Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Die Mauer – Magnet für Millionen

Von Helmut Höge
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Guess who’s back? US-Botschafter Richard Grenell blickt in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße durch einen Spalt zwischen den Mauerteilen.

Diesen Text veröffentlichte ich im August 1987. Inzwischen wird allseits der vorschnelle Abriss der Mauer 1990 (sowie der zigtausend Plattenbauwohnungen) bedauert, weswegen man nun den Wiederaufbau wenigstens auf einer kleinen Teilstrecke des ehemaligen Mauerverlaufs plant, nachdem man schon den kleinen Mauerabschnitt »East Side Galery« und den an der »Topographie des Terrors« sowie an der »Gedenkstätte Berliner Mauer« unter Denkmalschutz gestellt hat. Überhaupt sind Mauern schwer im Kommen – weltweit quasi. (H. H.)

Obwohl seit 1961 in einer Art ununterbrochener Luftbrücke Milliarden nach Westberlin gepumpt wurden, um die »Frontstadt« attraktiver zu machen, bleibt die 162 Kilometer lange Mauer die größte Berliner Sehenswürdigkeit. Sechs Millionen Besucher kommen alljährlich – und hauptsächlich ihretwegen – nach Berlin (sie bleiben durchschnittlich 2,3 Tage in der Stadt). An Spitzentagen karren mehr als 50 Stadtrundfahrtsbusse kameraausgerüstete Mauertouristen an das Objekt ihrer Erinnerungsalben.

Der Osten verdient daran nur über den Umweg der Transitpauschale. Trotzdem hat die DDR keine Kosten und Mühen gescheut, um seit 1961 »das beste Grenzsicherungssystem der Welt« auch optisch ansprechender zu gestalten. Das »Mauermuseum« am Checkpoint Charlie, in dem alle Fluchtutensilien und »Zwischenfälle« (192 mit tödlichem Ausgang) exponiert werden, spricht mittlerweile von einer »Mauer der vierten Generation«: »Triumph der Technik und Ästhetik – die neuen Bauelemente aus Beton sind so konstruiert, dass sie sich fugenlos und stabilisierend ineinanderfügen.« (»Die Mauer spricht«, S. 20) Die ca. 164.000 Betonplatten der vierten Generation wurden noch dicker (16 Zentimeter) und noch höher (4 Meter, 10 Zentimeter mit Rohrauflage) gestaltet.

Zur »Schandmauer« (Adenauer) gehören aber auch die 210 Beobachtungstürme, 245 Bunker- und Schützenstellungen, 6.400 Peitschenlampen und 11.000 Sichtblenden sowie ein elektrisch geladener Stacheldrahtzaun – »mit dem die ganze Erde umspannt werden könnte« (»Es geschah an der Mauer«, S. 25) und der stets frisch geeggte sogenannte Todesstreifen (A. Springer), auf dem sich Zigtausende von »vorbildhaften Kaninchen« (K. Wagenbach) tummeln. Bei Wolkenlosigkeit kann man den »antiimperialistischen Schutzwall« (W. Ulbricht) vom Mond aus sehen, berichten Astronauten. Für die Mauertouristen wurden vom Senat bisher nur 52 provisorische Aussichtsplattformen errichtet, einige umgeben von Imbiss- und Souvenirständen. Die am meisten bestiegene (mit Buswendestelle) steht am Potsdamer Platz, die berühmteste, der sogenannte Kennedy-Podest, am Grenzübergang Friedrichstraße/Checkpoint Charlie. (…)

Nach seinem Berlin-Aufenthalt mit DAAD-Stipendium schrieb der Brasilianer Ignacio Brandao einen Ökomauer­roman, der in seinem Land zu einem Bestseller wurde. Auf fünf Prozent schätzt einer der am Grenzübergang Hamburger Bahnhof diensttuenden Beamten den Anteil der »Politirren« am jährlichen Mauertourismusaufkommen. Gemeint sind damit all diejenigen, die ihre privaten Macken und künstlerisch-intellektuellen Aussagen an bzw. mit der Berliner Mauer politisch aufladen. Das Spek­trum reicht vom 80jährigen Amerikaner John Runnings, der an die Mauer pisst und die Rohrauflage mit einem Hammer bearbeitet, über den 26jährigen Göttinger Kain Karawahn, dessen Berliner Performancekarriere mit einer »Feueraktion an der Mauer« begann, und der Künstlerin Ewa Partum, die sich vor der frischgeweißten Grenzanlage nackend auszog, bis zur Mun-Sekte und dem polnischen Aktionsmystiker Lodek (»Die Mauer hat die Kirche als Ort der Meditation ersetzt«), der mit dem Kopf gegen eine die Mauer schützende Polizeikette rannte.

Derlei Proteste interessieren jedoch schon lange niemanden mehr. Wer die Mauer von Ost nach West überwindet, bekommt allerdings in der Berliner Presse nach wie vor Schlagzeilen, auch Haustiere, die sich »nach drüben« verirrt haben. Darüber hinaus gibt es eine wachsende Zahl Lebensmüder in der Stadt, die mit ihrem Auto gegen die Mauer rasen – und so wenigstens ihren Tod spektakulär inszenieren. Wenn es die Mauer nicht gäbe, Berlin müßte sie erfinden. Für eine noch attraktivere Gestaltung ist der Vorschlag von Joseph Beuys nach wie vor unübertroffen: Erhöhung der Mauer um fünf Zentimeter – »aus ästhetischen Gründen«.


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