Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 7 / Ausland

Der Druck des Klans

Familie des Exministerpräsidenten Mitsotakis will Straße für früheren Führer der griechischen Rechten

Von Hansgeorg Hermann, Vamos
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Tod eines Klanchefs: Trauerfeier für den rechten Politiker Konstantinos Mitsotakis am 31. Mai 2017 in Athen

Fast wäre er 100 Jahre alt geworden, wie es ihm seine nach Tausenden zählenden »Patenkinder« so oft gewünscht hatten. Doch dann reichte es doch nicht ganz: Im Mai des vergangenen Jahres starb der 1918 geborene Konstantinos Mitsotakis in einem Athener Krankenhaus. Nur 15 Monate später will nun seine Familie eine Straße nach dem ehemaligen Anführer der griechischen politischen Rechten benannt haben – und zwar eine ziemlich große und etliche Kilometer lange. Die linke Opposition der Provinzhauptstadt Chania in Kreta wehrt sich dagegen, eine Bürgerkommission hat den Beschluss der rechtskonservativen Mehrheit im Stadtrat vorerst aufgehoben. Es geht um die neuere griechische Geschichte und die Bewertung der politischen Figur Mitsotakis.

»Der Druck des Klans Mitotakis und seiner Anhänger« sei immens gewesen, klagte in der vergangenen Woche der linke Ratsherr Ioannis Saris in einem Gespräch mit junge Welt. Saris ist Gründer und Chef der mit vier Abgeordneten im Rat vertretenen Bürgerinitiative »Der Mensch zuerst« (POA). Seine Gruppe sieht sich zwar als Partner der Regierungspartei Syriza des amtierenden Ministerpräsidenten Alexis Tsipras, geht aber seit den vergangenen Kommunalwahlen eigene Wege. Was den Antrag der Rechtspartei Nea Dimokratia (ND) – Mitsotakis war von 1984 bis 1993 ihr Chef – zur Umbenennung der Avenue Akrotiriou anbetrifft, stehen beide Linksfraktionen allerdings Seite an Seite.

Die Akrotiriou ist nicht nur eine der großen Ausfallstraßen der Stadt an der Nordwestküste Kretas, sie hat auch hohen Symbolwert. Sie steigt hinauf zum Flughafen, vorbei am Mausoleum des ersten Ministerpräsidenten des heutigen Griechenland, Eleftherios Venizelos, der seine Heimat Kreta zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit dem Festland vereinigte. Im unteren Teil, sagt Saris, trage sie zudem den Namen des Widerstandsmannes Manoussos Koudos. Genau das scheint auch die Familie des Verstorbenen erwogen zu haben. Der Rechtspolitiker selbst verbreitete schon zu Lebzeiten die Mär vom ewigen Resistenzler Mitsotakis, der nicht nur gegen die deutsche Wehrmacht sein Leben aufs Spiel gesetzt habe, sondern auch gegen die Obristen angetreten sei, die das Land 1967 mit einer sieben Jahre währenden Militärdiktatur überzogen.

Zweifel an dieser sehr individuellen Geschichtsschreibung sind erlaubt. 1965 führte Mitsotakis – damals als Außenminister – eine Gruppe von Abtrünnigen an, die ihren Regierungschef Georgios Papandreou, einen Mann des linken Zentrums, stürzten. Zwei Jahre später übernahm eine von den USA unterstützte Gruppe faschistischer Offiziere um Georgios Papadopoulos und Stylianos Pattakos die Macht in Athen. Mitsotakis gilt der griechischen Linken seither als »Prodromos«, als Wegbereiter der Militärdiktatur. Auch seine Rolle im Widerstand gegen die deutschen Besatzer ist vor allem eine selbstgestrickte. Beweise für seinen Einsatz gegen die Wehrmacht blieb er meist schuldig. Nach seinem Tod strickt nun die Tochter Dora Bakogianni an der Legende. Ihr jüngerer Bruder Kyriakos Mitsotakis, der inzwischen zum neuen ND-Chef und Herausforderer des Premiers Tsipras aufgestiegen ist, treibt seine Leute im Rat von Chania vor sich her.

Die Abstimmung vor einigen Tagen fiel entsprechend deutlich aus: Acht gegen vier Ratsherren wollen demnach die Umbenennung der Akrotiriou in »Odos Konstantinos Mitsotakis«, die Anwohner der Avenue wollen es nicht. Das für schwierige Fälle zuständige Bürgerkomitee überstimmte den Rat am vergangenen Dienstag und stoppte das Projekt vorerst. Ihr Vorwurf: Geschichtsfälschung von seiten des Klans. Nicht nur den Kretern, sondern den Griechen insgesamt gilt »der Lange«, wie Mitsotakis wegen seiner Körpergröße genannt wurde, als wichtigster Protagonist des »Klientelstaates« und Repräsentant der »Rousfetia«, wie im Land der Philosophen Schmiergelder genannt werden. Mitsotakis soll in seinem Leben, so geht die Legende, mehr als tausend Kinder aus der Taufe gehoben haben und sich so Mehrheiten auf seiner Insel Kreta gesichert haben. Die Familie wurde in der Politik stinkreich, aber Geld stank dem Alten freilich nie.

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