Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 5 / Inland

Prekäre Beschäftigung boomt

Statistisches Bundesamt verzeichnet erneut leichten Zuwachs bei atypischen Jobs

Von Susan Bonath
Immer_mehr_Frauen_ar_54305029.jpg
2017 steckte fast jede dritte Frau in einem sogenannten atypischen Arbeitsverhältnis, bei Männern war es etwa jeder achte

Der Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt tobt, die repressive »Agenda 2010« inklusive Hartz IV wirkte auch im Jahr zwölf nach ihrer Einführung zuverlässig: Mehr als jeder fünfte Erwerbstätige musste sich auch im vergangenen Jahr mit einem prekären Job begnügen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern blieben weiterhin gravierend: Fast jede dritte Frau steckte in einem sogenannten atypischen Arbeitsverhältnis, bei Männern war es etwa jeder achte. Gegenüber 2016 stieg die Zahl der Betroffenen insgesamt um gut 60.000 auf mehr als 7,7 Millionen an. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Analyse des Statistischen Bundesamtes hervor.

Diese jährliche Erfassung beruht auf Stichproben. Rund ein Prozent der Bevölkerung wurde dafür befragt, und die Ergebnisse wurden aufsummiert. Das Amt zählte zu den Kernerwerbstätigen rund 37,2 Millionen Menschen, die einer Arbeit nachgehen und »sich nicht in Bildung, Ausbildung oder Freiwilligendiensten befinden«. Dabei bezog es auch 3,6 Millionen Selbständige ein, unter diesen wiederum fast zwei Millionen Solokleinunternehmer. Abzüglich dieser sowie der atypisch Beschäftigten kommen die Statistiker auf 25,8 Millionen Bundesbürger mit einem sogenannten Normalarbeitsverhältnis, darunter etwa 3,7 Millionen Teilzeitbeschäftigte. Insgesamt waren das gut 100.000 Menschen mehr als 2016 und zwei Millionen mehr als im Jahr 2000. Die Zahl atypisch Beschäftigter stieg in den vergangenen 18 Jahren ebenfalls um fast zwei Millionen an.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) erfasste zuletzt im Mai dieses Jahres knapp 33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, ohne auf die Art oder Dauer des Arbeitsverhältnisses einzugehen. Außerdem zählte sie 7,54 Millionen geringfügig Beschäftigte, 130.000 mehr als im März 2018. 4,7 Millionen Menschen hielten sich demnach bundesweit ausschließlich mit Minijobs über Wasser, der Rest verdiente im Nebenjob dazu – beides tendenziell steigend.

Laut Statistischem Bundesamt verfügten 2017 gut 2,5 Millionen Menschen lediglich über einen befristeten Arbeitsvertrag. 4,8 Millionen waren in Teilzeit mit weniger als 20 Wochenstunden angestellt. Die gravierendste Zunahme gegenüber dem Vorjahr verzeichneten die Statistiker bei der Leiharbeit. Demnach kletterte die Zahl der Betroffenen um rund 200.000 auf gut 930.000. Die BA führt in ihrem Bericht »Blickpunkt Arbeitsmarkt – Aktuelle Entwicklungen in der Zeitarbeit« vom Juli dieses Jahres bereits 1,032 Millionen Leiharbeiter für Ende 2017 auf – Tendenz weiter steigend. Insgesamt hat sich damit deren Zahl in Deutschland – seit der Einführung von Hartz IV – von 282.000 im Jahr 2003 mehr als verdreifacht. Zum letzten Jahreswechsel existierten mittlerweile 54.400 Betriebe in der Bundesrepublik, die sich auf das Verleihen von Arbeitnehmern an Unternehmen spezialisiert haben. Rund 2.700 davon waren größere Firmen mit einem Pool von mehr als 100 Beschäftigten.

Die prekären Auswüchse gehen auch aus der aktuellen BA-Statistik für den Monat Juli 2018 hervor. Von den dort gemeldeten 822.000 Stellenangeboten waren lediglich 712.000 unbefristet und sozialversicherungspflichtig. Darunter befanden sich mehr als 100.000 Teilzeitjobs mit ungenannter Stundenzahl sowie 54.000 Stellen, die »später zu besetzen« sein sollten. Die mit Abstand meisten offenen Angebote verzeichnete die Agentur in der Leiharbeitsbranche.

Die Daten des Statistischen Bundesamtes hätten nun erneut gezeigt, wie stabil der »prekäre Sektor« sei, kommentierte Susanne Ferschl, stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag, die neue Analyse. Sie warnte: »Permanente ökonomische Unsicherheit und Konkurrenzdruck sind ein gesellschaftlicher Spaltpilz und verhindern solidarisches Handeln – in Betrieb und Gesellschaft.« Ein »Weiter so« dürfe es nicht geben.

Das junge Welt-Sommerabo

Lesen Sie drei Monate die gedruckte Ausgabe der Tageszeitung junge Welt! Das Abo kostet 62 Euro statt 115,20 Euro und endet automatisch, muss also nicht abbestellt werden. Dazu erhalten Sie das Buch »Marx to go« aus dem Verlag Neues Leben. Dieses Angebot ist nur bestellbar bis 24. September 2018.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Elgin Fischbach: Um jeden Preis Solange die prekäre Beschäftigung in Deutschland weiterhin wächst, solange wird die Anzahl der Menschen, die mit ihrem Erwerbseinkommen sich selbst und ihre Familien nicht über die Runden bringen könn...
Mehr aus: Inland
  • Berlin und Paris fordern Gegengewicht zu den USA und mehr militärische Eigenständigkeit
  • Angriffe gegen Migranten und Antifaschisten: Linke-Politikerin kritisiert sächsische Polizei nach rechter Gewalt. Ein Gespräch mit Martina Renner
    Jan Greve
  • Repräsentanten der Herero und Nama weiter von Zeremonie zur Rückgabe der Gebeine ihrer Vorfahren an namibische Regierung ausgeschlossen
    Jana Frielinghaus
  • Zahl der Gewalttaten gegen Wohnungslose mehr als verdoppelt
    Marc Bebenroth
  • Streit um Rentenniveau geht weiter. SPD bringt Steuererhöhungen für Reiche ins Gespräch, Neoliberale vertrauen auf Rentenkommission
    Nico Popp