Aus: Ausgabe vom 04.09.2018, Seite 1 / Titel

Zwischen den Fronten

Ausnahmezustand in Libyens Hauptstadt Tripolis. Dutzende Zivilisten bei Gefechten rivalisierender Milizen getötet

Von Knut Mellenthin
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Zerstörtes Lager: Eine von einer Rakete getroffene Unterkunft für Flüchtlinge in Tripolis (2.9.2018)

In der libyschen Hauptstadt Tripolis wird seit einer Woche wieder gekämpft. Am Sonntag wurde der Ausnahmezustand verhängt. Das Gesundheitsministerium der international anerkannten Regierung gab die Zahl der Getöteten am Montag mit 47 an. Unter den Todesopfern sind nach Informationen von »Human Rights Watch« vom Wochenanfang mindestens 18 Zivilpersonen, davon vier Kinder.

Eine nicht genau bekannte, zweifellos hohe Zahl von Menschen ist zwischen den Fronten sich bekämpfender Milizen gefangen. Hilfsorganisationen stehen vor wachsenden Schwierigkeiten, sie mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten und ärztlichen Dienstleistungen zu versorgen.

Besonders betroffen sind Tausende von Geflüchteten überwiegend aus afrikanischen Ländern, wie die Organisation »Ärzte ohne Grenzen« am Freitag informierte. Viele von ihnen werden in sogenannten Aufnahmezentren, in Wirklichkeit Lagern mit extremen Bedingungen, gefangengehalten, die in den umkämpften Stadtteilen liegen. Sie waren bei der Flucht übers Meer von der Küstenwache der Regierung in Tripolis festgenommen und aufs Festland zurückgebracht worden. »Ärzte ohne Grenzen« berichtete von Lagern, in denen die Gefangenen 48 Stunden ohne Nahrung blieben. Inzwischen hat die UN-Flüchtlingshilfe mehrere hundert Menschen evakuiert.

Die Kämpfe hatten am Montag vor einer Woche begonnen, als die sogenannte 7. Infanteriebrigade aus der Stadt Tarhuna in die südlichen Vororte und Bezirke der Hauptstadt vorrückte, um eine rivalisierende Koalition von Milizen aus Tripolis zu vertreiben. Politische, ideologische und religiöse Gegensätze zwischen den Kampfverbänden spielen keine große Rolle. Die meisten Milizen sind jeweils den Orten verbunden, aus denen ihre Mitglieder stammen, und praktisch alle verfolgen hauptsächlich finanzielle Interessen, die in der Regel außerhalb des Legalen liegen.

Kennzeichnend für die libysche Situation ist, dass die in Tripolis und Umgebung aktiven, sich jetzt bekämpfenden Milizen nominell alle für die international anerkannte Regierung tätig sind. Diese bezahlt ihre Gehälter und kommt auch für die Kosten von ärztlichen Behandlungen und Krankenhausaufenthalten auf.

Seit Beginn der militärischen Auseinandersetzungen vor einer Woche wurden mehrere Waffenstillstände geschlossen, die wenige Stunden später gebrochen wurden. Dafür geben sich die Kontrahenten gegenseitig die Schuld. Das ist billig, muss aber nicht einmal auf bösen Absichten beruhen: Niemand könnte genau und sicher sagen, wer die Schuldigen sind, wenn in der Nacht während eines Waffenstillstands ungezieltes Artilleriefeuer auf Wohnbezirke niedergeht und militärische Reaktionen auslöst.

Die Regierungen Frankreichs, Italiens, Großbritanniens und der USA riefen am Sonntag in einer gemeinsamen Stellungnahme »die bewaffneten Gruppen« auf, »sofort alle militärischen Aktionen einzustellen«, und drohten denen, die sich daran nicht hielten, damit, dass sie »zur Rechenschaft gezogen« würden. Sie sagten nicht, wie das geschehen solle. Ihre inkompetenten Versuche, Libyen irgendwelche Lösungen aufzuzwingen, haben bisher nur Scherben hinterlassen. So steht es wohl auch um ihre Ankündigung, dass im Dezember landesweite freie Wahlen stattfinden sollen.


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