Aus: Ausgabe vom 30.08.2018, Seite 8 / Inland

»Beim Wohnungsbau brauchen wir dringend mehr Initiativen«

In Nordrhein-Westfalen erarbeitet Die Linke Strategien für den ländlichen Raum. Ein Gespräch mit Sascha H. Wagner

Interview: Marc Bebenroth
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Nicht nur für Städter wird es eng. Längst wächst auch in den Randgebieten der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum

An diesem Samstag veranstaltet der Linke-Landesverband Nordrhein-Westfalen eine Konferenz zum Thema »Ländlicher Raum«. Laut Ankündigung tut sich die Partei schwer damit, dort Fuß zu fassen. Woran liegt das?

Zum einen haben wir nicht so viele Mitglieder im ländlichen Raum. Wir haben Schwierigkeiten, uns in den kreisangehörigen Städten und Gemeinden zu verankern. Wo man manchmal in kleineren Orten nur ein Mitglied hat, fällt es entsprechend schwer, Parteigliederungen aufzubauen.

Welche Inhalte stehen dabei im Vordergrund?

Uns ist der öffentliche Personennahverkehr besonders wichtig. Das ist aufgrund von anhaltenden Privatisierungswellen der Verkehrsbetriebe in NRW immer noch Thema. Die Mobilität der Leute wird weiter eingeschränkt. Gerade in den ländlichen Gebieten. Aber auch bei der Gesundheits- und ärztlichen Versorgung haben wir hier eine negative Entwicklung. Immer weniger Landärzte eröffnen Praxen. Man muss schon mal ein bis zwei Stunden Fahrzeit in Kauf nehmen, um einen Facharzt aufsuchen zu können.

Und die soziale Frage?

Die Armutsbekämpfung ist für uns ein Dauerthema. Da gibt es viele Schnittmengen zwischen der praxisbezogenen Arbeit vor Ort in den Räten und Kreistagen und der Arbeit in der Organisation. Wir haben auch außerhalb von Ballungsgebieten Stadtteile, die stark von Armut betroffen sind. Beispielsweise nehmen Stromsperren permanent zu. Auch hier müssen wir uns darüber austauschen, welchen Regionen sich die gleichen Probleme stellen.

Wie lassen sich ländliche Räume auch wirtschaftlich wieder beleben?

Wir brauchen da einen bunten Mix von verschiedenen Bereichen. Die Arbeitswelt verändert sich rapide. Allein die Digitalisierung, da muss man etliche Punkte berücksichtigen. So kann es nicht sein, dass wir im ländlichen Raum Gemeinden und Kommunen haben, die über keine vernünftige Internetanbindung verfügen. Das ist ein riesiges Problem, weil auch da immer mehr Arbeitsplätze entstehen und viele Unternehmen die Standortfrage von solchen Rahmenkriterien abhängig machen.

Man darf das Potential nicht unterschätzen: Auch in ländlichen Regionen gibt es viele kleinere Gewerbegebiete, in denen entsprechend zahlreiche Arbeitsplätze vorhanden sind. Und da spreche ich nicht nur von den großen Kommunen.

Und wie will Die Linke in NRW der Abwanderung in die urbanen Zentren begegnen?

Da müssen wir über den sozialen Wohnungsbau und alternative Wohnkonzepte sprechen. Auch in Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel am Niederrhein, ziehen die Leute eher in die Randgebiete der Metropolregion. Der Speckgürtel wird immer größer. Das führt wiederum zu Problemen bei den kleineren Städten und Gemeinden, die an diesen Rändern liegen. Sie müssen vor Ort völlig neue Raumkonzepte entwickeln. So verschwinden die Grünflächen durch das Zubetonieren. Beim Wohnungsbau brauchen wir dringend mehr Initiativen, sei es kommunal oder seitens der Landesregierung. Da ist viel zu lange nichts passiert.

Wie läuft der Austausch mit anderen Landesverbänden zu diesen Problemen?

Mit der Konferenz am 1. September wollen wir versuchen, auch das zu thematisieren. So haben wir gezielt Fachpolitikerinnen und Fachpolitiker sowie Interessierte aus Niedersachsen eingeladen. Die stehen vor ähnlichen Problemen. Wir wollen uns dabei explizit auch der Landwirtschaftspolitik widmen. Da gibt es im Osten durchaus Konzepte. Die müssen wir kritisch prüfen und herausfinden, ob es für uns praktikable Lösungen sind. Es gilt, daneben auch Strategien zu entwickeln für eine inhaltlich engere Zusammenarbeit.

Was folgt auf die Konferenz am Samstag?

Es wird nicht bei diesem einen Termin bleiben. Demnächst werden wir allgemeine Strategieforen veranstalten. Dort wollen wir uns mit den Kreisvorständen und Fraktionsvorsitzenden in den Räten und Kreistagen über Schwerpunkte verständigen. Die inhaltliche Zusammenarbeit soll intensiviert und mehr regionalisiert werden. Insgesamt verfolgen wir parteiinterne wie auch nach außen geöffnete Konzepte.

Sascha H. Wagner ist Landesgeschäftsführer von Die Linke in Nordrhein-Westfalen

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