Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 12 / Thema

Was ist Sozialismus?

Eine angewandte Kritik der politischen Ökonomie. Julian Borchardts »Gemeinverständliche Ausgabe« des »Kapitals« wurde neu aufgelegt

Von Sebastian Gerhardt
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Linksradikal und früh an der Seite Lenins. Julian Borchardt, geboren am 13. Januar 1868 in Bromberg, gestorben am 16. Februar 1932 in Berlin (Aufnahme mit seiner Frau um 1912)

Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du musst sie bezahlen.
(Bertolt Brecht, Lob des Lernens)

Kaum war der erste Band des Marxschen »Kapitals« erschienen, da traf das Buch auf zwei gegensätzliche Kritiken. Den einen war der Band zu lang und zu teuer, zu schwer verständlich und zu kompliziert – den anderen dagegen viel zu kurz, denn es fehlte eine Behandlung von so vielen Fragen des Wirtschaftslebens und des alltäglichen Klassenkampfes. Karl Marx selbst war sich dieser widersprüchlichen Herausforderungen wohl bewusst. Deshalb verwies er einerseits auf die noch fehlenden Bände seines Hauptwerks, die erst die theoretische Vermittlung der verschiedenen Problembereiche ermöglichen würden. Andererseits hatte seine populäre Diskussion von »Lohn, Preis und Profit« schon im Jahr 1865 darauf gezielt, die grundlegenden Einsichten der Werttheorie mit einer Erörterung der Probleme der Preisgestaltung und des Einflusses von Gewerkschaften zu verbinden. Veröffentlicht wurde dieser Text zu seinen Lebzeiten jedoch nicht.

Andere versuchten bald, in beide Richtungen Abhilfe zu schaffen. So schrieb Johann Most im Gefängnis Zwickau eine Zusammenfassung, die erstmals 1873 unter dem Titel »Kapital und Arbeit« erschien, sich gut verkaufte und nach einer Überarbeitung durch Marx noch mehrfach veröffentlicht und auch übersetzt wurde.1 1886 folgte Karl Kautsky mit seinem einflussreichen Band »Karl Marx’ ökonomische Lehren. Gemeinverständlich dargestellt und erläutert«.2 Parallel zu solchen Popularisierungen des ersten Bandes des »Kapitals« unternahm Friedrich Engels den Versuch, in der Presse der Arbeiterbewegung Wege zum Verständnis des epochalen Werks zu bahnen, indem er zu aktuellen Fragen Stellung bezog – von der Wohnungsfrage über die Konjunkturlage, das Finanzsystem und die Staatsfinanzen bis zur Widerlegung von »Herrn Eugen Dühring« und dessen »Umwälzung der Wissenschaft«. Unweigerlich musste er sich dabei auf Gebiete begeben, die weit über die Themen hinausgingen, die in Marx’ bis dahin veröffentlichten Schriften behandelt wurden. Nach dessen Tod gab Engels dann die Bände 2 und 3 des »Kapitals« heraus, die inhaltlich die Brücke zwischen der Mehrwerttheorie und einer Darstellung der Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Reproduktion schlagen sollten.

Sträfliche Vernachlässigung

Für die breite Rezeption des »Kapitals« spielten die beiden Bände allerdings eine geringe Rolle. Zum einen schlugen sich darin die theoretischen Schwierigkeiten nieder, mit denen Marx lange und nicht an allen Stellen erfolgreich gerungen hatte. Zum anderen zeigte sich hier eine Interessenlage, die Kautsky im Vorwort zur achten Auflage seiner Kurzfassung wohl zutreffend beschrieb: »Für das Gebiet, das der erste Band des ›Kapitals‹ vornehmlich untersucht, jenes, das den Sozialisten hauptsächlich beschäftigt und das auch in der vorliegenden Schrift fast ausschließlich behandelt wird, für das Verhältnis der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse, spielt die Verwandlung des Mehrwerts in den Profit keine Rolle; hier kommt man völlig mit den Gesetzen des Werts und Mehrwerts aus.« Nur im Diskurs zur Entwicklung des Kapitalismus in Russland und in den Debatten zur Krisentheorie fanden die beiden Folgebände früh Berücksichtigung.

