Aus: Ausgabe vom 05.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Kühn, Anders

Von Jegor Jublimov

Natürlich können einen alten Chemnitzer, der stolz darauf war, dass seine Geburtsstadt eine Zeitlang Karl-Marx-Stadt hieß, die rechtsradikalen Umtriebe in Sachsen nicht kalt lassen. So fällt ein Schatten auf den gestrigen 95. Geburtstag von Werner Kühn. Gleich nach dem Krieg hatte er sich im Jugendverband engagiert, gehörte dem Komitee zur Vorbereitung der Weltfestspiele von 1951 an. Seine gesellschaftswissenschaftlichen Studien absolvierte er u. a. in Leipzig bei Fritz Behrens, Ernst Bloch und Hans May­er – sein Doktorvater wurde Alfred Kurella. Die wohl interessanteste Phase seines Wirkens begann, als Direktor Jochen Mückenberger Kühn als Parteisekretär ans Babelsberger Spielfilmstudio holte. Gemeinsam mit anderen versuchten die damals jungen Leute, DEFA-Filme durchzusetzen, die das Publikum gern sehen wollte und die gleichzeitig künstlerische Maßstäbe setzten. Vieldiskutierte Filme wie »Der geteilte Himmel« und »Die Abenteuer des Werner Holt« konnten in diesen Jahren entstehen. Nicht alle Projekte konnten verwirklicht werden. In einem jW-Leserbrief schilderte Werner Kühn den vergeblichen Versuch, die Rechte an Peter Weiss’ Stück »Die Ermittlung« zu erhalten. Die waren aber leider nach Italien vergeben. Das 11. Plenum des ZK der SED stoppte 1965/66 alle Versuche, durch die Kunst einen grundsätzlichen Diskurs über den Sozialismus zu führen. Viele DEFA-Filme durften nicht fertiggestellt werden, die verantwortlichen Funktionäre wurden entlassen. Kühn bekam nach einer Bewährungszeit die Möglichkeit, im Kulturministerium verantwortungsvolle Aufgaben wahrzunehmen.

Auch Kameramann Erwin Anders war an einem Film beteiligt, der höheren Orts missfiel. »Köpfchen, Kamerad« (1966), nach einer Vorlage von Franz Fühmann mit Fred Delmare und Horst Kube in den Hauptrollen, erzählte Episoden aus der Geschichte der Volkspolizei offenbar zu realistisch. Der Film wurde von 80 auf 60 Minuten gekürzt, und die geplante Fortsetzung erschien nicht. Anders hatte viel Kunst aufgeboten, um Gerhard Lau, der einen Schmied spielte und körperlich nicht sehr hochgewachsen war, so aufzunehmen, dass er alle überragte. Das Gegenteil war ihm vier Jahre zuvor in Anders' heute vielleicht bekanntestem Film »Schneewittchen« nicht gelungen, als er aus durchschnittlich großen Schauspielern Zwerge machen sollte.

Der in Dresden aufgewachsene Kameramann hatte eine umfassende technische Ausbildung, nahm aber auch Regie- und Schauspielunterricht. Das kam ihm zugute, als er nach dem Krieg in der DEFA-Produktion Sachsen viele Dokumentarfilme als Regisseur und Kameramann drehte, für die er mit dem Heinrich-Greif-Preis ausgezeichnet wurde. Beim Spielfilm hatte er mit Erich Engels »Geschwader Fledermaus« 1958 seinen größten künstlerischen Erfolg. Der Vater des Verlegers Klaus-P. Anders (Märkischer Verlag Wilhelmshorst) starb 1972 und wäre am Samstag 110 Jahre alt geworden.


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