Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 8 / Kapital & Arbeit

»Behörden sind mehr oder minder machtlos«

Großinvestoren wie »Blackrock« profitierten von der Finanzkrise und gewinnen an Einfluss. Ein Gespräch mit Heike Buchter

Interview: Simon Zeise
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Der frühere Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, ist heute Aufsichtsratsvorsitzender des deutschen Ablegers von Blackrock

Blackrock gilt als die größte Schattenbank der Welt. Was macht sie so gefährlich?

Die Chefs von Blackrock mögen den Ausdruck überhaupt nicht. Schattenbanken sind Institutionen wie Vermögensverwalter, Investmentfonds, Private Equity oder Hedgefonds. Es sind alle keine Banken, aber sie erfüllen zunehmend Funktionen, die bis vor nicht allzu langer Zeit Banken hatten. Dabei werden sie aber nicht reguliert wie diese.

Den Aufstieg verdankt Blackrock der Finanzkrise von 2008. Wie konnte der Konzern profitieren?

Schattenbanken gab es vorher schon. Aber in vielen Teilen des Finanzmarktes waren die traditionellen Geldhäuser dominant, die Handel und Kreditgeschäfte gemacht haben und in Sachen Finanzierung die Hand drauf hatten. Investmentbanker haben zwischen Unternehmen und Investoren vermittelt. Das war ihre Rolle, und dabei saßen sie an der Quelle. Die Dominanz der Banken ist vor zehn Jahren innerhalb einer Woche in einer rasanten Geschwindigkeit abgebaut worden. Der Höhepunkt war der Untergang von Lehman Brothers. Bis dahin hatte man gedacht, den Masters of the Universe, wie sie sich selbst gesehen haben, kann keiner was.

Gleichzeitig brauchten Politiker und Zentralbanker in der Krise einen Partner, der das Geschäft verstand. Als Experten konnten sie in der Situation schlecht Mitarbeiter von Goldman Sachs oder der Deutschen Bank zu Rate ziehen – das hätte nicht so gut ausgesehen. Da hat sich in der Stunde der Not, als guter Freund der Politiker und der Investoren, Larry Fink mit seiner Truppe angeboten. Das ermöglichte Blackrock, in Ecken zu wachsen, die Banken aufgeben mussten.

Blackrock-Chef Larry Fink gilt als Erfinder der Ramschpapiere, die die Finanzkrise auslösten. Ist das richtig?

Fink war als Investmentbanker einer der Pioniere bei der Verbriefung von Hypotheken. Banken können nur begrenzt Darlehen ausgeben – sie müssen Reserven bilden für das Ausfallrisiko. Über die Verbriefungen konnten die Kredite für Häuslebauer zusammengelegt und häppchenweise an Investoren abgegeben werden. Die Banken gaben so die Risiken ab und konnten mehr Kredite ausgeben. Der Vorteil: Mehr Häuslebauer wurden finanziert. Die Wall-Street-Jungs packten allerdings bald Schrottkredite hinein. Fink war zu dem Zeitpunkt auf die Investorenseite gewechselt. Als das Ding mit den Hypothekenpapieren in die Grütze ging, war er einer der profitabelsten Aufräumer.

Ist der US-Fonds Blackrock schlimmer als Finanzhaie aus Deutschland?

Der Sparbrief gilt – überspitzt gesagt – in Deutschland immer noch als das höchste der Gefühle bei der Anlage, alles andere wird als Spekulation gesehen. Kein Wunder, dass ausländische Fonds wie die von Blackrock inzwischen die Dax-Konzerne dominieren. Das Problem ist nicht, dass sie zuviel Einfluss nehmen, sondern eher das Gegenteil. Bei Tausenden Unternehmen haben sie kaum Kapazitäten, den Managern auf die Finger zu schauen. Ein Beispiel für Fehlentwicklungen sind die Programme, bei denen eigene Aktien im Wert von Billionen Dollar von den Unternehmen zurückgekauft werden. Auch die deutschen Konzerne sind mit Milliarden Euro an Rückkäufen fleißig dabei. Damit wird der Kurs künstlich hochgezogen. Das macht Aktionäre reicher – zu denen meist auch die Manager gehören. Dabei ist aber kein neuer Arbeitsplatz und kein neues Produkt entstanden, nichts, nada.

Blackrock ist mit Indexfonds an Dax-Konzernen beteiligt. Was bedeutet der zunehmende Einfluss dieser Fonds für eine Volkswirtschaft?

Es gibt Studien, die zeigen, dass Unternehmen, an denen die gleichen Indexfonds beteiligt sind, sich untereinander weniger Konkurrenz machen – und die Preise für Konsumenten steigen. Das ist im Fall von US-Airlines und bei Banken nachgewiesen worden. Einige Forscher sprechen schon davon, dass wir es bei den Indexfonds mit einer neuen Art Kartell zu tun haben. Behörden sind da mehr oder minder machtlos, denn in Kartellrichtlinien taucht so etwas gar nicht auf. Es geht nicht darum zu sagen: Blackrock ist böse. Es geht darum, welche Folgen und Gefahren der Aufstieg solcher Investmentgiganten birgt.

Heike Buchter ist Autorin des Buches »Blackrock. Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld«. Sie berichtet seit 2001 von der Wall Street


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