Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 8 / Ausland

»Forderung nach freier Abtreibung«

Chile: Feministische Kämpfe zwischen alten Forderungen und neuen Herausforderungen. Ein Gespräch mit Paola Arroyo Fernández

Interview: Eleonora Roldán Mendívil
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Demonstration für das Recht auf Abtreibung in Santiago de Chile (Juli 2018)

Wie ist die aktuelle Situation in Chile in bezug auf antipatriarchale Kämpfe?

Der Feminismus in Chile hat eine lange Tradition. Es begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Kampf der Arbeiterinnen, die schnell ihre doppelte Ausbeutung sowohl bei der Lohnarbeit als auch zu Hause erkannten. Bereits in diesen Jahren sprachen sie von Abtreibung als Recht und stellten die weibliche Unterordnung in der Ehe in Frage. Was wir heute in Chile erleben, ist die Entstehung einer feministischen Bewegung, die sich mit den verschiedenen Herausforderungen dieses Jahrzehnts beschäftigt: Migration, unterschiedliche Sexualitäten, religiöser Fundamentalismus und der Fortschritt der Rechten auf regionaler Ebene.

Der chilenische Feminismus mit seinen verschiedenen Strömungen kämpft gegen eine Politik, die das Leben prekarisiert: In Chile sind fundamentale soziale Rechte, wie das auf eine sichere und kostenlose Abtreibung, nicht garantiert – das trifft arme Frauen besonders hart. Sie sind es, die langfristige gesundheitliche Probleme wegen einer verpfuschten Abtreibung in Kauf nehmen müssen. Etwa 20 Frauen sterben im Schnitt jährlich in Chile infolge dieser Situation. Ganz zu schweigen von den Hunderten Mädchen und Frauen, die etwa nach Vergewaltigungen gezwungen sind, Kinder auszutragen.

Sie sind in der »Coordinadora Feministas en Lucha« (Koordination kämpfender Feministinnen, jW) aktiv. Was hat es damit auf sich?

Die »Coordinadora Feministas en Lucha« wurde im Jahr 2013 gegründet. Chiles konservativer Präsident Sebastián Piñera erklärte damals öffentlich, dass ein elfjähriges Mädchen, das von seinem Stiefvater vergewaltigt und in der Folge schwanger wurde, reif genug sei, um das Kind auszutragen. Angesichts dieser Gewalt haben Feministinnen zu einer Demonstration aufgerufen, ohne die übliche vorherige Genehmigung bei der Polizei einzuholen. Etwa 5.000 Frauen und Angehörige sexueller Minderheiten zogen bis vor den Regierungssitz in der Hauptstadt Santiago de Chile. Damit wurde der Marsch des 25. Juli geboren. Seitdem gehen wir jährlich für das Recht auf kostenlose, sichere und freie Abtreibungen auf die Straße. Als »Coordinadora« haben wir Einfluss auf die Themensetzung in Medien, Universitäten oder der Gesellschaft. In diesem Sinne sind wir auch in Kontakt mit verschiedenen Organisationen in anderen chilenischen Städten, die unterschiedliche Aktionen im Rahmen der Forderung nach freier Abtreibung koordinieren.

Welche Rolle spielen männliche Genossen in antipatriarchalen Kämpfen in Chile?

Jahrzehntelang weigerten sich männliche Genossen der chilenischen Linken, Feministinnen als ihre Verbündeten zu betrachten. Sie tendierten dazu, Forderungen von Frauen in den Hintergrund zu schieben oder gar zu leugnen. In diesem Sinne bestimmte die stalinistische Ausrichtung in hohem Maße das Schicksal der Allianzen.

Viele Feministinnen verließen in den 80er Jahren die traditionelle Linke und forderten »Demokratie im Land und im Haus«. Sie warnten davor, dass die Männer, die den Kampf für den Sturz der Diktatur aufgenommen hatten, nicht die Verantwortung für den Kampf gegen die strukturelle Unterordnung von Frauen übernahmen. Fast drei Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur hat sich das geändert. Jedoch sieht der Alltag noch sehr dürftig aus. Es gibt immer noch zu viel zu tun, denn toxische, hegemoniale Männlichkeit setzt sich weiter durch. Es gibt Feministinnen, zu denen ich gehöre, die mit Argwohn die Einbeziehung von Männern in diesen Kampf sehen. Ich meine damit, dass viele männliche Genossen die Forderungen der Frauen repräsentieren wollen und uns auf eine sekundäre Ebene verweisen möchten. Wenn wir etwas gelernt haben, dann ist es, dass Gleichheit eine Täuschung ist. Die Emanzipation wird die Arbeit der Frauen selbst sein, oder sie wird nicht sein.

Paola Arroyo Fernández ist feministische Lehrerin, Dramaturgin und Sprecherin der »Coordinadora Feministas en Lucha« in Santiago de Chile


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