Aus: Ausgabe vom 30.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Supergutmensch

Von Thomas Wagner
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Garantiert frei von »moralischen und psychischen Unzulänglichkeiten«. Oder doch nicht? Roboter »The Incredible Bionic Man«

Braucht das digitale Zeitalter eine neue Ethik? Viele Philosophen sind davon überzeugt. Dabei wird die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine betrachtet. Momentan zeichnen sich zwei Richtungen ab, in die sich das Nachdenken über das Verhältnis von Maschine und Ethik entwickelt. Auf der einen Seite geht es um die Frage, ob es möglich ist, immer autonomer agierenden Robotern beizubringen, ihre Aktivitäten an menschlichen Werten auszurichten. Vor allem im Hinblick auf die Verwendung autonomer Fahrzeuge im Straßenverkehr sowie auf die Entwicklung von Waffensystemen, die sich ihre Ziele selbstständig auswählen und über Tod oder Leben von Menschen entscheiden, wird darüber diskutiert. Man denke an die bekannten Beispiele für Zielkonflikte: Wen soll das autonome Fahrzeug überfahren, wenn in einer Ausnahmesituation entweder die Insassen des vollbesetzten Fahrzeugs oder das Leben eines kleinen Kindes gefährdet wäre? Darüber debattieren Technikphilosophen und Maschinenethikern heftig. Erst an diesem Montag forderte Amnesty International ein weltweites Verbot von Kampfrobotern. Bereits heute suchen sich viele Drohnen und Waffensysteme ihre Ziele, ohne das Menschen dies überprüfen. Solche Tötungsmaschinen seien nicht mehr nur Stoff für Science-Fiction-Geschichten, erklärte die Organisation.

Vorbild für diese Diskussionen sind trotzdem noch immer die von dem Science-Fiction-Autor und Biochemiker Isaac Asimov bereits 1942 in seiner Kurzgeschichte »Runaround« formulierten Robotergesetze. Nach diesen darf eine Maschine kein menschliches Wesen verletzen, muss ihm stets gehorchen und auf die Fortdauer seiner eigenen Existenz achten, insofern dies nicht mit der ersten Regel in Widerspruch gerät. Allerdings ist auch heute noch längst nicht ausgemacht, ob es überhaupt je möglich sein wird, einer mit »künstlicher Intelligenz« ausgestatteten Maschine etwas zu vermitteln, das moralischem Urteilen auch nur nahekommt. Es geht also darum, Roboter menschenähnlicher zu machen.

Auf der anderen Seite wird darüber nachgedacht, ob der Mensch durch maschinelle Applikationen und andere Formen der Veränderung von Körper und Geist auch in moralischer Hinsicht verbessert werden kann – zu einem Supergutmenschen sozusagen. Der wissenschaftliche Fortschritt versetze uns immer mehr in die Lage, die biologischen und physiologischen Grundlagen der menschlichen Motivation direkt zu beeinflussen, zitiert das Magazin Spektrum der Wissenschaft (6/2017) die Philosophen Julian Savulescu und Ingmar Persson. Dazu geeignet seien Drogen, Methoden der genetischen Selektion, die Gentechnik und externe Geräte, die auf das Gehirn oder den darin ablaufenden Lernprozess von außen einwirkten. »Wir könnten diese Techniken nutzen«, schreiben der Oxford-Professor Savulescu und der an der Universität von Göteborg lehrende Persson, »um die moralischen und psychologischen Unzulänglichkeiten zu überwinden, unter denen die menschliche Art leidet.«

Befürwortet wird die moralische Aufbesserung des Menschen durch die technische Verstärkung seiner natürlichen Anlagen vor allem von den sogenannten Transhumanisten. Ein Vertreter dieser Denkrichtung ist der Bioethiker James Hughes von der University of Massachusetts in Boston. »Mit Hilfe der Wissenschaft werden wir unsere eigenen Wege zu technisch erzeugter Glückseligkeit und Tugendhaftigkeit finden«, so der Leiter der transhumanistischen Denkfabrik Institute for Ethics and Emerging Technologies laut Spektrum der Wissenschaft. Dass den technisch verbesserten Supermenschen eine moralische Verpflichtung gegenüber den Normalmenschen obliege, meint wiederum der Umweltethiker Ronald Sandler. »Auch wer in irgendeiner Form höherentwickelt ist, muss sich weiter um mich kümmern«, zitiert ihn das Magazin.

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