Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 6 / Ausland

Kampf um Idlib

Syrische Armee ruft bewaffnete Gruppen in Provinz im Norden des Kriegslandes zur Aufgabe auf

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Checkpoint in Idlib: Mitglieder einer islamistischen Gruppen kontrollieren Autos in der nordsyrischen Stadt (18.7.2018)

»Können Sie mir sagen, wie ich meine zwei Söhne nach Deutschland schicken kann?« Abu Ahmed kommt aus der syrischen Provinz Hasaka. Der Vater von fünf Söhnen will seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Drei der Jungen sind bereits in Deutschland, wo sie nach seinen Angaben Arbeit gefunden und Ausweispapiere erhalten haben, mit denen sie im Schengen-Raum reisen können.

Nun wolle er auch seine beiden Jüngsten nach Deutschland schicken. Einer ist 14, der andere 15 Jahre alt. Er habe Angst um sie. Die kurdischen Milizen wollten sie als Soldaten rekrutieren, das wolle er verhindern. Jeden Tag würden Tote in die Stadt gebracht, von der Front im Osten von Hasaka. Auch in Damaskus fühle er sich nicht sicher, so Abu Ahmed. Die syrische Armee könnte die Jungen in zwei Jahren für den Militärdienst abholen. Das wolle er auch nicht.

Er habe gehört, wenn er 10.000 Euro für jeden der Jungen bezahle, würden sie nach Deutschland gebracht. Dafür habe er sein Haus verkauft. Auf die Frage, an wen er das Geld zahlen müsse, zuckt der verzweifelte Vater mit den Schultern. An Schmuggler? Abu Ahmed nickt. Morgen werde er mit seinen beiden Söhnen nach Beirut fahren, dort hoffe er, mehr Informationen zu bekommen.

Viel wird derweil über die Entwicklung in der nordwestsyrischen Provinz Idlib spekuliert. Krieg sei dort zu erwarten, die »Weißhelme« und die Bundesregierung warnen vor einer humanitären Katastrophe. Der nationale US-Sicherheitsberater John Bolton warnte bei einem Israel-Aufenthalt am Dienstag davor, dass ein Einsatz von Chemiewaffen durch die syrische Armee eine »starke« Reaktion der USA zur Folge hätte. Tatsächlich verhandelt Russland mit der Türkei seit Wochen über eine nichtmilitärische Lösung.

Die syrische Armee wirft aus Hubschraubern Flugblätter ab, um die bewaffneten Gruppen zur Aufgabe zu bewegen. Den syrischen Kämpfern wird Amnestie angeboten, wenn sie ihre Waffen niederlegen. Für die bis zu 30.000 Ausländer in Idlib gibt es hingegen nur ein »Angebot«: Sie müssen das Land verlassen. Für die Türkei ist das ein großes Problem. Denn die Herkunftsländer der Kämpfer, die dem »Islamischen Staat« und Al-Qaida nahestehen, sind nicht bereit, diese Männer und ihre Familien aufzunehmen.

Großbritannien und die USA stellen derweil ihre finanzielle Unterstützung für »Stabilisierungsprojekte« in Idlib und östlich des Euphrat ein. US-Präsident Donald Trump bestätigte am Wochenende, die »lächerliche jährliche Zahlung von 230 Millionen US-Dollar Entwicklungshilfe« für Syrien solle »für andere Projekte der US-Außenpolitik« eingesetzt werden. »Saudi-Arabien und andere reiche Staaten im Nahen Osten werden nun anstatt der USA bezahlen.«

Die britische Regierung erklärte am Montag, die Finanzierung einiger Hilfs- und Ausbildungsprogramme im Nordwesten Syriens einzustellen. Die Situation sei »zunehmend schwierig« geworden, teilte eine Regierungssprecherin der Nachrichtenagentur Reuters mit. Medienberichten zufolge soll die Finanzierung für die sogenannten Lokalräte zunächst überprüft und vermutlich zum Ende des laufenden Haushaltsjahres am 31. März 2019 eingestellt werden.

Ab September soll zudem die Finanzierung der »Freien Syrischen Polizei« beendet werden, an der sich auch Deutschland beteiligt hatte. Ein Bericht der britischen BBC Anfang Dezember 2017 hatte nachgewiesen, dass von der Finanzierung Al-Qaida-nahe Organisationen profitiert hatten, die von der UNO als »terroristisch« eingestuft werden. Danach hatte zunächst London und dann auch Berlin die Finanzierung der Truppe ausgesetzt. Saudi-Arabien hat bereits die Zahlung von 100 Millionen US-Dollar für »Stabilisierungsprojekte« bestätigt. Die Vereinigten Arabischen Emirate werden 50 Millionen US-Dollar überweisen. Auch von Kuwait, Frankreich, Deutschland, Italien, Dänemark, Norwegen, der EU, Australien und Taiwan wurden Zahlungen in Aussicht gestellt, erklärte Brett McGurk, Beauftragter des US-Präsident für Syrien. Er versicherte, keines der von den USA und Verbündeten aufgebauten »Stabilisierungsprojekte« in Syrien werde die Arbeit einstellen müssen.

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  • Hajo Wiese: Vorbildlich Wie immer berichtet Karin Leukefeld sachlich, konkret und informativ über einen Vorgang, der sonst nur ideologisch und moralisch parteiisch und voreingenommen dargestellt wird. Danke!...

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