Aus: Ausgabe vom 29.08.2018, Seite 1 / Titel

Verraten und verkauft

jW exklusiv: Pharmaindustrie greift sich gemeinnützige Anlaufstelle für Patienten. GKV-Spitzenverband sieht untätig zu

Von Ralf Wurzbacher
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Für ihre künftigen Prospekte muss die Patientenberatung UPD wohl zu glaubwürdigeren Slogans greifen

Die »Unabhängige Patientenberatung Deutschland« (UPD), eine auf dem Papier »gemeinnützige« Anlaufstelle bei Konflikten mit Krankenkassen, Kliniken und Ärzten, hat klammheimlich den Besitzer gewechselt und steht künftig unter Kontrolle des Pharmadienstleisters Careforce. Eigentümer war bisher die Sanvartis GmbH in Duisburg, ein Tochterunternehmen der Vendus-Gruppe. Die Sanvartis und mit ihr die UPD sind in den zurückliegenden Wochen im Zuge eines obskuren Verkaufsprozesses in Careforce-Regie überführt worden. Die Vermutung liegt nahe, dass mit dem Verwirrspiel verhindert werden sollte, dass die Transaktion durch eine öffentliche Diskussion gestört wird.

Einst als reines Non-Profit-Projekt gestartet, befand sich die UPD von 2006 bis 2015 in Trägerschaft durch den Sozialverband VdK, die Verbraucherzentrale Bundesverband sowie den Verbund unabhängige Patientenberatung (VuP). Der kostenlose Beratungsdienst für hilfesuchende Patienten und Versicherte geschieht in gesetzlichem Auftrag, ist Teil der Regelversorgung und wird jährlich aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gefördert. 2016 wurde die UPD nach europaweiter Ausschreibung als vermeintlich eigenständige Tochter an die Sanvartis GmbH übertragen. Das sorgte damals für heftige Kritik, weil das Unternehmen sein Geld vor allem mit Callcentern für die Krankenkassen verdient.

Der neueste Deal birgt noch mehr Brisanz: Careforce arbeitet Arzneimittelherstellern als Personal- und Vertriebsdienstleister zu, damit diese ihre Produkte besser vermarktet bekommen. Hinter dem Unternehmen steht der Private-Equity-Fonds Findos Investor, der mit dem Geld deutscher Mittelständler auf Renditejagd geht. Wie soll die UPD unter diesen Bedingungen neutral und unabhängig Patienten beraten – etwa in Fällen, in denen Opfer falscher Medikamentenverabreichung Hilfe suchen?

Offenbar schert man sich beim GKV-Spitzenverband nicht um derlei Fragen. Wie junge Welt in Erfahrung gebracht hat, ist die GKV-Führung mindestens seit mehr als drei Wochen über die Vorgänge im Bilde. Das belegt ein Brief der Vendus-Gruppe an die für die UPD zuständigen Funktionäre Gerd Kukla und Heike Wöllenstein vom 6. August. Darin wird erklärt, dass Sanvartis »in Zukunft im Eigentum des Sanvartis-Managements sowie den mittelständischen Unternehmerkollegen Marko-René Scholl und Andrea Scholl, unterstützt durch einen Mittelstandsfonds, liegen« werde. Die Scholls stellen die Geschäftsführung bei Careforce.

Hat die GKV ihr Wissen für sich behalten? Gerüchteweise soll der Verband seinerzeit auch treibende Kraft hinter der UPD-Auslagerung auf Sanvartis gewesen sein. Lange Zeit wollte nicht einmal der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Ralf Brauksiepe (CDU), über »gesicherte Kenntnisse« in punkto UPD-Veräußerung verfügt haben. Inzwischen ist ihm wohl ein Licht aufgegangen. In einem Schreiben an die UPD-Beiratsmitglieder, das dieser Zeitung vorliegt, informiert Brauksiepe mit Verweis auf besagten Vendus-Brief über »nähere Informationen zum Verkauf der Sanvartis GmbH Duisburg«. Dies sei Anlass, das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Beiratssitzung am 17. September zu setzen. Zudem gibt es eine fertig verfasste Pressemitteilung von Careforce, die über alles aufklärt, aber bis jW-Redaktionsschluss nicht veröffentlicht wurde. Warum bloß?

Alarmiert ist Sylvia Gabelmann von der Bundestagsfraktion Die Linke. »Der Fall zeigt deutlich, dass die Privatisierung der UPD ein fataler Irrweg war und nicht dadurch besser wird, dass man den Fehler wiederholt«, beklagte sie gestern gegenüber jW.

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