Aus: Ausgabe vom 27.08.2018, Seite 2 / Inland

»Sind solidarisch mit lohnabhängig Beschäftigten«

Proteste im Hambacher Forst halten an. Umweltaktivisten kämpfen auch für weltweite Klimagerechtigkeit. Ein Gespräch mit Anna Schönberg

Interview: Markus Bernhardt
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Gegen RWE, für Werktätige und Umwelt: Protestbanner während der »Ende Gelände«-Demonstrationen gegen den Braunkohletagebau Garzweiler nahe Bedburg (26.8.2017)

Am Wochenende ist es im Hambacher Forst zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Umweltschützern gekommen. Was ist passiert?

Die Polizei setzt nach wie vor auf eine Zermürbungs- und Eskalationsstrategie. Sie versucht damit, die Räumung des Forstes zu legitimieren. Aktuell sind Menschen uns unterschiedlichen politischen Spektren hier zugegen, die sich unter anderem mittels Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Rodung des Waldes engagieren. Die Polizei versucht das mit aller Macht zu verhindern. Wir verurteilen die Gewalt der Beamten aufs schärfste, werden uns davon jedoch nicht einschüchtern lassen. Unser Aktionskonsens besagt, dass von uns keine Eskalation ausgehen wird.

Per Erlass hat das Innenministerium NRW für die Zeit vom 1. Oktober bis kurz vor Weihnachten die sogenannte größtmögliche Verfügbarkeit festgelegt. Weshalb?

Landesregierung und Polizei haben sich vorgenommen, die Räumungs- und Rodungsarbeiten im Hambacher Forst mit gewaltsamen Mitteln und gegen den Willen von Umweltverbänden, Bürgerinitiativen, Teilen der Politik und vielen weiteren Akteuren durchzusetzen. Dieses skandalöse Vorgehen wird auf entschlossenen Widerstand treffen.

Wie sieht der konkret aus?

Mit Sitzblockaden und anderen kreativen Aktionen wollen wir die Räumungen und Rodungen aufhalten. Es wird eine sehr emotionale und politisch heikle Auseinandersetzung werden, in der Aktivistinnen und Aktivisten über längere Zeiträume Tag und Nacht im Wald und auf den Straßen unterwegs sein werden. Wer praktisch etwas gegen den Klimawandel tun möchte, sollte jetzt in den Wald kommen – jede und jeder kann mitmachen.

Welches Interesse verfolgt RWE?

Es geht darum, maximalen Profit herauszuschlagen. RWE möchte nicht abwarten, bis die Kohlekommission entscheidet. Einerseits steigt der öffentliche Druck stetig. Andererseits baut RWE mit seinem Tempo selbst Druck auf. Sie hoffen auf Entschädigungen und Subventionen für den schnellen Kohleausstieg.

Was spricht gegen die Rodung?

Der Hambacher Wald sollte als wertvolles Ökosystem mit 142 schützenswerten Tierarten erhalten bleiben. Darüber hinaus ist er zum Symbol gegen den Kohleabbau von RWE geworden. Der Abbau im Rheinischen Braunkohlerevier ist verantwortlich für den größten CO2-Ausstoß Europas und befeuert dadurch den Klimawandel. Extreme Wetterereignisse und Klimakatastrophen sind die Folge – ein sofortiger Kohleausstieg ist unumgänglich, um die Klimaziele 2020 zu erreichen. Die Rodung bedeutet auch, dass in den kommenden Jahren weitere Dörfer umgesiedelt und abgebaggert werden. So verlieren mehr Menschen ihr zu Hause für die Profite von RWE.

Und wen trifft der weiter angeheizte Klimawandel?

Dessen Folgen betreffen derzeit vor allem die ärmere Bevölkerung im globalen Süden, obwohl im globalen Norden die Verursacher sitzen. Im Kapitalismus wird es auch weiterhin so sein, dass die Verschmutzung unserer Umwelt als erstes diejenigen trifft, die am wenigsten besitzen. Sie sind Umweltkatastrophen schutzlos ausgeliefert. Man kann sich Wasser schlichtweg nicht mehr leisten, und Menschen sterben an Vergiftungen durch die großen Agrarkonzerne. Wir kämpfen daher für Klimagerechtigkeit – nicht nur hier, sondern weltweit.

Wie positionieren sich die Gewerkschaften IG BCE und Verdi, die Beschäftigte bei RWE organisieren?

IG BCE und Verdi sehen durch den Kohleausstieg Arbeitsplätze bedroht. Wir sind solidarisch mit den lohnabhängig Beschäftigten. Es darf nicht sein, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter, die teilweise seit Jahrzehnten bei RWE beschäftigt sind, durch den Kohleausstieg ihre Existenzgrundlage verlieren. Wir suchen aktiv den Dialog mit den Gewerkschaften, um Konzepte für einen Strukturwandel von unten auszuarbeiten. Wir freuen uns deshalb, dass zum Beispiel mit der Podiumsdiskussion auf dem Klimacamp im Rheinland zwischen Vertretern der Klimagerechtigkeitsbewegung, Anwohnenden und Vertretern der IG BCE die Diskussion um eine klimagerechte und soziale Zukunft begonnen hat. Nur wenn wir einen gemeinsamen Kampf führen, können wir RWE ein Schnippchen schlagen.

Anna Schönberg ist Sprecherin des Bündnisses »Aktion Unterholz«


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