Aus: Ausgabe vom 05.09.2018, Seite 5 / Inland

Streik auf Eis gelegt

Arbeitskampf bei Autozulieferer Halberg-Guss bleibt vorerst ausgesetzt. IG Metall will weiter mit der Konzernspitze verhandeln

Von Susan Bonath
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Schlichten statt streiken: die IG Metall sitzt offenbar gerne weiterhin am Verhandlungstisch

Noch am Montag morgen titelte der MDR Sachsen: »Das Ultimatum läuft ab«. Ein solches hatte die IG Metall vor einer knappen Woche der Geschäftsführung des Automobilzulieferers Neue Halberg-Guss GmbH (NHG) bis zum Abend des 3. September gesetzt. Sollte das Unternehmen bis dahin »keine belastbaren Schritte vorlegen, will der Vorstand der IG Metall noch am Montag sein weiteres Vorgehen beschließen«, hieß es. Ein Gewerkschaftssprecher stellte auch die Wiederaufnahme des seit gut fünf Wochen ausgesetzten Streiks in Aussicht. Die Frist ist nun verstrichen, die Unternehmensführung schweigt, und die IG Metall ruderte zurück. Der Ausstand bleibe zunächst weiterhin ausgesetzt, informierte die Gewerkschaft am Montag abend. Denn es sei »nicht ausgeschlossen, dass in kurzer Frist eine Lösung des Konflikts möglich ist«. Dazu führe die IG Metall derzeit »auf allen Ebenen« Gespräche, habe aber zugleich den Bundesvorstand ermächtigt, kurzfristig weitere Entscheidungen zu treffen. Es bleibt also vorerst beim Säbelrasseln.

Dabei hatten die Beschäftigten der Motorblockgießereien in Leipzig und Saarbrücken einen denkwürdigen Arbeitskampf hingelegt (jW berichtete). Der NHG-Eigentümer Prevent befindet sich seit Jahren in einem Preiskampf mit diversen Autokonzernen, vor allem mit VW. Erst im Januar hatte er die beiden Gießereien übernommen und wenig später angekündigt, das Werk in Leipzig mit knapp 700 Mitarbeitern Ende 2019 schließen sowie 300 von 1.500 Stellen im Saarland streichen zu wollen. Viele Beschäftigte traten daraufhin nach Angaben eines Betriebsrats gegenüber jW in die IG Metall ein. Rund 98 Prozent seien nun gewerkschaftlich organisiert. So gelang es, von Mitte Juni bis Ende Juli die gesamte Produktion in Leipzig und Saarbrücken lahmzulegen. Bis heute fordern die Beschäftigten einen Sozialtarifvertrag und eine Transfergesellschaft. Damit soll die Geschäftsführung die Folgen von Entlassungen unter anderem mit Abfindungen in Höhe von dreieinhalb Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr abfedern. Das Angebot der Firma beschränkte sich zuletzt auf einen halben Monatslohn pro Jahr.

Während des Streiks hatte Prevent alle Register gezogen, den Arbeitskampf zu unterbinden. Die Eigentümer zogen vor Gericht, warfen den Beschäftigten Sabotage vor, setzen Prämien für Denunzianten aus. Und schließlich annoncierten sogar rund zwei Dutzend Abnehmerkonzerne der NHG in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In einer ganzseitigen Anzeige klagten sie über drohenden Produktionsausfall und forderten die Streikenden auf, die Arbeitsniederlegungen umgehend zu beenden. Zunächst zeigte sich die IG Metall davon unbeeindruckt. Doch wenige Tage später verkündete sie den Schlichtungsversuch und die vorläufige Aussetzung des Streiks. Seit Anfang bzw. Mitte August laufen die Maschinen in Saarbrücken und Leipzig wieder, und die Konfliktparteien verhandeln – bisher offenbar mit mäßigem Erfolg.

Zwar sprach die Gewerkschaft zwischendurch mehrfach von kleinen Fortschritten. Vor zwei Wochen hieß es sogar, möglicherweise gebe es die Option, beide Standorte zu erhalten. Doch davon war nach der sechsten Schlichtungsrunde am 28. August keine Rede mehr. Man sei vorangekommen, »doch es gab keine Wende«, meldete die IG Metall am Folgetag. Die Parteien hätten »nicht den entscheidenden Durchbruch erzielt«. Und: »Ein tragfähiges Konzept, das es ermöglicht, die NHG weiterzuführen und ihre Zukunft zu sichern, ist bei heute nicht erkennbar.« Insgesamt stecke die Schichtung »in einer äußerst kritischen Situation«. Wie es nun weitergeht, lässt der am Montag vom IG-Metall-Vorstand gefasste Beschluss offen. Dort heißt es nur, die Vollmacht für die geschäftsführenden Mitglieder des Gremiums, kurzfristig zu handeln, schließe »einen Beschluss zur Wiederaufnahme des Arbeitskampfes ausdrücklich ein«.

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