Aus: Ausgabe vom 05.09.2018, Seite 7 / Ausland

Auf dem Streikposten

Personal von privaten Sicherheitsunternehmen in den Niederlanden fordert bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne

Von Gerrit Hoekman
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Erfolgreicher Tarifauseinandersetzung: Die Sicherheitsleute am Flughafen Schiphol bei Amsterdam erhalten mehr Lohn (3.11.2016)

Am Dienstag legten in den Niederlanden die Mitarbeiter aller privaten Sicherheitsfirmen für 24 Stunden die Arbeit nieder. Unter anderem wurde bei Shell in Moerdijk, an der Universität in Amsterdam und dem Flughafen in Rotterdam gestreikt, wie die Gewerkschaft FNV auf ihrer Internetseite mitteilte. Sie fordert bessere Dienstpläne und eine Gehaltserhöhung.

Auch das große Zentrum für Flüchtlinge in Ter Apel war betroffen. Dort trafen sich schon um sechs Uhr morgens die ersten Streikposten. »Wir sind ziemlich unzufrieden«, sagte ein Gewerkschafter gegenüber dem Lokalsender RTV Noord. »Unsere Leute arbeiten richtig hart und bekommen dafür aber keine Wertschätzung.«

»Die Kampagnenbereitschaft ist hoch«, stellte der FNV-Funktionär Mohamed Gafki am Montag fest. »Das ist außergewöhnlich und wir sind angenehm überrascht von der Zahl der Sicherheitsleute, die sich angemeldet haben oder es immer noch tun.« Der Großteil der Streikenden befindet sich laut Gewerkschaft zum ersten Mal in einem Arbeitskampf. »Darauf sind wir stolz«, so Gafki.

Nach Angaben des Zentralorgans für die Aufnahme von Asylsuchenden (COA), das für die Einrichtungen in den Niederlanden zuständig ist, gab es keine Sicherheitsprobleme. »Das streikende Personal ist in der Nachbarschaft des Zentrums und ein Teil arbeitet normal«, sagte ein Sprecher gegenüber dem friesischen Radiosender Omrop Fryslân. »Bei Schwierigkeiten können wir noch mehr Leute einsetzen.«

Die Beschäftigten hätten ein hohes Verantwortungsgefühl und hätten ihren Streik im Notfall vermutlich unterbrochen, sagte Roderik Mol von der christlichen Gewerkschaft CNV am Dienstag gegenüber Omrop Fryslân. Aber wenn die Angestellten allein für die Sicherheit zuständig seien, dann könnten sie von ihrem Streikrecht nie Gebrauch machen.

Dieses Verantwortungsgefühl geht den Unternehmen offenbar ab. Die Verhandlungen mit den Gewerkschaften laufen bereits seit Monaten und das einzige Angebot, das das Kapital bislang auf den Tisch legte, war eine Nullrunde. Damit sind die 30.000 Beschäftigten der Branche nicht einverstanden.

Nur am Amsterdamer Flughafen in Schiphol konnte vergangene Woche ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt werden, nachdem die Gewerkschaft mit Streik gedroht hatte und die Betreibergesellschaft die Arbeitsniederlegung per einstweiliger Verfügung vom Gericht verbieten lassen wollte. Die 4.000 Sicherheitsleute in Schiphol bekommen für dieses Jahr eine einmalige Auszahlung von 700 Euro brutto und für 2019 eine Lohnerhöhung von 2,5 Prozent. Im Jahr darauf erhalten sie noch einmal 2,5 Prozent auf das Gehalt. Die durchschnittliche Arbeitszeit wird von 38 auf 36 Stunden verringert.

Nach Ansicht der Gewerkschaften war dieser Vertrag für die Sicherheitsleute überfällig. »Sie arbeiten unter stets größerem Druck, während sie bei ihrem Lohn nichts von dem ökonomischen Wachstum merken, von dem Schiphol profitiert«, stellte Gertjan Tommel von der Gewerkschaft »De Unie« am vergangenen Mittwoch gegenüber der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt NOS fest. »Dank der gemachten Absprachen sind die Sicherheitsleute in der Lage, eine bessere Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden.« Die Lohnerhöhung sei ein Zeichen der Wertschätzung für die gute Arbeit, die sie verrichten, so Tommel.

Genau dieses Paket will die Gewerkschaft nun auch für die anderen Beschäftigten in der Branche durchsetzen. »Für die anderen Sicherheitsleute habe ich auch die Hoffnung, dass wir schnell mit den Arbeitgebern am Verhandlungstisch sitzen«, sagte Erik Maas von der christlichen Gewerkschaft CNV. Er erwartet, dass die Unternehmen sich an den Tarifvertrag von Schiphol orientieren. »Wir rufen alle Mitarbeiter und Besucher auf, die Sicherheitsleute moralisch zu unterstützen«, erklärte Maas am Montag abend gegenüber der Regionalzeitung Leeuwarder Courant.

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