Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 15 / Feminismus

Blüten des arabischen Frühlings?

Für Frauen im Nahen Osten und in Nordafrika haben sich 2018 einige Dinge zum Besseren gewendet

Von Georges Hallermayer
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Die Psychologin Samira Al-Ghamdi war am 24. Juni eine der ersten, die sich nach der Aufhebung des Verbots in Saudi-Arabien ans Steuer eines Pkw setzte

In vielen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas hat es nach den Revolten des »arabischen Frühlings« in Sachen Frauenrechte eher Rückschritte gegeben. Doch gerade in diesem Jahr lassen sich auch progressive Entwicklungen konstatieren, so in Marokko. Dort entschied König Mohammed VI. am 22. Januar im Ministerrat, weibliche Anwärter für die Funktion des »Adoul« (eines Notars für islamisches Recht) zuzulassen. Das entsprechende Gesetz wurde geändert, der Berufsstand modernisiert. Bereits am 8. Februar schrieben sich die ersten Frauen für die Aufnahmeprüfung zum entsprechenden Studium ein. Am 6. Mai schrieben fast 8.000 Frauen in zehn Städten des Landes die entsprechende Klausur. 40 Prozent der Teilnehmer waren damit weiblich. Mehrere hundert Expertinnen werden bereits im kommenden Jahr das islamische Recht auslegen. In Marokko sind derzeit rund 3.000 Adouls tätig: Sie schlichten Streitigkeiten, beurkunden Hochzeiten wie auch Scheidungen, und sie führen das Erbregister.

Und es gab weitere Gesetzesänderungen im Nahen Osten und in Nordafrika, die die Situation der Frauen verbessern. So wurde am 23. Juni in Saudi-Arabien das absurde Fahrverbot aufgehoben. Endlich dürfen Frauen auch in diesem erzreaktionären Feudalstaat am Steuer von Kraftfahrzeugen sitzen und erlangen dadurch eine größere Mobilität. Es ist ein kleiner, aber nicht unbedeutender Schritt in Richtung Gleichberechtigung.

In Algerien wiederum wurde am 14. August der Schwangerschaftsabbruch in Fällen legalisiert, in denen das »psychologische und mentale Gleichgewicht« der Patientin »schwer bedroht« ist. Bisher waren Abtreibungen in dem nordafrikanischen Land nur erlaubt, wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr oder der Fötus schwer missgebildet war.

Eine wichtige Neuerung im Erbrecht steht voraussichtlich in Tunesien an. Dort hat Präsident Beji Caïd Essebsi am 20. August eine Gesetzesreform angekündigt, der zufolge Frauen gleichberechtigt die Erbfolge antreten dürfen sollen. Das löste einen Sturm der Entrüstung unter muslimischen Klerikern aus. »Tunesien bricht offiziell mit dem Islam«, hieß es auf der Webseite Algérie Direct. Im algerischen TV-Kanal Ennahar meinte der Prediger Scheich Chemseddine Aldjazairi, die Rufe nach Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beim Erbe seien »Kriegserklärungen gegen Gott«. Tausende konservative Moslems demonstrierten vergangene Woche in Tunis gegen die Pläne.

Schon vor acht Jahren hatte das tunesische Informations- und Dokumentationszentrum für die Rechte der Kinder und Frauen (CIDDEF) ein ausführliches Plädoyer für die gleichberechtigte Erbfolge vorgelegt. Allerdings hat sich das Parlament bislang nie mit dem Thema beschäftigt. In Marokko hatte sich der einflussreiche Nationalrat für Menschenrechte (CNDH) 2015 ebenso eindeutig für ähnliche Reformen ausgesprochen.

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