Aus: Ausgabe vom 23.08.2018, Seite 5 / Inland

Jobflaute im Norden

Windkraftanlagenbauer Enercon will mehr als 800 Stellen bei Zulieferern abbauen

Von Kristian Stemmler
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Protest gegen den Jobkahlschlag bei Enercon vor dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium (Hannover, 15. August)

Die lange Dürre und das Achterbahnwetter in diesem Sommer sollten auch dem letzten Zweifler die Augen geöffnet haben: Der Klimawandel hat längst auch hierzulande Fahrt aufgenommen. Ausgerechnet in dieser Lage kündigt sich in der Windkraftbranche eine Flaute an. Die besten Jahre für die Erbauer von Windparks seien in Deutschland vorbei, schrieb am 9. Juli die Wirtschaftswoche. Ursache sei die Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) 2017, die lange Fristen für den Bau neuer Windkraftanlagen eingeführt und den Anteil der alternativen Energieträger bei der Stromerzeugung auf 45 Prozent gedeckelt habe.

Bemerkbar macht sich das jetzt offenbar beim größten deutschen Hersteller von Windenergieanlagen (WEA), der Enercon GmbH mit Stammsitz im ostfriesischen Aurich. Das 1984 gegründete Unternehmen, das heute mit weltweit rund 14.000 Mitarbeitern international zu den fünf größten WEA-Produzenten zählt, will in der BRD mehr als 830 Arbeitsplätze abbauen, wie NDR 1 Niedersachsen am Montag berichtete. Dies betrifft die Belegschaften der exklusiv für Enercon produzierenden Zulieferfirmen. Der Großteil der Jobs soll dabei mit 700 Arbeitsplätzen in Niedersachsen wegfallen. Aber auch beim Magdeburger Zulieferer WEC-Turmbau GmbH stehen mehr als 100 Stellen auf der Kippe. Die für die Behinderung von Gewerkschaften berüchtigte Enercon GmbH verweigert bisher jede Kommunikation über die geplante Stellenvernichtung und entzieht sich ihrer Verantwortung.

Bisher hat Enercon an keinerlei Krisengesprächen mit Vertretern von Politik und Gewerkschaften teilgenommen. Laut NDR 1 Niedersachsen schlugen die Konzernchefs Gesprächsangebote von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (beide CDU) in der vergangenen Woche aus. Am Freitag trafen sie sich dann immerhin mit dem Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, Enak Ferlemann (CDU), in Aurich. Dies aber auch nur, weil der einen Förderbescheid für die Entwicklung einer Schnelladesäule für E-Fahrzeuge in Höhe von rund 430.000 Euro dabei hatte.

Bisher verhallten alle Appelle an das Unternehmen. Enercon bleibt dabei, nicht selbst über den Stellenabbau zu verhandeln. Wie das NDR-Fernsehmagazin »Panorama 3« am Dienstag berichtete, fühle man sich weder für die Kündigungen noch für Abfindungen oder einen Sozialplan zuständig. Der Windkraftanlagenbauer hat eine verzweigte Struktur von Tochterfirmen und Zulieferern geschaffen, mit der die Belegschaften ausgetrickst werden. Arbeitsrechtler Hajo Köhler kritisierte bei »Panorama 3«, dies sei eine gezielte Strategie. Die Firmenstruktur sorge etwa dafür, dass bei Entlassungen der finanzschwache Zulieferer zuständig sei und nicht der wirtschaftlich stärkere Konzern Enercon. Die Folge sei, dass Abfindungen deutlich niedriger ausfielen.

Enercon war am Mittwoch auch Thema im niedersächsischen Landtag. Die rot-schwarze Landesregierung und fast alle Fraktionen kritisierten den Stellenabbau und forderten die Geschäftsführung zu Gesprächen auf, wie die Wolfsburger Zeitung berichtete. »Wir machen Enercon nicht zum Vorwurf, dass die Aufträge nicht vorhanden sind«, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) nach einem Gespräch mit rund 20 Enercon-Betriebsräten. Es gebe politische Fehler und die »müssen in Berlin korrigiert werden«, so Weil. Dass das Unternehmen aber Minister brüskiere und keine Bereitschaft zeige, mit ihnen zu reden, sei nicht zu akzeptieren. Weil sprach von einer Durststrecke, die überwunden werden müsse. Enercon stehe für »die Probleme der Branche«.

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