Aus: Ausgabe vom 28.08.2018, Seite 1 / Titel

Brauner Terror in Chemnitz

Neonazis machen Jagd auf Migranten nach Messerstecherei am Rande eines Stadtfestes

Von Michael Merz
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»Deutsch, sozial und national«: Aus einem rechten Aufzug heraus wurden am Sonntag nachmittag in Chemnitz Migranten attackiert, die AfD äußerte sich verständnisvoll

Ein Aufzug von hasserfüllt-aggressiven Rechten beendete am Sonntag das Stadtfest in Chemnitz. Mit Fußtritten attackierten Neonazis und Hooligans Menschen, die sie für Migranten hielten, und jagten sie durch die Straßen. Auf im Internet kursierenden Videos ist zu sehen, wie mutmaßliche Ausländer grundlos angegriffen werden. Die in der Innenstadt marschierende Menge von etwa 1.000 Personen skandierte »Wir sind das Volk« und »Das ist unsere Stadt«. Einzelne Rufer peitschten die Pogromstimmung mit Parolen wie »Ausländer raus«, »elendes Viehzeug« und »deutsch, sozial und national« an.

Eine Messerstecherei in der Nacht zum Sonntag am Rande des Stadtfestes war extrem rechten Gruppen willkommener Anlass für die Machtdemonstration auf Chemnitz’ Straßen. Ein 35jähriger war im Krankenhaus verstorben, zwei weitere Anwesende wurden verletzt. In den Konflikt waren nach ersten Ermittlungen der Polizei etwa zehn Menschen verwickelt. Der genaue Tathergang und die Hintergründe sind noch nicht bekannt. Nach Informationen der Leipziger Volkszeitung hatten alle drei Opfer »Migrationshintergrund«. Der Tote sei Deutschkubaner gewesen, die beiden Verletzten seien Russlanddeutsche. Wie die Chemnitzer Staatsanwaltschaft am Montag mittag mitteilte, wurden ein 23jähriger Syrer und ein 22 Jahre alter Iraker dem Haftrichter vorgeführt. Sie werden verdächtigt, den 35jährigen erstochen zu haben.

Trotz andauernder Ermittlungen der Polizei und unsicherer Erkenntnislage über den Vorfall am frühen Morgen hatte die sächsische AfD bereits am Sonntag nachmittag eine Kundgebung in Chemnitz veranstaltet. Anschließend kamen immer mehr Demonstranten zusammen, mobilisiert über »soziale Medien«, und die Jagdszenen begannen. Spekulationen machten die Runde, es habe ein weiteres Todesopfer gegeben, und der tödlichen Auseinandersetzung sei die sexuelle Belästigung einer Frau vorausgegangen. Beide Gerüchte wurden mittlerweile von der Polizei dementiert. Sachsens AfD-Vize Siegbert Droese äußerte durchaus Verständnis für den Verlauf des Sonntag nachmittags: »Wie das unter Umständen zustande gekommen sein soll, der Tathergang, also mit allen Spekulationen, dass es vielleicht den einen oder anderen zur Unvorsichtigkeit verleitet, das kann ich durchaus nachvollziehen.« Angeheizt wurde die aus dem Aufzug heraus begangene Selbstjustiz vom AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier, der am Sonntag twitterte: »Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach! Heute ist es Bürgerpflicht, die todbringendendie (sic!) ›Messermigration‹ zu stoppen!«

Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, sagte am Montag: »Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft oder den Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, das nehmen wir nicht hin.« Antje Feiks, Landesvorsitzende von Die Linke, sprach den Angehörigen des Todesopfers ihr Beileid aus, erinnerte an die »gefestigten rechten Strukturen« im Freistaat und die diesbezügliche Ignoranz der CDU. Offene Fragen zum Aufmarsch am Sonntag hat die Linke-Politikerin Kerstin Köditz, zum Beispiel: »Warum hat man so lange gebraucht, um genügend Einsatzkräfte herzubringen?«

Für den Montag abend waren erneut zwei Demonstrationen in der Stadt geplant. Das Bündnis »Chemnitz nazifrei« hatte zu einer Kundgebung gegen Hetze aufgerufen. Danach wollte die rechte Organisation »Pro Chemnitz« vor dem Karl-Marx-­Monument ihre Anhänger versammeln.


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