Aus: Ausgabe vom 31.08.2018, Seite 5 / Inland

Beratung mangelhaft

Verkauf der Patientenanlaufstelle UPD an Pharmadienstleister sorgt für Empörung

Von Ralf Wurzbacher
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Darf angezweifelt werden: Die Unabhängigkeit der Patientenberatungsstelle UPD

Ein Ratsuchender wendet sich an die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD): Er brauche Hilfe beim Thema Darmspiegelung. Darauf der Telefonist: »Sie meinen Magenspiegelung«. »Nein, Darmspiegelung«, insistiert der Anrufer. Der andere verblüfft: »Was, das gibt es auch?« Der Dialog ist keine Erfindung und steht exemplarisch für einen Service, der nach UPD-Darstellung »unabhängig und neutral, evidenzbasiert, kompetent und verständlich« sein soll. Kritiker meinen dagegen, die UPD habe ihre »Unabhängigkeit« eingebüßt, als sie vor zweieinhalb Jahren privatisiert und an die kommerzielle Sanvartis GmbH übergeben wurde. Denn: Das Unternehmen arbeitet den Krankenkassen zu und Ärger mit den Kassen ist eines der Hauptmotive, warum sich Patienten an die UPD wenden.

Wie junge Welt am Mittwoch exklusiv berichtete, wurde die Sanvartis samt UPD klammheimlich an das Unternehmen Careforce veräußert. Der Fall sorgt inzwischen für einige Empörung: »Die UPD trägt ihre vorgebliche Unabhängigkeit offensiv im Namen – sie erweckt dadurch bei den Ratsuchenden einen völlig falschen Eindruck«, erklärte am Mittwoch der Sozialverband VdK Deutschland. Die Tatsache, dass Careforce ein Personal- und Vertriebsdienstleister für die pharmazeutische Industrie ist, »lässt sich nicht mit dem Konzept einer unabhängigen und neutralen Beratungsstelle vereinbaren.« An die Bundesregierung appellierte VdK-Präsidentin Verena Bentele, »hier zu intervenieren, damit es nicht soweit kommt.«

Dafür dürfte es zu spät sein. Wie Sanvartis am Mittwoch verbreitete, »erfolgte die Unterschrift unter den Verträgen bereits Anfang August«. Allerdings habe »sich die formelle Abwicklung länger hingezogen«. Längst Bescheid wusste nach jW-Kenntnissen der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), der die UPD jährlich mit neun Millionen Euro fördert. Trotzdem behielt man die Sache wochenlang für sich. Danach gefragt, äußerte sich Verbandssprecherin Ann Marini am Dienstag gegenüber jW: »Da nach unserem jetzigen – noch nicht abschließenden – Informationsstand keine Hinweise darauf vorliegen, dass Veränderungen in der Gesellschafterstruktur der Holding Auswirkungen auf die Beratungsangebote der UPD gGmbH haben können, können wir den Bedarf an einer allgemeinen öffentlichen Information nicht erkennen.«

Kenntnis von den Vorgängen hatte laut Marini auch der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ralf Brauksiepe (CDU), mit dessen Büro man »seit Ende Juli« im Austausch gestanden habe. Auf jW-Anfrage hieß es hingegen am 6. August von dessen Referenten, man verfüge über keine gesicherten Erkenntnisse. Dabei erhielt die GKV-Führung an genau diesem Tag einen Brief des Sanvartis-Mutterkonzerns Vendus, in dem der Verkauf an Careforce bestätigt wurde. Das alles erhärtet den Verdacht, dass die Verantwortlichen die »formelle Abwicklung« ungestört durch die Öffentlichkeit zu Ende gebracht sehen wollten. Bis Redaktionsschluss hatten weder die Bundesregierung noch die GKV offiziell Stellung zur Sache bezogen. Dabei soll die jW-Berichterstattung allerhand Wirbel im politischen Betrieb – in alle Fraktionen bis hoch zum Gesundheitsminister – ausgelöst haben.

Sanvartis warf dieser Zeitung derweil vor, versucht zu haben, »erneut Zweifel an der Unabhängigkeit der Patientenberatung zu säen«. Das sei »absurd«, befand Geschäftsführer Manuel Ebner. Anders sieht das der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Rolf Rosenbrock, der früher im UPD-Expertenbeirat saß und sein Amt vor der Übernahme durch Sanvartis aus Protest niederlegte. In einer Mitteilung vom Mittwoch erklärte er: »Dieses Rumgeschiebe und Tricksen bei dubiosen Zahlungsströmen bei gleichzeitigen Mängeln in der Beratung zeigt: Eine wirkliche unabhängige Patientenberatung gehört nicht in die Hand der Gewinnwirtschaft, sondern unter die Regie der Zivilgesellschaft«. Die deutschen »Qualitätsmedien« interessiert das alles nicht. Bislang hat keine weitere Zeitung von Rang den UPD-Verkauf auch nur vermeldet.


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