Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 4 / Inland

Viele Stimmen, ein Kampf

In Hamburg schreiten Planungen zur Großkundgebung »United against Racism« im September voran. Erwartet werden mindestens 20.000 Teilnehmer

Von Kristian Stemmler
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Siegreiche Solidarität: Mehr als 300 Organisationen, Initiativen und Institutionen unterstützen den Aufruf (Hamburg, 24.8.2018)

Emotionale Worte sind es, mit denen bundesweit zu einer Großkundgebung am 29. September in Hamburg aufgerufen wird: »Wir kennen einander, teilen ein Leben, eine Stadt, eine Welt ohne Grenzen. Wir lassen uns nicht spalten, sondern setzen die Gesellschaft neu zusammen. Wir bauen die Allianzen, die uns die Kraft und die Macht geben, Ausgrenzung und rechte Hetze zu bekämpfen.« Die geplante Parade »United against Racism« (Vereint gegen Rassismus) soll Menschen aus allen Ecken der Republik in der Hansestadt für Freizügigkeit und gleiche Rechte versammeln.

Auf einer Pressekonferenz am Freitag haben Vertreter von Seenotrettungsorganisationen, migrantischen Gruppen, selbstorganisierte Geflüchtete und Theaterschaffende Einzelheiten erläutert. Wohl nicht zufällig hatten sie als Ort die »MS Stubnitz« ausgewählt: Das Schiff gehörte mal zur Hochseefangflotte der DDR und ist heute nach einer Renovierung an einem Kai der Hamburger Hafen-City als Veranstaltungsschiff vertäut. Dabei waren sie ein zentrales Thema sowohl im Aufruf wie auf der Pressekonferenz: die mehr als 100 Flüchtlinge, die jeden Monat im Mittelmeer ertrinken, weil die Europäische Union (EU) Rettungsschiffe an ihrer Arbeit hindert.

Der Kapitän des Rettungsschiffs »Lifeline«, Claus-Peter Reisch, sieht dahinter eine Strategie der EU. Reisch sagte dem Bayerischen Rundfunk am Sonnabend in München: »Europa tut mehr dafür, die Rettungsboote festzuhalten und die Flüchtlinge ertrinken zu lassen«, als darauf zu achten, humanitär und gesetzeskonform zu handeln. Am gleichen Tag demonstrierten in der bayerischen Landeshauptstadt laut Sender mehrere hundert Menschen gegen das Ertrinkenlassen im Mittelmeer. Der Demoveranstalter »Seebrücke« beging damit in München den Auftakt zu einer Woche europaweiter Proteste.

Die Organisatoren der Parade im September wollen mit Lautsprecher- und Motivwagen, Performances und viel Musik »die Kälte verjagen, den Rassismus, die Herzlosigkeit aus den Straßen der Stadt«. Um 12 Uhr soll an jenem Samstag der Umzug unter dem Motto »Many Voices, One Struggle« (Viele Stimmen, ein Kampf) am Rathausmarkt mit einer Auftaktkundgebung beginnen. Von dort aus geht es durch Hamburg. Der Tag endet am Hafenrand ab 17 Uhr mit einer Abschlusskundgebung mit Rednern aus ganz Europa und außereuropäischen Ländern sowie einem großen Konzert.

Es mache ihn sprachlos, wenn er mitbekomme, wie deutsche Touristen sich etwa in Griechenland bei einem Urlaub am Strand amüsierten, während nicht weit entfernt Flüchtlinge um ihr Leben kämpften, erklärte Jörn Menge von »Laut gegen Nazis« auf der Pressekonferenz am Freitag. Massimo Perinelli vom Tribunal »NSU-Komplex auflösen« sagte, die Toten des Mittelmeers zeigten die ganze Verrohung der Gesellschaft. Und: »Migration ist nicht kontrollierbar, nicht umkehrbar.« Es gebe keine Gesellschaft ohne Migration.

Hinter »United against Racism« steht ein breites Bündnis von mehr als 300 Initiativen, Gruppen und Organisationen. ATTAC Deutschland ist dabei, der FC St. Pauli, das Auschwitz-Komitee, die Flüchtlingsräte der Bundesländer, Medico international, Sea-Watch, Organisationen aus den Bereichen Sport, Kirche, Kultur, Gewerkschaften und Wissenschaft, die Gruppe Schwabinggrad-Ballett ebenso wie die Hamburger Initiative »Omas gegen Rechte« sowie der SV Babelsberg 03. Die Großdemonstration knüpft an die Berliner »We’ll Come United«-Demonstration im September 2017 an. Damals waren rund 10.000 Teilnehmer gekommen. Für die Parade in Hamburg werden mindestens 20.000 erwartet.

Ali N. vom Verein »Afghanischer Aufschrei Düsseldorf« betonte, der Skandal sei nicht, »dass Menschen nach Deutschland kommen, sondern dass ihnen hier Rassismus entgegenschlägt«. Karin Beier, Intendantin am Schauspielhaus Hamburg, sagte: »Rassismus und Diskriminierung werden zunehmen, weil immer mehr Menschen gewaltsam von unserer Lebensweise ausgeschlossen werden müssen.« Beim Sprechen über Rassismus stehe daher »unsere eigene unsolidarische Lebensweise« zur Debatte.


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