Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 11 / Feuilleton

Berlin, 19. Dezember 2006

Eine Kürzestgeschichte

Von René Hamann

Es endete mit der BVG. Veränderte Linienführung, leider nicht mitgeschaltet. Wenn Dinge sich ändern, die sich nicht ändern müssten. Langer Fußmarsch von Friedrichshain nach Hause, da sämtliche Anschlüsse verpasst waren und ich kein Geld für ein Taxi hatte. Wieder einmal wurde mir meine Herkunft und finanzielle Malaise bewusst, auch vorher im Hackbarth’s, als Frau Rinck meinte, man könne von 700 Euro im Monat nicht leben. Ich lebe zur Zeit von 400 Euro im Monat, das Geld vom Verlag ist immer noch nicht da, mein Dispo ist bis zum Rand ausgeschöpft, auch in anderen Momenten dachte ich an meine kleine Herkunft, Schlepptau auf der Karrieristenwiese. Ich bin stolz. Vorher dachte ich bei einem polnischen Bier, dass heute ein guter Tag war, körperlich habe ich mich fast wohlgefühlt, ich habe einiges gearbeitet, der Tag strömte vorbei. Frau Scho kann sehr nett sein, schaute mich aber nur aus den Augenwinkeln heraus an. Der Tag strömte vorbei, im Café Jenseits saß ein 20jähriges Wesen mit silbernen Turnschuhen und grünen Strumpfhosen. Ich aß eine Tiefkühlpizza, die mir kurz im Magen lag. Als ich mit Musik im Ohr am Adidas-Geschäft vorbeilief, dachte ich kurz, dass ich mich bald verlieben werde. Fick das griechische Muster der Tragödie, fick die Einheit von Ort, Zeit und Personen der Handlung. 2006 war kein berühmtes Jahr, außer dem Umzug und der Zusage vom Verlag gab es nichts Aufregendes zu melden, außer dass E. schwanger ist. Ich habe immer noch die Vorstellung eines dauerhaft warmen Ortes im Süden Europas. Palmen und Tricks.


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