Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Tod im Marxismus

Eine Erkundung

Von Gerhard Oberkofler
Koerperwelten_Ausste_19997327.jpg
Manchmal »lebt« auch der tote Körper weiter: Etwa als Objekt der Spektakel-Schau »Körperwelten«

Als 26jähriger hat Karl Marx über den Tod des Individuums geschrieben: »Der Tod scheint als ein harter Sieg der Gattung über das bestimmte Individuum und ihrer Einheit zu widersprechen; aber das bestimmte Individuum ist nur ein bestimmtes Gattungswesen, als solches sterblich.« Den Tod des Menschen als ein besonderes Individuum hat Marx nicht systematisch behandelt, dennoch ist das Sterben des Menschen in seinen Schriften gegenwärtig. Die Realität, dass im Angesicht des Todes nicht alle Menschen gleich sind, wird offenkundig, wenn Marx den zugefügten Tod als Ergebnis von Unterdrückung und Sklaverei, von Kriegen und alltäglicher Ausbeutung aufgrund der herrschenden Eigentumsverhältnisse analysiert und historisch dialektisch darstellt. Die versklavten Kinder in den Minen Afrikas oder die im Mittelmeer ertrinkenden Menschen haben einen anderen Tod als die Menschen in den Ländern der imperialistischen Bereicherung. Der, weil Kommunist, vergessene türkische Schriftsteller Nazim Hikmet erzählt: »Ein alter persischer Dichter sagt: / ›Der Tod ist gerecht, / er schlägt mit gleicher Majestät / den Schah und den Armen.‹ / Hasim, was blickst du so verwundert? / Bruder, hörtest du nie / von einem Schah, der einen Kohlenkorb schleppte / und im Laderaum eines Frachters umkam?«

Friedrich Engels hat in seinen Notizen zur Dialektik der Natur mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel festgestellt, dass die Negation des Lebens als wesentlich im Leben selbst enthalten ist. Für jeden, der dieser materialistisch dialektischen Auffassung des Lebens mit dem Tod als Resultat folgt, »ist alles Gerede von Unsterblichkeit der Seele beseitigt«. Eben dieses Gerede ist ein Fundament von Religionen. Dennoch sind für Marxisten Religionen kein Betrug, sie sind kein Opium für das Volk, sondern ein Opium des Volkes, sie sind »Seufzer der bedrängten Kreatur« und ihr »illusorisches Glück«. Marx’ Religionskritik war Gesellschaftskritik.

In einem von Nelson Mandela zusammengestellten Band seiner afrikanischen Lieblingsmärchen werden Mythen und Rituale zum Tod von Lebewesen wiedergegeben, die dem Kaddischgebet oder den christlichen und islamischen Bitt- und Fürbittengebeten ähneln. Der vietnamesische Mönch Thich Nhat Hanh meint, der buddhistischen Tradition folgend, dass der Tag unseres Todes »der Tag unseres Fortwährens in vielen anderen Formen« ist. Der kurdisch-alevitische Schriftsteller Mehmed Uzun stellt den Tod materialistisch und zugleich tröstend so dar: »Dem Röcheln folgt eine ewige Stille. Kein Atem, kein Ton, kein Wort, kein Gefühl. Der Schleier der ewigen Stille hat sich über alles gelegt. Alles verschwindet plötzlich wie ein nächtlicher Traum, nur die ewige Stille bleibt.«

Einer der größten Marxisten des vorigen Jahrhunderts, Bertolt Brecht, wollte keinen Grabstein, »aber wenn ihr einen für mich benötigt, wünschte ich, es stünde darauf: Er hat Vorschläge gemacht. Wir haben sie angenommen. Durch eine solche Inschrift wären wir alle geehrt.« Befreiungstheologen wie Ignacio Ellacuría oder Giulio Girardi stellten die sozialen und historischen Dimensionen des menschlichen Seins in den Vordergrund und kämpften gegen alle Formen von Unterdrückung und Ausbeutung – in der Hoffnung auf eine Veränderung der Welt. »Non omnis moriar« – »Ich werde nicht vollends sterben« ist bei solchen Menschen nicht vom Jenseitsglauben getragen.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton