Aus: Ausgabe vom 01.09.2018, Seite 7 / Ausland

Bedenkzeit vor Angriff

Der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Syrien, Staffan de Mistura, setzt weiterhin auf Verhandlungen

Von Karin Leukefeld, Damaskus
RTX691BW.jpg
Der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, bei einer Pressekonferenz in Genf (14.6.2018)

Der Angriff der syrischen Streitkräfte auf die Dschihadisten in Idlib verzögert sich. Unterdessen hat sich der UN-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, am Donnerstag in Genf zu Wort gemeldet. »Warum solche Eile, warum soll man sich nicht mehr Zeit lassen, für Diskussionen, besonders unter den Garantiemächten von Astana?« erklärte er in Richtung Russland, Iran und Türkei. »Sie sind diejenigen, die ursprünglich die Garantien für dieses letzte, dichtbesiedelte Deeskalationsgebiet gaben.«

Der UN-Diplomat warnte zudem vor einer »humanitären Katastrophe«, sollte es jetzt zu einem Angriff auf die Provinz kommen. »Wohin sollen die Menschen gehen, es gibt kein zweites Idlib«, sagte er. De Mistura verwies auf die Situation von rund 500.000 Zivilisten, die als Familienangehörige, Unterstützer oder auch als »Weißhelme« seit Ende 2016 mit Dschihadisten aus anderen Landesteilen nach Idlib gekommen waren. Hinzu kommt rund eine Million Inlandsvertriebene. Vor dem Krieg lebten in Idlib etwa 1,5 Millionen Menschen. Die UNO geht heute dort von rund 3,2 Millionen Einwohnern aus.

De Mistura bot an, Zivilisten persönlich zu begleiten, wenn sie durch einen »humanitären Korridor« die Stadt verlassen wollten. Er würde dafür »mit der Regierung zusammenarbeiten«. »Denn das Gebiet um Idlib ist unter Kontrolle von Damaskus.« Er verwies auf die »extrem hohe Konzentration ausländischer Kämpfer« in der Provinz. Etwa 10.000 von ihnen seien von der UNO als »Terroristen« eingestuft worden. Sie hätten – wie auch die syrische Regierung – die Fähigkeit, Chlorgaswaffen herzustellen, so de Mistura. Sollte es einen Angriff geben, könne der »schlimmste Fall« eintreten.

Die westlichen Vetomächte im UN-Sicherheitsrat – die USA, Großbritannien und Frankreich – hatten Syrien in der vergangenen Woche mit einer Intervention gedroht, sollte Damaskus Giftgas in Idlib einsetzen. Sowohl der syrische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Baschar Al-Dschafari, als auch Außenminister Walid Muallem wiesen diese Unterstellungen scharf zurück. Der Westen wolle lediglich den Terroristen in Idlib den Rücken freihalten.

Man habe »keine chemischen Waffen«, erklärte Muallem am Donnerstag auf einer Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau. Die Armee und ihre Verbündeten bekämpften den Terrorismus erfolgreich, solche Waffen brauche man nicht, so der syrische Außenminister.

Damaskus habe gleichwohl das Recht, sich zu verteidigen, erklärte Muallem. Die syrische Führung habe den Angriff auf die Nusra-Front in Idlib entschieden. Dennoch hätten lokale Versöhnungsvereinbarungen zunächst »Priorität«. Durch den humanitären Korridor bei Abu Al-Duhur könnten Zivilisten die Stadt verlassen. Allerdings seien viele Zivilisten und Aktive aus den Versöhnungskomitees von den Islamisten verhaftet worden.

Am 7. September wird bei einem Gipfeltreffen von Russland, Iran und der Türkei eine Entscheidung über das Vorgehen in Idlib erwartet. Anschließend wird de Mistura Vertreter der drei Staaten am 11. und 12. September in Genf treffen. Zwei Tage später, am 14. September, werden Vertreter der »Syrien-Gruppe« aus USA, Großbritannien, Frankreich, Jordanien, Saudi-Arabien, Deutschland und Ägypten ebenfalls in der Schweizer Stadt erwartet.

Der ehemalige britische Botschafter in Syrien, Peter Ford, zeigte sich derweil überzeugt, dass Washington, London und Paris auf jeden Fall einen Angriff auf Syrien vorbereiteten. Er halte die vorgelegten Informationen Russlands für glaubwürdig, wonach Dschihadisten mit der Unterstützung britischer Spezialkräfte einen Giftgasangriff inszenieren und dann Damaskus anlasten wollten. Die Absichten könnten nicht deutlicher sein, so Ford im Gespräch mit Radio Sputnik am Donnerstag.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Richter untersagen Antritt des Kandidaten der Arbeiterpartei bei der Präsidentschaftswahl
    Peter Steiniger
  • Rechte nutzt Einwanderung aus Venezuela als Wahlkampfmunition
    Peter Steiniger
  • Der vom Gewerkschaftsbund angekündigte »heiße Herbst« blieb in Österreich bisher aus
    Michael G. Mair, Wien
  • Bei der Parlamentswahlen in Ruanda hofft die Opposition auf Achtungserfolge
    Gerrit Hoekman
  • Mexikos designierter Präsident López Obrador bereitet sich auf die Amtsübernahme vor
    Torge Löding