Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 4 / Inland

Another Brick in the Bridge

18.000 Menschen forderten in Hamburg und Berlin sichere Häfen für Geflüchtete. Demonstrationen auch in anderen EU-Staaten

Von Kristian Stemmler
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Allein in Hamburg gingen am Sonntag mehr als 15.000 Menschen für sichere Fluchtwege auf die Straße – und reagierten mit ihren Transparenten auf rechte Hetze

Die Republik schaut in diesen Tagen wie gebannt nach Chemnitz, wo Neonazis und »besorgte Bürger« Amok laufen. Dass längst kraftvolle Gegenbewegungen wie diejenige unter dem Schlagwort »Seebrücke« existieren, ist Politikern wie Heiko Maas offenbar entgangen. Der Bundesaußenminister hatte am Wochenende in schlechter SPD-Tradition die Bürger allgemein zum »Aufstehen gegen rechts« aufgefordert und sie zugleich pauschal der Bequemlichkeit geziehen. Jetzt müssten »wir« auch mal »vom Sofa hochkommen und den Mund aufmachen«, verlangte er via Bild am Sonntag.

In Hamburg gingen am Sonntag nachmittag nach Veranstalterangaben mehr als 15.000 Menschen auf die Straße und forderten sichere Häfen für Geflüchtete, in Berlin waren es rund 2.500. Das Netzwerk »Seebrücke« beendete mit Veranstaltungen in mehreren Städten der EU vorerst die internationale Protestrallye unter dem Motto »Build bridges, not walls«. So fanden auch in Frankfurt am Main, Köln und Kassel Aktionen statt, auf denen das Ende der Blockade des Mittelmeers für Rettungsschiffe durch die EU-Behörden und die Aufnahme geretteter Flüchtlinge gefordert wurde. Weitere Demonstrationen gab es in den polnischen Städten Warschau, Poznan, Szczecin und Katowice sowie in der französischen Hauptstadt Paris.

An die Stadtregierungen von Hamburg und Berlin appellierten die Demonstranten, sie sollten sich zu »sicheren Häfen« erklären, also offensiv anbieten, Gerettete aufzunehmen. Ziel der Hamburger Großdemo war das Rathaus, in dem der Senat von SPD und Grünen wie auch die Bürgerschaft residieren. Die Führungsspitze der Hamburger Grünen lief mit, obwohl sich der Senat bisher bedeckt gehalten hatte, was die Forderungen von »Seebrücke« betrifft. Auf eine jW-Anfrage zum Thema antwortete Senatssprecher Jörg Schmoll am Montag: »Hamburg wird sich wie bisher an den von der Bundesregierung mit der EU vereinbarten Verfahren zur Aufnahme, Verteilung und Integration von Flüchtlingen beteiligen. Wir befürworten keine Sonderwege, werden aber die Entscheidungen der Bundesregierung zur Aufnahme weiterer Flüchtlinge aus dem Mittelmeer unterstützen.«

Bei der Auftaktkundgebung an den Landungsbrücken sagte Hamburgs evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs, die Rettung von Menschen aus Seenot sei »ein Grundgebot der christlichen Seefahrt«. Auf einer Zwischenkundgebung verurteilten Aktive von »Jugend rettet« die Kriminalisierung privater Hilfsorganisationen, forderten eine staatlich organisierte Seenotrettung auf dem Mittelmeer und ein Ende der – für viele Menschen tödlichen – Behinderung der Arbeit ehrenamtlicher Initiativen. Ein Vertreter des Fansprecherrates des FC St. Pauli kommentierte die Hetzjagden, die Rechte eine Woche zuvor in Chemnitz veranstaltet hatten: »In diesen dunklen Zeiten ist es einfach unsere verdammte Pflicht, auf die Straße zu gehen und uns in den Weg zu stellen.« Viele Demonstranten trugen orange, etwa orangefarbene Hüte oder Schwimmwesten, die ein Symbol der Bewegung sind, hielten selbstgebastelte Schilder in die Höhe. »Seebrücke statt Seehofer« stand darauf oder »Kein Adler braucht diesen Horst«.

Unter den Rednern der bewegenden Abschlusskundgebung auf dem Rathausmarkt war Claus-Peter Reisch, Kapitän des Rettungsschiffes »Lifeline«. Derzeit wird gegen ihn auf Malta ermittelt, die Behörden werfen ihm Zusammenarbeit mit Schleppern vor. »Herr Bürgermeister Peter Tschentscher, machen Sie Hamburg zu einer offenen, einer Stadt für Flüchtlinge«, appellierte er an das sozialdemokratische Stadtoberhaupt. Mehr als 1.500 Flüchtlinge seien nach offizieller Zählung dieses Jahr ertrunken, tatsächlich seien es wohl viermal so viele. Mit den »grausamen« Zuständen in den libyschen Lagern, in die inzwischen immer mehr von der »Küstenwache« des nordafrikanischen Landes abgefangene Flüchtlinge gebracht werden, dürfe man sich nicht abfinden, forderte der Kapitän. Am Ende der Demo legten sich zahlreiche Teilnehmer auf den Boden, um das Sterben im Mittelmeer zu veranschaulichen.

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