Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 15 / Feminismus

Frauenkörper kontrollieren

Kirsten Achtelik, Eike Sanders und Ulli Jentsch analysieren Strategien der Abtreibungsgegner. Prozess gegen Gynäkologinnen in Kassel beispielhaft dafür

Von Jana Werner
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Anlässlich des Prozesses gegen die Frauenärztinnen Natascha Nicklaus und Nora Szász demonstrierten am Mittwoch in Kassel rund 100 Menschen für eine Streichung des »Werbeverbots« für den Schwangerschaftsabbruch

Kurz vor der Sommerpause debattierte der Bundestag das »Werbeverbot« für Schwangerschaftsabbrüche (Paragraph 219a des Strafgesetzbuches). Anlass war die Verurteilung der Gießener Ärztin Kristina Hänel Ende 2017 zu einer Geldstrafe von 6.000 Euro. Sie war wegen angeblichen Verstoßes gegen das »Werbeverbot« wiederholt von dem fundamentalistischen Abtreibungsgegner Klaus-Günter Annen angezeigt worden. Im Rahmen einer Sachverständigenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestages zum Thema unter Vorsitz des AfD-Rechtsaußen Stephan Brandner Ende Juni demonstrierte dessen Partei mit der Benennung von Michael Kiworr, einem bekannten »Lebensschützer«, ihren Schulterschluss mit den Abtreibungsgegnern. Auch der Prozess gegen zwei Frauenärztinnen, der am Mittwoch vor dem Amtsgericht Kassel begonnen hat (siehe jW vom Donnerstag), zeigt: Es ist notwendiger denn je, dass sich Feministinnen wieder verstärkt dem Kampf um das Selbstbestimmungsrecht der Frauen über ihren Körper zuwenden. Ein entsprechendes Plädoyer formulieren Eike Sanders, Kirsten Achtelik und Ulli Jentsch in ihrem Buch »Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der ›Lebensschutz‹-Bewegung«.

In dem Band zeigen sie auf, mit welchen Strategien reaktionäre Bewegungen ihren Kampf um Hegemonie in gesellschaftlichen Institutionen führen. Der Analyse der ideologischen Wurzeln folgt eine aufschlussreiche, mit Beispielen unterlegte Beschreibung der Strategien zur gesellschaftlichen Verankerung von »Lebensschutz«-Positionen. Im Schlusskapitel werden nationale und internationale »Lebensschutz«-Organisationen porträtiert. Ulli Jentsch legt zudem offen, wie stark sie in europäische und global agierende Dachverbänden vernetzt sind.

Die Autorinnen und der Autor weisen zudem nach, dass die widersprüchliche Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch in der Bundesrepublik – er ist nach Paragraph 218 StGB weiterhin grundsätzlich rechtswidrig – es Abtreibungsgegnern leicht macht, die realen Chancen ungewollt Schwangerer, den Eingriff vornehmen zu lassen, drastisch zu verschlechtern. Da immer weniger Menschen Mitglied der christlichen Kirchen sind, nutzen die »Lebensschützer« inzwischen gezielt medizinethische und menschenrechtsbasierte Argumentationsmuster. Achtelik, Sanders und Jentsch legen die vier wesentlichen Strategien dar, die dabei zum Tragen kommen. So hat es die Bewegung durch eine Erweiterung ihrer Themen – sie verbindet den Feldzug gegen Abtreibung mit dem gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und mit dem gegen die Sterbehilfe – geschafft, aus der christlich-fundamentalistischen Schmuddelecke herauszukommen und bündnisfähig zu werden. Sie reklamiert für sich, »das Leben« vom Beginn – in ihrer Lesart der Zeitpunkt der Befruchtung einer Eizelle – bis zu seinem natürlichen Ende bedingungslos zu schützen.

Zweitens gibt sich die Bewegung betont frauenfreundlich. Frauen werden nicht mehr als Mörderinnen stigmatisiert, sondern zu unmündigen Opfern ihres persönlichen Umfelds erklärt. Die Erzählung der Abtreibungsgegner lautet, die Frauen würden den Abbruch im nachhinein zwangsläufig bereuen. Psychische Probleme, die verschiedenste Ursachen haben können, werden pathologisiert. Abtreibungsgegner reden in diesem Zusammenhang vom »Post-Abtreibungs-Syndrom« (PAS).

Drittens betreiben »Lebensschützer« nationale sowie internationale Lobbyarbeit. Als erfolgreich erweisen sich berufsständische »Lebensschutz«-Vereinigungen, die gezielt in wissenschaftliche Fachdebatten eingreifen und für Positionen der Bewegung werben und als Spezialisten ihres Faches Autorität genießen. So gehört der bereits erwähnte Michael Kiworr zu den »Ärzten für das Leben e. V.«, einer sehr aktiven Mitgliedsorganisation der 1977 gegründeten und damit ältesten deutschen »Lebensschutz«-Vereinigung »Aktion Lebensrecht für alle«.

Viertens nehmen »Lebensschützer« zunehmend Ärzte und medizinisches Personal ins Visier. Denn sie fungieren als »Gatekeeper« für die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen. Fundamentalisten diffamieren Mediziner, die Abbrüche vornehmen, und bezeichnen die jährlich rund 101.000 Schwangerschaftsabbrüche in der Bundesrepublik als »Massenmord«. Durch »Gehsteigberatungen« vor ihren Praxen und vor Kliniken und Beratungsstellen sowie öffentlichen Druck sollen Ärzte eingeschüchtert und das Angebot für den legalen Zugang zu Abbrüchen eingeschränkt werden. Das ist bereits gelungen. Das RBB-Fernsehmagazin »Kontraste« berichtete in der vergangenen Woche, die Zahl der Ärzte, die den Schwangerschaftsabbruch anbieten, sei seit 2003 um 40 Prozent zurückgegangen (siehe jW vom 24.8.).

Das Buch von Achtelik, Sanders und Jentsch liefert wichtige Argumente für das »explizit feministische, faktenfundierte Gegenhalten« und kommt damit genau zur rechten Zeit. Die nächste Gelegenheit, für das Recht auf reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung auf die Straße zu gehen, bietet sich am 22. September. An diesem Tag findet in Berlin der von Abtreibungsgegnern veranstaltete alljährliche »Marsch für das Leben« statt. Das »Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung« und der radikalfeministische und antifaschistische Zusammenschluss »What the fuck?!« rufen erneut zu Gegendemos und Kundgebungen auf.

Kirsten Achtelik/Eike Sanders/Ulli Jentsch: Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der »Lebensschutz«-Bewegung. Verbrecher-Verlag, Berlin 2018, 160 Seiten, 15 Euro

Aktionen gegen den »Marsch für das Leben« am 22. September in Berlin: whatthefuck.noblogs.org

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