Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 14 / Feuilleton

Alles Simulanten!

Von Rafik Will
Germany_Chemnitz_58514522.jpg
Nur verwirrte Rentner? Wer mit Nazis demonstriert, weiß, was er tut (rechte Proteste in Chemnitz, 27.8.)

Von nichts gewusst zu haben war eine beliebte Ausrede der Deutschen nach dem Faschismus. Und auch heute ist man scheinheilig: Menschen, die Seite an Seite mit Nazis gegen Ausländer demonstrieren, werden von vielen Politikern als »besorgte Bürger« bzw. verwirrte Rentner entschuldigt. Die neueste Volkskrankheit heißt also präventive Amnesie. Oder selbstgewählte Frühdemenz. Auch da gilt die alte Ärzte­weisheit: »Alles Simulanten!« Denn dass Leute, die wiederholt auf Demonstrationen gehen, auf denen der Hitlergruß gezeigt wird oder aus denen heraus sich Lynchmobs zusammenrotten, ziemlich genau wissen, was sie tun – davon kann man ausgehen.

Gegen die neu-alten Tendenzen zur Verherrlichung der deutschen Naziverbrechen empfiehlt sich Johanna Her­zings »Tante Trude« (DLF 2016; Di., 19.15 Uhr, DLF). Die Autorin befasst sich in dem Feature mit ihrer Familiengeschiche und der Erinnerung an eine Verwandte, die bei den von den Nazis »Euthanasie« genannten Morden umkam.

Direkt im Anschluss läuft David Zane Mairowitz’ Hörspiel »Züge in Gegenrichtung« (SRF 2018; Di., 20.10 Uhr, DLF). Hier wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der im Holocaust seine Mutter verlor und viele Jahrzehnte später versucht, mit seinem Vater Kontakt aufzunehmen.

Über die aktuellen rechtsradikalen Umtriebe in Chemnitz informieren derweil u. a. das Leipziger Radio Blau oder das Hamburger FSK – auch über die Plattform freie-radios.net, die unter anderem »Chemnitz ist Deutschland und nicht nur Sachsen« bereithält. Der Beitrag des »Nachmittagsmagazins für subversive Unternehmungen« (FSK) stammt vom letzten Samstag und ordnet die Entwicklungen des Wochenendes ein.

Um den musikalischen Kampf gegen rechts geht es u. a. auch am Donnerstag (6.9.) in der neuen Reihe »Grether-Salon: Krawalle und Liebe« im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus. Als Vorbereitung auf diesen Abend mit Musik und Lesungen sollte man Martin Böttchers Sendung  »Tonart« (Mi., 15.30 Uhr, DLF Kultur) einschalten.

Mörder, die in Pflegeberufen arbeiten, sind der Alptraum eines jeden Patienten. Rosvita Krausz hat sich in ihrer Radioarbeit »›Er arbeitete umsichtig und gewissenhaft‹ – über den Krankenhausmörder Niels Högel« (DLF 2018; Ursendung Fr., 20.10 Uhr, DLF) dem Phänomen gewidmet.

Sci-Fi-Unterhaltung bietet hingegen die Funkadaption des Filmklassikers »Körperfresser« (WDR 2017; Sa., 0 Uhr, DLF) von Jack Finney. In die Welt der Mode entführen einen Johannes Nichelmann und Florian Sie­beck mit »Lagerfeld« (NDR/BR 2018; Ursendung Sa., 13 Uhr, Bayern 2, Wdh., So., 11 Uhr, NDR Info und 14 Uhr, RBB Kulturradio), und wer Yasmina Rezas »Der Gott des Gemetzels« (MDR 2008; Sa., 14 Uhr, ORF Ö1) noch nicht kennt, sollte es unbedingt einschalten. Zwei Elternpaare geraten in Streit über ihre Kinder. Das eskalierende Drama ist sehr lustig.

Einen Überwachungsstaat hat Carl Amery in seinem Hörspiel  »Schirmspringer« (BR/WDR 1984; Sa., 15 Uhr, Bayern 2) beschrieben und damit unserer Realität vorgegriffen. Sehr empfehlenswert sind außerdem noch folgende Produktionen: Die Marcel-­Proust-Bearbeitung »Sodom und Gomorrha – die Unstetigkeiten des Herzens« (SWR/DLF 2018; Sa., 20 Uhr, DLF), die Joseph-Roth-Adaption »Die Legende vom heiligen Trinker« (DLF/Radio France/SR 2007; So., 15 Uhr und Mo., 20 Uhr, Bayern 2) und Ece Temelkurans »Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann« (WDR 2014; So., 17 Uhr, WDR 5).

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Feuilleton