Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 15 / Antifa

Flaute für »Nipster«

Vernetzungstreffen der »Identitären« in Dresden bleibt weit hinter deren Erwartungen zurück

Von Steve Hollasky
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Gegendemonstranten am Samstag am Rand der Dresdner Cockerwiese, wo sich die Identitären trafen

Nach Dresden wollten sie kommen, weil die Elbmetropole die »Hauptstadt der Bewegung« sei, wie die »Identitäre Bewegung« (IB) vor ihrem Vernetzungstreffen erklärte. Zumindest am Sonnabend zeigte sich die sächsische Landeshauptstadt mit einem anderen Gesicht. Mehrere tausend Menschen nahmen an Protesten gegen das Treffen der gerne auch als »Nipster« (Kurzform von »Nazihipster«) bezeichneten »Identitären« teil. Die hatten Prominenz aufgefahren: Martin Sellner, Kopf der »Identitären Bewegung Österreich«, war ebenso anwesend wie die Aktivisten von »Defend Europe«, die vor einigen Monaten versucht hatten, mit einem Schiff im Mittelmeer die Rettung Geflüchteter aus Seenot zu behindern. Weitere »Stargäste« waren der neurechte Verleger Götz Kubitschek, der schon mehrmals in Dresden bei Pegida gesprochen hat, und der Vize der »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes«, Siegfried Däbritz.

Dennoch blieb die Stimmung bei den »Identitären« auf der Dresdner Cockerwiese gedämpft. Ob dies daran lag, dass dort ein polizeiliches Verbot des Ausschanks von Alkohol galt, oder daran, dass die »IB« von ihren Anhängern 25 Euro Eintritt verlangte, bleibt schwer zu beantworten. Als sicher darf gelten, dass sich das Gelände weit weniger füllte, als von den Veranstaltern erhofft.

Jürgen Kasek, Mitorganisator der Proteste gegen die Rechten in Hör- und Sichtweite, bestätigte am Sonnabend gegenüber junge Welt, dass sich nach Schätzungen nur etwa 400 »Identitäre« in Dresden eingefunden hatten. Mit mindestens 600 hatten die rechten Hipster ursprünglich gerechnet. Dass das Treffen zur bundesweiten Vernetzung überhaupt hier stattfand, sei das Ergebnis von »vier Jahren Pegida in Dresden und fast 30 Jahren CDU-Herrschaft in Sachsen«, so Bernd*, ein weiterer Mitorganisator der Proteste, die von der Linksjugend Dresden und Sachsen sowie der Grünen Jugend getragen wurden. Der CDU-Regierung warf Bernd vor, sie erzeuge eine »Kultur des Wegsehens«.

Verstärkt wurde die Gegenkundgebung ab 16.00 Uhr von der Demonstration »Seebrücke – Grenzenlose Solidarität statt tödlicher Abschottung«, an der gut 1.000 Menschen teilnahmen. Gestartet war diese um 14.00 Uhr in der Dresdner Neustadt. In Reden wurde verlangt, Organisationen, die Flüchtende aus dem Mittelmeer retten wollen, nicht zu behindern.

Vor dem Kulturpalast hatte derweil die Dresdner Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) zum gemeinsamen Singen für eine weltoffene Stadt unter dem Motto »So klingt Dresden!« geladen. Daran beteiligten sich auch Oberbürgermeister Dirk Hilbert und gut 300 Einwohner der Landeshauptstadt.

Zwischenfälle ereigneten sich vor allem am Kundgebungsort der »Identitären«. Mehrfach liefen diese, von der Polizei oft nur wenig behindert, durch den Bereich der Gegenkundgebung, provozierten und griffen in mindestens einem Fall Teilnehmer und Pressevertreter an. Zudem führte ein Ordner der »Identitären« Tierabwehrspray mit sich.

*Name von der Redaktion geändert


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