Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 7 / Ausland

Der McCain, den ich kannte

Ein »Mann von Ehre«, der Tod über die Kinder Vietnams brachte

Von Gerhard Feldbauer
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Am 26. Oktober 1967 wurde John McCain nach seinem Absturz aus einem See in Hanoi gerettet

Die Mainstreammedien feiern den am vergangenen Samstag in Phoenix, Arizona, verstorbenen John McCain als »Mann von Ehre«, »Helden« und »mutigen Mann«. Ich habe ihn in Hanoi anders kennengelernt. Dort berichtete ich von 1967 bis 1970 für die DDR-Nachrichtenagentur ADN über die barbarischen Luftangriffe, die die USA seit Februar 1965 gegen die Demokratische Republik Vietnam (Nordvietnam) führten. Der »Held« war ein Kriegsverbrecher, der »mutig« Bomben auch auf Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, abwarf.

Ende Oktober 1967 berichteten der Rundfunk, die Vietnamesische Nachrichtenagentur (VNA) und die Zeitungen des Landes mit Fotos und Personalangaben über 15 US-Piloten, die in den Tagen zuvor nach dem Abschuss ihrer Maschinen gefangengenommen worden waren. Unter ihnen befand sich John Sydney McCain vom Flugzeugträger »Oriskany«, der am 26. Oktober mit seiner A-4E »Skyhawk« über Hanoi vom Himmel geholt worden war. Er war ein Offizier mit Tradition. Der Großvater befehligte im Zweiten Weltkrieg die US-Flugzeugträger im Pazifik, der Vater die US-Flotte in Europa. Der damals 31jährige John McCain hatte bis zu seinem Abschuss 23 Angriffe gegen Nordvietnam geflogen und sich damit an dem völkerrechtswidrigen Luftkrieg gegen das vietnamesische Volk beteiligt. Er folgte dem Befehl seines Chefs im Strategic Air Command, General Curtis LeMay, der Vietnam »in die Steinzeit zurückbomben« wollte.

Ich habe noch mein Tagebuch aus der Zeit in Hanoi, in das ich am 14. Oktober 1967 über einen furchtbaren Angriff auf das Zentrum der vietnamesischen Hauptstadt notierte: »In der Hue-Straße kamen 76 Menschen ums Leben, 151 wurden verletzt. Wir sahen ein völlig verwüstetes Wohngebiet, blutbefleckte Kleider, aus den Trümmern ragte ein Kinderwagen hervor, daneben zerfetzte Schulbücher.« Von solchen Verbrechen, die auch McCain beging, ist in den Nachrufen nichts zu finden.

Entgegen den Behauptungen in Washington, die Luftwaffe müsse kaum Verluste verkraften, räumte McCain damals ein, dass das Feuer der Luftabwehr besonders über Hanoi »sehr dicht und sehr präzise« sei, wie Nhan Dan, das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Vietnams, damals berichtete. Die Air Force verliere zehn und mehr Prozent ihrer Maschinen, so McCain. Hanoi hatte gerade gemeldet, dass bis dahin 2.194 US-Flugzeuge abgeschossen worden waren.

McCains Angaben, die wie eine Entschuldigung dafür klangen, dass er nicht entkommen war, bestätigten nur, was auch andere Piloten vor ihm schon gesagt hatten. Robin Olds etwa hatte in Washington gewarnt, dass man die von der Sowjetunion aufgebaute nordvietnamesische Luftabwehr nicht unterschätzen solle. Sie habe sich »enorm verstärkt, sowohl durch Flakfeuer als auch mit Migs und Boden-Luft-Raketen«. Diese seien »furchterregend«. Auch Robinson Risner, der bereits am 16. September 1965 abgestürzt war, gab an, dass bei einem Angriff seines Geschwaders fünf von 18 »Thunderchief« abschossen worden seien.

McCain landete nach seinem Abschuss im Truc-Bach-See von Hanoi, brach sich Arme und Beine und wäre ertrunken, wenn ihn Leutnant Mai Van On nicht aus dem Wasser gezogen hätte. Am Ufer hielt dieser Offizier der nordvietnamesischen Volksarmee wütende Hanoier davon ab, gegen den US-Soldaten handgreiflich zu werden. Eine Krankenschwester leistete Erste Hilfe. Kurze Zeit später wurde McCain in Gewahrsam genommen.

Im Rahmen der ab 1968 in Paris geführten Friedensgespräche mit den USA begann Hanoi, gefangene Piloten aus den Vereinigten Staaten freizulassen. 1973 konnte McCain nach Hause zurückkehren. Ab 1985 besuchte der inzwischen in den US-Kongress gewählte republikanische Politiker mehrfach Hanoi, ohne nach seinem Lebensretter zu fragen. Erst 1996, er war inzwischen Senator, traf er sich mit Van On und überreichte ihm eine »Erinnerungsmedaille« des US-Kongresses.

In den Jahren 2000 und 2008 bewarb sich McCain für die Republikaner um die Präsidentschaft der USA. Die humane Rettungstat eines vietnamesischen Offiziers passte nicht in das Konzept seiner Wahlkampfreden. Im Gegenteil, er behauptete, die Nordvietnamesen hätten ihn misshandelt.

Aus der Niederlage der USA im Krieg gegen Vietnam, die auch seine eigene war, hat er, wie das offizielle Washington, nichts gelernt. Der »Mann von Ehre« blieb ein Kriegstreiber.

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Debatte

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  • Beitrag von Frank P. aus B. (29. August 2018 um 16:04 Uhr)

    Wohlgemerkt, alle Medien hielten Lobreden auf den Helden des Vietnamkrieges!

    Erwiesenermaßen ein illegaler Krieg der USA, deren Verbrechen aufzuzählen immer wieder gefordert ist! Dieser Mann verdient die Erwähnung dessen, was er ist, ein Mann im Dienste des imperialistischen Krieges, ein Handlanger und Besorger der US-Rüstungskonzerne für den Krieg, der niemals enden wird, solange wie dieses System des US-Imperiums existiert! Ein Mann, der Tausende Menschenleben als Mörder und Aggressor auf dem Gewissen hat!

    Es sollen sogar Videos mit dem IS-Chef Al-Baghdadi und McCain existieren, wie sie lächelnd im Auftrage des totalen Krieges gemeinsam die Route abstimmen! Der Islamische Staat (IS) – eine Kreatur der US-Geheimdienste für diesen never ending War! Wenn die Zeit der US-Barbaren vorbei sein wird, werden diese Verbrecher als solche offen bezeichnet werden!

  • Beitrag von günther d. aus b. (29. August 2018 um 16:55 Uhr)

    Es ist abgrundtief abscheulich, wie die Medienkavallerie der imperialistischen »Patentdemokraten« diesen Verbrecher zu einem »Helden« hochgestylt hat. Deshalb ist die Schilderung über diesen »Helden« und seine »Heldentaten« im Beitrag für meine Ansicht sehr positiv. Denn Mc Cain ist doch wohl in der gesamten Zeit nach seinen Heldentaten in Vietnam bis zu seinem Tod weiter als Cowboy mit geladener Pistole für »America first« tätig gewesen. Nun, Friede seiner Asche!

  • Beitrag von Reinhard L. aus . (29. August 2018 um 21:11 Uhr)

    Ein Text, der absolut richtig und erforderlich war. Einer Bürgerpresse, die diesen Menschen tatsächlich zum Aufmacher macht (FAZ vom Montag), muss wenigstens an dieser bescheidenen Stelle etwas entgegengesetzt werden. Danke.

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