Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 8 / Ansichten

Patriot des Tages: Jurij Schipjuk

Von Reinhard Lauterbach
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Patriotisch gegen Russland geht in der Ukraine immer

In der südukrainischen Stadt Mykolajiw (Nikolajew) lehrte bis vor kurzem der Historiker Jurij Schipjuk. Das wäre niemandem außerhalb engerer Fachkreise weiter aufgefallen, wäre er nicht eines unnatürlichen Todes gestorben. Letzte Woche wurde er nämlich mit zahlreichen Messerstichen im Leib in einer Wohnung aufgefunden, die nicht die seine war, die aber stundenweise vermietet wird. Schipjuk hatte sie sich für drei Stunden reserviert. Ob die bestellte Person auch erschien, ist nicht bekannt.

Nun weiß man natürlich mit Heinrich Mann, dass auch Professor Unrat nicht allein der Wissenschaft lebte. Doch der Unrat, den Professor Schipjuk im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit absonderte, machte ihn nicht einfach zu einem älteren Herrn mit unerfüllten sexuellen Bedürfnissen. Schipjuk galt als »ukrainischer Patriot«, »proukrainischer Aktivist« und »Demaskierer sowjetischer Geschichtsfälschungen«, wie sie in der heutigen Ukraine offiziell nachgefragt sind. Und dies veranlasste den Chef der Gebietsverwaltung von Mykolajiw, dem unter etwas kompromittierenden Rahmenbedingungen eingetretenen Tod Schipjuks eine tiefere Bedeutung zu verleihen: In diesem Mord, so der Gouverneur, zeige sich die »Hand Russlands«.

Wie auch anders. Die Russen haben mit so was ja Erfahrung. Haben sie nicht auch das Hausmädchen von Nazigauleiter Richard Kube in Minsk, Jelena Grigorjewna Masanik, angestiftet, dem Chef eine Bombe unters Bett zu legen? Wobei nicht erwiesen ist, dass sie etwas mit ihm hatte. Für ihre Tat wurde sie jedenfalls zur »Heldin der Sowjetunion«. Ob die mutmaßliche Partisanin bzw. der mutmaßliche Partisan von Mykolajiw auch noch irgendeinen Orden bekommt oder sich mit dem begnügen musste, was dem Professor aus der Tasche gezogen werden konnte, wird eines der Geheimnisse der »Revolution der Würde« bleiben.

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