Das ist bedauerlich und hat Folgen bis heute. Denn die Diskussion, in die sich Marx 1865 eingeschaltet hatte, war am Ende der Sitzung des Zentralrates der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) am 14. März 1865 von John Weston mit der Formulierung zweier schlichter Fragen eröffnet worden: »1. Würde nicht eine Lohnerhöhung in einem bestimmten Teil der Industrie auf Kosten der anderen erfolgen? 2. Würden nicht die erwarteten Vorteile einer allgemeinen Lohnerhöhung durch die entsprechende Erhöhung des Preisniveaus aufgehoben?«3 Und jeder, der gewerkschaftliche Debatten kennt, weiß, dass diese Fragen immer wieder aufgeworfen werden. Und dass die Antworten, auch von bekennenden Marxisten, sehr verschieden ausfallen können, denn es geht ja um Marktpreise und Löhne und die Kaufkraft des Geldes. Nur mit den »Gesetzen des Werts und Mehrwerts« kommt man da nicht aus – weshalb viele Linke an solchen Stellen gern Anleihen bei mehr oder weniger linken keynesianischen Theorien machen.

Eine ähnliche Konfusion zeigt sich in der aktuellen Debatte um die drastisch steigenden Wohnkosten in der Bundesrepublik: Die Baulandpreise seien schuld, es gebe einfach nicht genug Flächen. »Hohe Grundstückspreise lassen einen frei finanzierten Wohnungsneubau zu bezahlbaren Mieten vielfach nicht mehr zu«, teilte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2017 mit. Manch Linker greift das auf als Kritik an der Immobilienspekulation. Doch nur aus einer betriebswirtschaftlichen Sichtweise klingt das plausibel. Tatsächlich verhält es sich bei der Preisbildung für Bauland umgekehrt: Die mit den Immobilien erzielbaren Gewinne z. B. aus Mieteinnahmen führen zu den hohen Grundstückspreisen. Der »Preis des Bodens« ist dagegen ein so irrationaler Ausdruck wie der »Preis der Arbeit«. Wer Alternativen in der Wohnungspolitik sucht, sollte von Begriffen ausgehen, wie sie das Marxsche »Kapital« bereithält.4 Doch eine Rezeption dieses Riesenwerkes ist bis heute eine wissenschaftliche wie politische Herausforderung.

Grundlehren und -elemente

Vor 100 Jahren hat sich Julian Borchardt (1868–1932) dieser Herausforderung ebenso textsicher wie problembewusst gestellt. Der gelernte Kaufmann und studierte Nationalökonom war vor dem Ersten Weltkrieg für die Sozialdemokratie als Journalist und Wanderredner tätig, in den Jahren 1911 bis 1913 auch sozialdemokratischer Abgeordneter im Preußischen Abgeordnetenhaus. Während seines Studiums in Brüssel übersetzte er mit Hippolyte Vanderrydt den zweiten und dritten Band des »Kapitals« ins Französische. 1909 legte er »Die Grundbegriffe der Wirtschaftslehre« vor. Schon vor dem 4. August 1914, dem Tag der Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten, hatte er ähnlich wie Anton Pannekoek Elemente einer Kritik nicht nur der Revisionisten, sondern des marxistischen Zentrums um Karl Kautsky, des unhinterfragten Bürokratismus und der Stellvertreterpolitik in der Arbeiterbewegung entwickelt. In den Jahren 1914–1916 bildete die von ihm herausgegebene Zeitschrift Lichtstrahlen einen der Ausgangspunkte für einen linksradikalen Neubeginn, die »Internationalen Sozialisten Deutschlands« (siehe auch Themenseiten der jW von gestern, 30.8.). Borchardt nahm 1915 an der Vorbereitung der Zimmerwalder Konferenz teil und schloss sich als einziger unter den deutschen Teilnehmern der Position der Zimmerwalder Linken um Lenin an. Anfang 1916 geriet er in Haft, die Lichtstrahlen wurden verboten. Die Revolutionshoffnungen vieler seiner Genossen teilte er allerdings nicht und zog sich 1917 als parteiloser Marxist in die journalistische und wissenschaftliche Arbeit zurück. Kurz zuvor hatte er die Gründer der USPD noch mit einer Forderung konfrontiert, die sie nicht erfüllen wollten und konnten: »Worauf es uns ankommt, ist die Beseitigung jeglichen Führertums in der Arbeiterbewegung. Was wir brauchen, um zum Sozialismus zu gelangen, ist reine Demokratie unter den Genossen, d. h. Gleichberechtigung, Selbständigkeit, Wille und Kraft zur eigenen Tat bei jedem einzelnen.«

