Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 6 / Ausland

Mogelpackung Modicare

Indiens Regierung will 100 Millionen Familien in neue Krankenversicherung aufnehmen

Von Silva Lieberherr und Awanish Kumar, Mumbai
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Improvisation rettet: Im Bahnhof von Jalore wurde in einem Zugwaggon ein Hospital eingerichtet

Indiens Regierung will mit einem neuen Krankenversicherungssystem 100 Millionen der ärmsten Familien des Riesenlandes absichern. Am 15. August, dem Unabhängigkeitstag, wollte der indische Premierminister Narendra Modi das »National Health Protection Scheme« (NHPS) aus der Taufe heben. Zunächst aber gab er der Vorlage lediglich einen neuen Namen: »Pradhan Mantri Jan Aarogya Yojana«, zu deutsch etwa »Öffentliche Gesundheitskampagne des Premierministers«. Die Propagandisten seiner Partei sprechen ohnehin nur von »Modicare«.

Die Namensänderung zeigt, wie wichtig das NHPS für Modis Propaganda mit Blick auf die Wahlen 2019 ist. Die Versicherung soll nun am 25. September eingeführt werden, auch wenn vieles noch unklar ist – beispielsweise, woher die Finanzierung dafür kommen soll. Es ist zudem höchst fraglich, ob ein solches Versicherungssystem geeignet ist, die Gesundheitsversorgung in einem Land wie Indien zu garantieren. Das große Problem des indischen Gesundheitssystems ist vor allem die katastrophale Versorgung: Es mangelt an Ärztinnen, an Gesundheitszentren und Spitälern, an Medikamenten. Daten des Gesundheitsministeriums zeigen, dass es für 11.082 Menschen gerade mal einen Arzt gibt – im armen Bundesstaat Bihar kommen sogar 28.391 Patienten auf einen Mediziner. Den größten Einfluss auf die Gesundheit der Ärmsten hat die kostenlose, lokale Gesundheitsversorgung durch Gesundheitszentren. Das Budget jedoch, um diese zu finanzieren und mit Ärzten und Medikamenten auszustatten, hat die Modi-Regierung kaum erhöht.

Zudem wird das NHPS die Mehrheit der Gesundheitskosten der Armen nicht auffangen. So soll die Versicherung Spitalkosten nur bis zu maximal 500.000 Rupien (6.100 Euro) pro Familie und Jahr abdecken. Die Kosten von ambulanter Behandlung, Arztbesuchen oder Medikamenten werden nicht übernommen, obwohl diese Ausgaben rund zwei Drittel aller Gesundheitsausgaben ausmachen und arme Familien in die Schulden treiben können. Gerade die Ärmsten ziehen zudem eine ambulante ­Behandlung oft vor, um Lohnaus­fälle zu verhindern. Eine Studie in der Fachzeitschrift Social Science and Medicine zeigte 2017 sogar, dass ein vergleichbares Vorgängerprogramm keine Verringerung, sondern eine Erhöhung dieser Auslagen bewirkt hat.

Solche Erfahrungen wecken auch die Befürchtung, dass sich weiterhin vor allem private Krankenversicherer bereichern werden. Obwohl sich die Mehrheit der Bundesstaaten entschieden hat, das NHPS über einen Regierungstrust zu organisieren statt über private Versicherer, hoffen diese auf große Gewinne, wie die Ratingagentur Moody’s am Donnerstag mitteilte. Die Regierung argumentiert nämlich, dass private Anbieter dank der erhöhten Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen durch das NHPS die schlechte Gesundheitsversorgung verbessern würden. Tatsächlich aber scheinen weite Wege und lange Wartezeiten für die NHPS-Berechtigten die wahrscheinlichere Aussicht.


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