Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Es wird eng für Winterkorn

Zeuge im Dieselskandal belastet ehemaligen Vorstandsvorsitzenden schwer

Von Stephan Krull
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Träumt wahrscheinlich von einer ruhigen Fahrt im Cabrio. Doch die Ermittlungen um die Rolle von Martin Winterkorn schreiten voran

Worauf Indizien lange hindeuteten und was VW in den USA längst zugeben musste, ist jetzt bei der Braunschweiger Staatsanwaltschaft bezeugt worden: Die oberste Führungsriege des VW-Konzerns wusste früher als zugegeben von dem millionenfachen Abgasbetrug.

Zu diesem Kreis gehören der damalige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn, der zwischenzeitliche Vorstandsvorsitzende Matthias Müller, der gegenwärtige Vorstandsvorsitzende Herbert Diess sowie der damalige Finanzvorstand und heutige Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch.

Im Herbst 2015 hatten die Verantwortlichen bei VW noch rückhaltlose Aufklärung angekündigt. Tatsächlich wurde vertuscht und verschleiert, bis es auch den deutschen Ermittlungsbehörden zu bunt wurde: Wegen des Verdachtes auf Betrug und Verdunklungsgefahr sitzt Rupert Stadler, Vorstandsmitglied des VW-Konzerns und Audi-Boss, nach einer durch das Landgericht München verworfenen Haftbeschwerde weiterhin in Untersuchungshaft.

Das könnte auch dem früheren Vorstandvorsitzenden Martin Winterkorn blühen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Montag, der frühere VW-Manager Bernd Gottweis habe Winterkorn frühzeitig von den Betrügereien informiert: »Gottweis warnte, mit einer Klageschrift der Justiz in Übersee sei kurzfristig zu rechnen. Bei den Behörden dort habe VW ›jegliche Glaubwürdigkeit‹ verloren.« Bei der Staatsanwaltschaft Braunschweig habe er zu Protokoll gegeben, Winterkorns Büro den Vorgang am 14. September 2015 »gegen acht Uhr« auf einer DIN-A4-Seite geschildert zu haben. Winterkorn habe ihn noch am selben Tag angerufen und gesagt, dass er das verstanden habe und »wen er bei VW deshalb jetzt rausschmeißen solle«, heißt es in der SZ. Winterkorn behauptete im Januar 2017 im Untersuchungsausschuss des Bundestages, erst am 20. September 2015 informiert worden zu sein. Drei Tage später war er von seinem Posten zurückgetreten.

In den USA unterzeichnete Volkswagen am 11. Januar 2017 ein vollumfängliches Geständnis, gestand Betrug, Verschwörung und Behinderung der Justiz ein: »Die VW AG stimmt zu, akzeptiert und erkennt an, dass sie (…) verantwortlich ist und erkennt weiterhin an, dass diese Handlungen im Rahmen der Ausübung ihrer beruflichen Beschäftigung/ihres Arbeitsverhältnisses und, zumindest teilweise, zum Vorteil der VW AG erfolgten«, hatte die Anklageschrift gelautet.

Der »Vorteil der VW AG«, der bereits im Geständnis in den USA auftaucht, war auch ausschlaggebend für das »Bußgeld« der Braunschweiger Staatsanwaltschaft von einer Milliarde Euro: Es ging um die Abschöpfung der Betrugsdividende, die tatsächlich längst bei den Großaktionären, dem Porsche-Piëch-Clan und den Scheichs von Katar gelandet ist. In die Zeit von Ferdinand Piëch als Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden fällt übrigens der Beginn des millionenfachen Betruges.


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