Ein Überblick über seine sozialdemokratische Schulungsarbeit erschien im Juli 1919 als »Einführung in den wissenschaftlichen Sozialismus«. Sie zeigt klar seine Verwurzelung im Marxismus der II. Internationale, die philosophisch von Kautsky gar nicht so weit entfernt lag. Wie Lenin oder Hermann Gorter akzeptierte Borchardt hier die Vorkriegsschriften Kautskys, insbesondere den einseitigen Determinismus aus »Der Weg zur Macht«. Wenig später schloss er die Arbeit an der »gemeinverständlichen Ausgabe« ab, die in einer eigenen Struktur redaktionell bearbeitete Auszüge aus allen drei Bänden des »Kapitals« vorstellte. In seiner Vorrede macht er die politische Absicht der Arbeit deutlich: »Mit der deutschen Novemberrevolution 1918 hat die Ära des Sozialismus begonnen. Sozialismus und Sozialisierung sind die Schlagworte des Tages. Was aber bedeutet Sozialismus?« Die Antwort findet sich für Borchardt bei Marx: »In seinem Hauptwerk ›Das Kapital‹ sind die sozialistischen Grundlehren vereinigt.«

Diese Überzeugung wird manche und manchen verwundern. Handelt die Marxsche Schrift doch vom Kapital und nicht vom Kommunismus. Doch Borchardt kannte seinen Marx gut. Er wusste, wovon er sprach. Die praktische Konsequenz ist jedenfalls zu begrüßen: Er wollte dieses Hauptwerk auch dem Laien zugänglich machen, der für das nötige Spezialstudium kaum die Mittel aufbringen konnte und für den das Original »überhaupt unlesbar« sei. Und auch hier wusste Borchardt nach Jahren der Praxis als Wanderredner und Journalist, wovon er sprach. 20 Jahre später wird Bertolt Brecht seinen Ziffel in den »Flüchtlingsgesprächen« sagen lassen: »Eine halbwegs komplette Kenntnis des Marxismus kostet heut’, wie mir ein Kollege versichert hat, zwanzigtausend bis fünfundzwanzigtausend Goldmark, und das ist dann ohne Schikanen. Darunter kriegen sie höchstens so einen minderwertigen Marxismus ohne Hegel oder einen, wo der Ricardo fehlt usw.« Tatsächlich bekamen viele sogar einen Marxismus ohne das »Kapital«: Die verschiedenen Fassungen »Ausgewählter Werke« von Marx und Engels enthielten je nur kurze Auszüge aus Marx’ Hauptwerk.

