Aus: Ausgabe vom 25.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Einer von uns«

Vor 40 Jahren war der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn der erste Deutsche im All. Er blieb trotzdem bodenständig

Von Frank Schumann
Sigmund Jähn2.jpg
Die Geschichte zum Bild erfahren Sie im Beitrag

Am 26. August 1978 flog der erste Deutsche ins All. Als Sigmund Jähn am 3. September, einem Sonntag, in der kasachischen Steppe landete, schlug ich in Berlin auf. Am Montag hatte ich nach dem Studium meinen ersten Arbeitstag in der Redaktion der Jungen Welt. Die saß in der 8. und 9. Etage im Pressehaus am Alexanderplatz und schwirrte wie ein Bienenstock. Seit Tagen gab es nur ein Thema, das die ersten Seiten bestimmte, und so ging es denn auch weiter: Ankunft im Sternenstädtchen, Ordensverleihung in Moskau, Fahrt durch Berlin mit einem Spalier von Hunderttausenden, Auszeichnung im Staatsrat, Beförderung, Ehrenbürgerschaft, dann Reise durch die DDR – von Anklam bis Karl-Marx-Stadt. Mein erster Auftrag der Zeitung: Sigmund Jähn auf der Fahrt zu begleiten.

Die Menschen waren wie aus dem Häuschen, sie feierten den 41jährigen und dessen Begleiter Waleri Bykowski überall wie einen Popstar. Der ließ alles freundlich und bescheiden über sich ergehen. Da war überhaupt keine Distanz. Obwohl er ganz oben war, hatte »Siggi« nicht abgehoben. Er blieb »einer von uns«.

Unmittelbar nach dem erfolgreichen Acht-Tage-Flug erhielt Jähn etwa 50.000 Telegramme, Briefe, Karten und Päckchen. Es schrieben einfache Leute, Schüler, Familien und Arbeitskollektive. Und allen Ernstes: Er war bemüht, ihnen allen zu antworten, und schaffte es auch. Allerdings wurde ihm dabei Hilfe zuteil, er war ja schließlich inzwischen Oberst der NVA.

Ich fragte ihn später einmal, ob diese Zeit nicht anstrengender gewesen sei als der Flug selbst. Jähn lachte. »Zumindest hinterließen die unzähligen Interviews nicht solche schmerzhaften Spuren wie der Ausflug ins All. An den Folgen der Landung laboriere ich noch heute. In der DDR war das als Berufsunfall anerkannt worden, worauf man mich teilinvalidisierte. Die Ärzte der Bundeswehr strichen mir diese soziale Sicherung. Ich hätte ja noch lachen können, wenn sie gefragt hätten: Berufsunfall? Ist Kosmonaut Ihr Beruf? Den haben Sie doch nur eine Woche ausgeübt.«

Nachdem die Kapsel in der Steppe aufgesetzt hatte, war Kommandant Bykowski mit der Hand vom Knopf abgerutscht, mit dem der Bremsfallschirm ausgeklinkt werden sollte. Der starke Wind ließ das Gefährt hart über die Erde rumpeln, mit ebenjenen schmerzhaften Folgen. Sigmund Jähn hat nie öffentlich darüber geklagt. Nur wenn man ihn darauf ansprach, hob er abwehrend die Hände. Ich erinnere mich, wie er im Verlag an die tausend Exemplare seiner 1999 erstmals erschienenen Biographie (»Rückblick ins All«, Das Neue Berlin) signierte. Am Stück konnte er nicht so lange auf dem harten Stuhl sitzen. Trotzdem absolvierte er mit Leidenschaft und eisernem Willen auch dieses Programm. Er hatte sich am Rückgrat verletzt, dieses aber eben nicht verloren.

Hintergrund: Hermann Kant in Baikonur

Die Zeitungen waren voll von Berichten, damals und später zu allen Jahrestagen. Doch merkwürdigerweise gab es keine Publikation eines namhaften DDR-Autors, die sich mit dem Flug des ersten Deutschen ins All beschäftigte.

Die DDR-Offiziellen wünschten sich solches offenkundig, denn unter den Gästen, die dem Start in Baikonur am 26. August 1978 beiwohnten, war auch Hermann Kant, der Schriftsteller und Nationalpreisträger. Er wird sich nicht freiwillig gemeldet haben, denn der Start war wie so vieles geheimgehalten worden. Erst als die Rakete in der Luft war, wurde das Ereignis öffentlich.

Vielleicht hatte jener, der Kant den Marschbefehl erteilte, Norman Mailers Buch »Auf dem Mond ein Feuer« von 1971 gelesen. Der US-amerikanische Romancier und Pulitzer-Preisträger hatte darin über die Mondmission von »Apollo 11« geschrieben, und der Spiegel rühmte die 565 Seiten als »das beste Stück Literatur, das über die Weltraumfahrt bis dato geschrieben worden ist«. Es gebe beispielsweise »einfach keine packendere Beschreibung des Starts« als dort. Die Latte lag hoch.

Ich weiß nicht, ob sie Kant vom Schreiben abhielt. Denn auf die ihm später wiederholt gestellte Frage: »Du warst doch dabei, warum erzählst du nichts darüber?« pflegte er stets zu antworten: »Sollte ich einmal passende und unverbrauchte Worte finden, werde ich es tun.« – Er hat sie leider nie gefunden. (fs)

Die Geschichte hinter dem Bild: Die Zeitungen in der DDR veröffentlichten am 4. September 1978 dieses TASS-Foto, das Sigmund Jähn (r.) und seinen sowjetischen Freund und Partner Waleri Bykowski (l.) vor der Kapsel nach der Landung zeigt. Links ist ein Aufkleber zu sehen: eine gelbe Blume, über die sich der Schriftzug Junge Welt zieht. Der Moskau-Korrespondent der Jungen Welt, Lothar Winkler, der zu den ersten Gratulanten gehörte, hatte den Sticker auf die schwarze, verrußte Kapsel geklebt. Daneben schrieb Jähn mit Kreide nicht nur seinen Namen, wie üblich, sondern auch »Herzlichen Dank«. Das war so ungewöhnlich wie der JW-Aufkleber auf der Sojus-Kapsel. Das TASS-Foto ging um die Welt und erschien auch in der Jungen Welt. Im Unterschied zu den anderen Blättern fehlte jedoch bei uns auf dem Foto der JW-Aufkleber. Chefredakteur Dieter Langguth hatte diesen Teil des Bildes abschneiden lassen. Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen, lautete seine Begründung.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Roland Winkler: Bewahrender Blick Vor wenigen Wochen, zum Fest der Kuba-Freunde in der Parkaue von Berlin, war er zu erleben – Sigmund Jähn. In all den bitteren Jahren der Niederlage, des Hasses und der Hetze gegen DDR und Sozialismus...

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt