Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 4 / Inland

Mehr Angriffe auf Obdachlose

Zahl der Gewalttaten gegen Wohnungslose mehr als verdoppelt

Von Marc Bebenroth
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Solidarität mit Gewaltopfern: Mahnwache nach dem Brandanschlag auf zwei Obdachlose (Berlin, 23.7.2018)

Seitdem die polizeiliche Kriminalstatistik Verbrechen gegen Obdachlose erfasst, ist die Zahl der Angriffe auf diese Gruppe kontinuierlich angestiegen. Zu Beginn der Erfassung 2011 wurden 249 Fälle verzeichnet, im Jahr 2017 waren es 592. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung, die jW vorliegt, auf eine kleine Anfrage der Fraktion der Partei Die Linke im Bundestag hervor. Insgesamt hat sich die Zahl der Straftaten gegen obdachlose Personen demnach mehr als verdoppelt. Von 602 im Jahr 2011 stieg sie 2017 auf 1.389.

Zur Antwort der Bundesregierung äußerte sich die innenpolitische Sprecherin der Fraktion, Ulla Jelpke, am Montag. Sie fordert von der Bundesregierung neben der bloßen Erfassung von Straftaten gegen Obdachlose eine Einordnung der Zahlen. »Ich erwarte, dass die Bundesregierung nach Erklärungen für das gestiegene Gewaltniveau sucht und entsprechende Gegenmaßnahmen entwickelt«, sagte Jelpke. Die derzeitige Form der statistischen Abbildung von Verbrechen gegen obdachlose Menschen bezeichnete die Linke-Politikerin als »unzureichend«.

Anlass der Anfrage war nach jW-Informationen der Angriff auf zwei Obdachlose am Berliner S-Bahnhof Schöneweide in der Nacht auf den 23. Juli. Damals waren die schlafenden Männer samt ihrem Hab und Gut mit einer brennenden Flüssigkeit übergossen und in Brand gesteckt worden. Die zur Tatzeit 47 und 62 Jahre alten Opfer erlitten bei der Attacke lebensgefährliche Brandverletzungen. Sie wurden in ein Krankenhaus gebracht. Der jüngere Mann musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Der ältere konnte nach einem kürzeren Krankenhausaufenthalt die Klinik wieder verlassen.

Zur besseren Erfassung der Angriffe fordert unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe die Einführung eines bundesweiten Registers. Aus der Antwort der Bundesregierung geht jedoch hervor, dass sie dafür keinen Grund sieht. Ein solches Register habe »keinen Mehrwert«, heißt es.

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