Unwissen ist Ohnmacht

Borchardt ging es darum, den Lesern einen Zugang zur wissenschaftlichen Darstellung des Gesamtprozesses der kapitalistischen Produktion zu eröffnen. Dazu gehört der weitgehende Verzicht auf Fremdwörter, die nicht nur das Verständnis erschweren, sondern in der Arbeiterklasse regelmäßig als Erkennungszeichen der Bessergestellten verstanden wurden. Er versuchte weder, ein »artistisches Ganzes« (Marx) zu liefern, noch behauptete er, jeder Schritt ergebe sich notwendig aus dem Vorhergehenden. Dagegen führte er zunächst mit einigen Überlegungen aus dem dritten Band an die Fragestellung der Werttheorie heran. Er stellte die Quellen der Einkommen vor, aus denen der Lebensunterhalt über den Kauf und Verkauf von Waren bestritten wird: Kapital und Profit, Boden und Grundrente, Arbeitskraft und Arbeitslohn. Wodurch aber werden diese Einkommen bestimmt? Wie kommt es zu den Preisen? Woher kommt der Gewinn, den die besitzenden Klassen einstreichen, wenn nur verteilt werden kann, was es schon gibt? Erst dann greift er auf die ersten Kapitel des ersten Bandes zurück, denen er die Grundlagen über Gebrauchswert und Tauschwert und die Entstehung des Mehrwerts entnimmt.

In einem Zug stellt Borchardt daraufhin die Methoden der Steigerung des Mehrwerts, ihre Folgen für die Arbeiterklasse, die Bildung und Bedeutung der Profitrate und schließlich die Gestaltung der kapitalistischen Akkumulation vor. Mit der Behandlung des Arbeitslohns schließt er die Darstellung der Akkumulation ab und eröffnet die Behandlung der Verteilungsverhältnisse. Erst hier fügt er die Marxsche Geldtheorie ein, als Grundlage der Darstellung der Warenzirkulation und der Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Daran knüpft eine knappe Zusammenstellung der Marxschen Überlegungen zur Krisentheorie an. Kapitel zum Handelskapital, Kreditwesen und zur politischen Ökonomie der Grundrente schließen das Buch ab.

Wer jedoch eine schnelle Antwort auf die Ausgangsfrage sucht, wird wohl enttäuscht. Nur bei sehr genauer Lektüre finden sich jene zwei Stellen, in denen sie beantwortet wird. Auf Seite 119 heißt es zu Voraussetzung und Ziel des Marxschen Begriffs vom Sozialismus: »Die historische Bedeutung und Existenzberechtigung des Kapitalisten (liegt) darin, dass er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen zwingt und daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, auf welchen allein eine höhere Gesellschaftsform sich aufbauen kann, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist.«5 Und auf Seite 156 endet der Abschnitt »Wohin die kapitalistische Akkumulation führen muss« mit der Bemerkung: »Dort handelte es sich um die Enteignung der Volksmassen durch wenige Gewalthaber, hier handelt es sich um die Enteignung weniger Gewalthaber durch die Volksmassen.« Doch der fulminante Schluss – die »Expropriation der Expropriateure!« – ist in Wahrheit keiner. Denn wie Marx setzt selbstverständlich auch Borchardt seine Darstellung mit vielen Einzelfragen fort, die nur zusammen eine historische und materialistische Analyse des Kapitalismus ermöglichen.

Tatsächlich ist eine solche Analyse – anders als Julian Borchardt annahm – noch keine hinreichende Grundlage für eine sozialistische Organisierung. Politische Ziele ergeben sich nicht einfach aus der Analyse des Bestehenden. Und Wissen ist auch nicht Macht – zu Macht gehört noch viel mehr. Aber der Umkehrschluss ist zulässig: Unwissen ist Ohnmacht. Die Analyse des Kapitalismus und seines Funktionierens ist notwendig, nicht zuletzt um Kräfteverhältnisse und Risiken besser einzuschätzen. Wer aber von den Kräfteverhältnissen nichts wissen will, der sollte von der Revolution schweigen. Borchardts Buch ist eine Handreichung für eine angewandte Kritik der politischen Ökonomie, die zur Erkenntnis und Veränderung der Gegenwart beitragen soll.

