen Verfechter des freien Wettbewerbes sind (…). Seit über einem halben Jahrhundert verlieren sie alle Kriege und erobern alle Märkte.«

Noria Ghozali und ihre Kollegen müssen erfahren, dass die Methoden, mit denen die US-Stellen vorgehen, alles andere als fein sind. Bei ihren Ermittlungen geraten die Polizisten jedenfalls in einen ungewöhnlich brutalen kriminellen Sumpf: Erpressung, Nötigung, Rauschgifthandel, exzessive sexualisierte Gewalt und Mord. Verschiedene Passagen sind für zarte Gemüter schwer erträglich. Dafür bietet das Buch aber auch Spannung von der ersten bis hin zur letzten Seite.

Die französischen Beamten müssen am Ende jedenfalls die Erfahrung machen, dass die Gegenseite ihnen stets mindestens einen Schritt voraus war. Und auf dieser Gegenseite stehen keineswegs nur US-amerikanische Regierungsstellen. Auch dynamische Jungmanager mischen mit, die in ihrer Freizeit gerne das Drogen- und Rotlichtmilieu frequentieren, zur Finanzierung dieses Lebensstils ihre Vorgesetzten manipulieren, nicht bemerken, wie sie selbst manipuliert werden, und am Ende dann das Schicksal unliebsamer Zeugen teilen.

Der Roman bietet mehr als bloß die Schilderung der mit immer rabiateren Mitteln ausgetragenen Wirtschaftskriege unserer Gegenwart. Denn er ist auch ein beeindruckendes Sittengemälde. Die Autorin beschreibt den moralischen Verfall der französischen Oberschicht und thematisiert die zunehmende Verschmelzung von Großunternehmen, kriminellem Untergrund und staatlichen Stellen. Genau das geschieht in der Kriminalliteratur viel zu wenig.

Dominique Manotti: Kesseltreiben. Aus dem Französischen von Iris Konopik, Argument-Verlag, Hamburg 2018, 397 Seiten, 20 Euro

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Debatte

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  • Beitrag von Holger L. aus D. ( 6. September 2018 um 01:14 Uhr)

    Ist denn das nicht zu kurz gefasst? Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, aber mir stößt unmittelbar auf, dass, immer wenn es um Wirtschaftskriminalität geht, auch gleich das Rotlicht- und Drogenmillieu herhalten muss, plus Nötigung und Mord, damit auch jeder weiß, was da für Fieslinge am Werk sind.

    So stellt sich das vielleicht Klein-Fritzchen vor. Die Realität ist jedoch eine ganz andere: Die großen Wirtschaftsunternehmen handeln völlig »legal«, aber da sie international agieren, haben nationale Regierungen ihnen wenig entgegenzusetzen. Dazu kommt die Angst um Arbeitsplätze, Steuereinbußen, Rufverlust usw., und schon kuschen alle.

    Auch in der Selbstdarstellung und in der Beeinflussung der gesellschaftlichen Sicht auf sich selbst sind die großen Unternehmen dem »öffentlichen Sektor« weit voraus. Welche Regierung beschäftigt schon einen Marketingstrategen (oder ein ganzes Ministerium?), um ihre Politik »zu verkaufen«?

    Wenn man das alles in einem Roman verarbeiten möchte, dann wäre ein Minister oder ein Ministerialbeamter als Ich-Person viel gewinnbringender. Vielleicht sogar einer, der als Person als Unternehmensmanager viel geeigneter wäre und ständig an seine Grenzen stößt, weil er den falschen Beruf hat. – Und die große Frage am Ende wäre: Lässt er sich kaufen oder nicht?

    Sollte ich vielleicht selbst schreiben, das Buch ...

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