Wie jede Zusammenfassung einer komplexen Theorie kann Borchardts Arbeit leicht kritisiert werden. Doch in der Breite der behandelten Thematik wie im bewussten Umgang mit Marx’ Text gab es keine Alternativen. Die Tatsache, dass von der deutschen Ausgabe in weniger als drei revolutionären Jahren mehr als 15.000 Exemplare verkauft wurden, spricht eine deutliche Sprache. Schon 1922 gab es Übersetzungen ins Englische und Russische, bis 1931 folgten Übertragungen ins Bulgarische, Japanische, Hebräische und Spanische. Julian Borchardt war kein Parteimitglied, aber bis an sein Lebensende Teil einer politischen Bewegung. In den folgenden Jahren brach diese Tradition ab. Nun hat der Westhafen-Verlag 2018 einen Nachdruck der erweiterten Ausgabe von 1931 vorgelegt.

Den Gegner kennen

Für das heutige Interesse an dieser guten, aber doch auch schon älteren Arbeit gibt es viele Gründe. Zuerst stehen da die prinzipiellen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Kapitalismus, vor allem aus sozialen und ökologischen Gründen. Zum zweiten die Skepsis gegenüber linken Erlösungsversprechen und schnellen Lösungen: Der Kapitalismus wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Solange gilt es, seinen Gegner zu kennen. Drittens schließlich ist da ein gewisses Unbehagen an neueren linken Theorieprodukten, die viele alte Fragen nach den alltäglichen Themen kapitalistischer Produktion nicht mehr stellen: nach Arbeit und Ausbeutung, Arbeitstag, Kooperation, Arbeitsteilung, Maschinerie, Lohn, Akkumulation, Arbeitslosigkeit. Die kühne Ablehnung der klassischen Fragestellungen im Zeichen einer »monetären Werttheorie«, wie sie hierzulande von Michael Heinrich vorgeschlagen wird (Die Wissenschaft vom Wert, Münster 1999), entgeht der sachlichen Problematik nicht: Sicher bleibt eine Analyse der kapitalistischen Ökonomie ohne Berücksichtigung der monetären Vermittlung blind. Eine monetäre Werttheorie aber, die keine Aussagen zur Gestaltung des Gebrauchswerts und zur Anwendung der Arbeitskraft macht, die keine Schnittstellen zur Empirie aufweist und nicht quantitativ argumentieren kann, eine solche monetäre Werttheorie bleibt hohl. Verglichen damit kann der Rückgriff auf Borchardt und andere ältere Autoren ein Fortschritt sein.

Ausreichend ist er nicht. Neue wissenschaftliche und soziale Ideen kommen nicht fertig ausgewachsen auf die Welt. Gerade da, wo sie so systematisch geschlossen erscheinen wie die Athene in der griechischen Mythologie, die in voller Rüstung und Bewaffnung ans Licht treten musste, sind die Brüche und Widersprüche des notwendigerweise unvollständigen Neuen systematisiert. Nicht alle Lösungen finden sich bei Marx, an manchen Fragen ist er gescheitert, andere hat er nicht gestellt. Angesichts allzu selbstsicherer marxistischer Schulungen warnte Brecht einst: »Ich habe bemerkt, sagte Herr Keuner, dass wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, dass wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?« Ein guter Vorschlag – nicht nur für die Propaganda. Richtig formulierte Probleme sind der Boden jeder wissenschaftlichen Arbeit. Auf der Suche nach Antworten wird das Studium einiger zunächst »allgemein unverständlicher Texte« (Thomas Kuczynski) nötig sein, die erst in einem zweiten Schritt verständlicher gemacht werden können. So wie es Julian Borchardt mit seinem Buch unternommen hat.

Anmerkungen

1 https://www.marxists.org/deutsch/referenz/most/1876/kapital/index.htm

2 https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kautsky/1886/marx/index.html

3 https://www.marxists.org/history/international/iwma/­documents/1865/march.htm#d14

4 Sebastian Gerhardt: Öffentlich bauen statt Private fördern, http://www.alternative-wirtschaftspolitik.de/show/10644574.html

5 Vgl. MEW 23, 618. (http://dearchiv.de/php/mewinh.php)

Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Gemeinverständliche Ausgabe, besorgt von Julian Borchardt. Westhafen-Verlag, Frankfurt am Main 2018, 400 Seiten, 19,90 Euro

Sebastian Gerhardt ist Redakteur der Zeitschrift Lunapark 21.

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